Leseprobe: Interview mit Heinz-Günther Hartig – Rock'n'Roll

War Ihre erste eigene Platte auch von Buddy Holly?

Die erste von meinem Taschengeld selbst gekaufte Platte war 1963 die Single „Reminiscing“ von Buddy Holly. Das war eine von drei Singles, die damals von ihm veröffentlicht wurden und die nacheinander in die englische Hitparade kamen, zwei davon in die Top Ten. Eigentlich gefiel mir von denen „Brown Eyed Handsome Man“ am besten. Die war jedoch vergriffen und deswegen kaufte ich „Reminiscing“. Die erste LP war „Surfin’ USA“ von den Beach Boys. Das muss ’64/’65 gewesen sein, weil ich vorher sicher keine 18 Mark zusammen hatte, Singles kosteten 4,75. Beim Versandhaus Neckermann hatte ich mir irgendwann einen Plattenspieler bestellt, den ich auf Raten abstottern konnte. Das war ganz irre, ich habe nämlich herausgefunden, dass ich den mit einem Radio verbinden und echtes Stereo hören konnte. Aus dem Radio kam der eine Kanal und aus dem Lautsprecher des Plattenspielers der andere.

 

Wie ging’s weiter mit dem Plattenkaufen, wie kam der Schritt zum Platten-

sammeln?

Ich glaube, zum Sammeln bin ich gekommen – da müsste man jetzt Psychologe sein –, weil mein Bruder seine Platten oft verkauft hat, um Geld für neue zu bekommen. Das tat mir in der Seele weh, wenn eine dabei war, die mir besonders gefiel. Bis Ende der 60er habe ich mir jeden Monat vielleicht eine neue Platte gekauft. Stones, Beatles, „Hey Joe“ von Jimi Hendrix, sogar die Bee Gees fand ich ganz toll. Irgendwann waren das etwa 100 LPs und 300 Singles. Von Buddy Holly wollte ich aber schon damals jeden Titel haben. Ich war auch in einem Buddy-Holly-Club, 1968 war der gegründet worden, ein kleiner Club mit 20 Leuten, bundesweit verstreut. Wir schickten uns Tonbänder, die wir von Radio Luxemburg oder AFN mitschnitten, zwischendurch schwankte der Empfang oder es wurde reingequatscht, aber durch diese Tonbänder lernte man auch andere Interpreten kennen. Von denen wollte man dann mehr als den einen Song hören und natürlich die Platte haben.

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Können Sie einige Highlights der Sammlung nennen?

Von Johnny Burnette – der hat mit seinem Trio sehr tolle Rock’n’Roll-, Rockabilly-Sachen gemacht –, von dem guten Mann habe ich eine in den USA erschienene, sehr teure LP in meiner Sammlung. Aber vor allen Dingen gibt es drei in Deutschland erschienene EPs von ihm. Zwei hatte ich über Händler für einen hohen Preis bekommen. Die dritte fehlte mir. Irgendwann habe ich in Münster auf einem Flohmarkt so einen richtigen Flohmarkthändler getroffen. Der hatte einen alten Lkw und jede Menge Kram, unter anderem eine große Kiste mit zwei Stapeln Schellackplatten. Ich habe drei, vier Platten gekauft und bin dabei mit ihm ins Gespräch gekommen. Er erzählte, dass er in Spanien wohnen würde und in Marokko von einer Radiostation die komplette Plattensammlung gekauft und die bei seinem Vater in der Nähe von Hamburg eingelagert hätte – 6000 Schellackplatten. Ein paar Wochen wäre er noch hier und ich könnte doch vorbei kommen. Ich bin also zu ihm gefahren, habe einen halben Tag diese ganzen Schellackplatten durchgewühlt und 30, 40, die interessant waren, gefunden. Schließlich wollte er mir eine Kiste mit Singles zeigen, die er verkaufen wollte, hat sich’s aber wieder anders überlegt und meinte, dass er die doch behalten wolle, weil er selbst ein bisschen sammle. Reinschauen durfte ich jedoch in die Kiste und da war dann diese Johnny-Burnette-EP drin. Aber die wollte er auf keinen Fall hergeben. Am Ende hatte ich meine Schellackplatten und sechs, sieben Singles auf einem Stapel, musste für alles 50 Euro bezahlen und fragte, was denn nun mit dieser einen EP wäre. Da nahm er sie in die Hand, guckte sie sich an und sagte: „Ach weißte was, die kriegste so dazu.“ Tja, ich habe so schnell wie möglich alles zusammengepackt, ab ins Auto, und glücklich nach Oldenburg gefahren. Eine Geschichte, die man nie vergisst.