Leseprobe: Interview mit Hans-Jürgen Finger – Schlager

Das heißt, das Interesse an den Schlagern der 50er, 60er, 70er Jahre ist gering?

Es nimmt ab. Es gibt immer weniger Leute, die diese Musik kennen. Sie gerät auch in Vergessenheit, weil der Rundfunk, der diese Platten eventuell noch hat, sie kaum spielt. Daher können schwer neue Schlagerfans hinzukommen. Wo sollten sie die Musik auch hören? Es gibt nur noch ganz, ganz wenige Sendungen wie beispielsweise die „Schallplattenbar“ sonntagabends bei WDR4, die sich der alten Schlager annehmen. Diese Sendung hört man von Nord bis Süd, die zieht die Leute an.

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So wie in den 50ern der Schlager vom Rock’n’Roll beeinflusst wurde, gab’s in den 60ern einige Schlagertitel, die sich an der Beatmusik orientierten. Wie fanden Sie diese Sachen?

Die habe ich nie gemocht. Die kamen von Leuten wie Drafi Deutscher oder Ricky Shayne. Das hat mir nie zugesagt. Heute noch, wenn ich „Marmor, Stein und Eisen bricht“ hören muss, kriege ich sofort schlechte Laune. Ich kann den Titel nicht mehr hören, die Zeit ist rum. Natürlich habe ich die Platten, ich habe sie mehrfach, sie gehören eben in die Sammlung, aber ich würde mir das privat nicht auflegen. In hundert Jahren nicht. Die zweite Hälfte der 60er Jahre war auch nie ganz meine Richtung, weil es viele dümmliche Mitklatsch-Nummern und auch teilweise furchtbaren Seelenschmalz gab. „Ganz in Weiß“ von Roy Black ist da ein Beispiel. Inzwischen totgenudelt und eine entsetzlich abgedroschene Schnulze. Es ist gleichzeitig ein Paradebeispiel dafür, dass heutzutage immer die gleichen Stücke eines Künstlers gespielt werden. Gerade Roy Black hat aber auch sehr hörenswerte Titel gemacht, die allerdings alle dem Vergessen anheim gefallen sind.

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Wie archivieren Sie, wie ordnen Sie Ihre Regale?

Ich archiviere eine Platte mit allen möglichen Hintergrundinformationen, weil ich mir bei der Menge an Platten auf Dauer nicht alles merken kann. Um manche Dinge bestimmen zu können, habe ich Nachschlagewerke. Alles, was ich in Erfahrung bringen kann, dokumentiere ich und tippe es in den Computer: Titel, Interpret, Komponist, Erscheinungsjahr, Laufzeit. Wenn der Titel aus einem Film, einem Musical, einer Oper oder Operette stammt, schreibe ich das mit rein. Oder ob er beim Grand Prix oder bei den Deutschen Schlagerfestspielen dabei war, in welchem Jahr, welche Platzierung. Und wenn es eine Platte ist, die man zum Beispiel wegen des schlechten Zustands nicht senden kann, vermerke ich das genauso. Ich klassifiziere dann alle Platten nach Tonträgertypen und jede bekommt eine fortlaufende Nummer. Dabei verwende ich spezielle Schlüssel für Singles, LPs, Schellackplatten, Longplay-CDs, Maxi-CDs, CDs in einer Box. Innerhalb dieser Kategorien gibt es keine weitere Unterteilung, nur die fortlaufende Nummer, und so kommen sie ins Regal. Im Computer kann ich nach Suchworten oder nach ganzen Titeln suchen, ohne die Archivnummer wird die Suche jedoch schwierig. Abgesehen von den Sachen, die in meinen Wunschsendungen oft verlangt werden. Die finde ich blind. Manchmal erscheinen neu zusammengestellte Oldie-CDs, bei denen ich nicht sofort weiß, ob ich die Titel bereits in der Sammlung habe. Dann muss ich nur in den Computer schauen und sehe, ob es sich lohnt, die CD zu kaufen. Von daher ist dieses System eine feine Sache. Ist halt aufwändig ohne Ende.