Leseprobe: Interview mit Felix Aeppli – Rolling Stones

Waren Sie der Erste, der einen solchen Werkkatalog in Angriff nahm?

Es gab zu der Zeit schon verschiedene Versuche, ein Werkverzeichnis der Stones zu publizieren. Die meisten kamen erstaunlicherweise aus Deutschland, teils aus Skandinavien. Ich glaube, das liegt auch daran, dass man, um Stones zu sammeln, einigermaßen gut bei Kasse sein muss. Damit scheiden weite Teile der Welt und der Gesellschaft aus. Die Engländer sind wahrscheinlich – das hört sich jetzt etwas salopp an – zu wenig systematisch, um so etwas anzugehen. Die Italiener sind noch etwas weniger systematisch. Und in den USA sind die Stones als englische Band nicht so interessant. Diese deutschen Arbeiten habe ich verschlungen und mich mit deren Autoren auch ausgetauscht. Es hat mich jedoch immer gestört, dass sie Aufnahme- und Erscheinungsdatum vermengten und dass sie in einem Mix aus Deutsch und Englisch geschrieben waren. Ich habe mich dann für Englisch entschieden. Durch mein Geschichtsstudium wusste ich, dass man einen Forschungsgegenstand einschränken muss. Damit eine Publikation zuverlässig ist, muss man wissen, was man überhaupt untersucht, und man muss das genau benennen. Man findet bei mir zum Beispiel keine DDR-Veröffentlichungen, obwohl ich zwei oder drei DDR-Platten in der Sammlung habe. Die Stones-Rezeption in der DDR ist sicher ein aufregendes Thema, aber für die Stones-Geschichte ist die DDR eine Fußnote und ich schreibe ja einen Werkkatalog. Ich fand das natürlich auch spannend, als ’90 die ersten Konzerte in Ostberlin stattfanden oder als die Stones von Václav Havel auf der Prager Burg empfangen wurden und Havel in Jeans erschien und die Stones im Smoking.

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Wissen Sie, wie das Buch bei den Stones selbst ankam?

Mit Bill Wyman hatte ich nach dem ersten Buch Kontakt. Ich habe ihn ein paar Dinge über seine Soloaktivitäten gefragt und er hat mir sehr bereitwillig Auskunft gegeben. Das Buch kannte er und meinte: „I found it full of mistakes regarding the studio sessions.“ Das hat mich geärgert, aber ganz Unrecht hatte er nicht. Von dem Verleger wusste ich, dass Mick und Keith das Buch über ihre Connections in London bestellt hatten. Von Mick habe ich ein Video, in dem er in einem holländischen Privatfernsehkanal darin blättert. Ian Stewart starb in dem Jahr, als es raus kam. Ich hatte ihn in London für das Buch interviewt. Er hat mir die Setlists der allerersten Konzerte erklärt, also ’62 im Londoner Marquee Club und so weiter. Charlie liest nichts über die Stones. Mick Taylor, nehme ich an, liest gar keine Bücher. Ich habe ihn in Wien zu seinen Soloaufnahmen befragt und irgendwann sagte er: „You seem to know more than I do.“ Da haben wir das Interview abgebrochen. Aber es ist nicht die Aufgabe dieser Leute, ihren historischen Katalog zu führen. Mich interessiert umgekehrt das ganze Social-Event-Gehabe nicht, also die Partys und die Frauen und die Finanzen der Stones.

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Die wertvollste?

Eine Anpressung der ersten Stones-LP mit einer anderen Version, einem anderen Take, von „Tell Me“. Die hat 1200 Euro gekostet. Ein Freund aus England hat die in einem Plattenladen in Croydon, im Süden von London, gesehen und mich gleich aus dem Laden angerufen und gefragt: „Should I buy it for you?“ „Sofort!“, habe ich gesagt. Nach dem Kauf wurde ihm mulmig zumute und er hat abermals telefoniert: „And now, what do you want me to do with this piece of gold?” Schweizer Bekannte haben dann die Platte mit dem Auto über Frankreich hierher gebracht. Später hat dieser Freund im selben Geschäft eine nicht ganz so teure, aber vermutlich noch seltenere Decca-Single von den Stones gefunden. Die Titel sind „Poison Ivy“ und „Fortune Teller“, was wirklich ein fürchterliches Stück ist. Die Platte hat zwar eine Katalognummer bekommen, gilt aber als „never officially released“. Bei Decca konnte man damals offenbar die Neuerscheinungen abonnieren und sie wurden einem zugeschickt. Bevor diese Platte jedoch allgemein erhältlich war, wurde die Veröffentlichung von Decca zurückgezogen.