Leseprobe: Interview mit Edmund Thielow – Beatles

Theoretisch konnte man in den Plattenläden auch Lizenzausgaben von Westplatten kaufen. Wie sah das in der Praxis aus?

Die Originalplatten waren bei uns „Bück-dich-Ware“, wie man so sagte. Das heißt, die Ware lag nicht aus, die gab’s unterm Ladentisch. Mittwochs wurde unser Schallplattenladen von dem Plattenlabel Amiga aus Berlin beliefert. Und manchmal hieß es: Diesen Mittwoch kommt eine Lizenzplatte, also eine Platte mit Westmusik. Nicht jeder wusste Bescheid. Man musste den vom Plattenladen schon kennen, hat ihm ab und zu was gegeben, mal eine Flasche Schnaps rüber gestellt, damit er das einem sagte. Was für eine Lizenzplatte das genau war, die geliefert wurde, wusste kein Mensch. Aber es stand jeder an, um so eine zu kriegen. Denn die gab’s nur an dem einen Tag. Wenn die den Laden um 14 Uhr aufgemacht hatten, konnte man davon ausgehen, dass die Platte um 15 Uhr ausverkauft war. Selbst wenn es nachher eine von Roy Black war, erstmal wurde gekauft. Weil man die ja vielleicht mit einem Roy-Black-Sammler tauschen konnte, der irgendwann eine Beatles gekriegt hatte. Regulär hat eine LP 16 Mark 10 gekostet. Wenn ich aber zum Beispiel eine Elvis-Platte gekauft hatte und aus dem Plattenladen raus bin und draußen sagte einer, dass er Elvis-Fan ist und die unbedingt haben möchte, dann hat er mir mindestens 32 Mark

gegeben. Man konnte damals insofern nicht in den Plattenladen gehen und sagen, man hätte gern die „Collection“ von den Beatles oder eine Platte von Elvis Presley. Die hätten nur gesagt: „Ja, versuch das in zwanzig Jahren noch mal.“

 

Konnte man die richtigen, originalen Westplatten auf dem Flohmarkt bekommen?

Flohmärkte wurden vom Staat toleriert. Damit wurde sozusagen der Konsum befriedigt. Der Staat musste dafür kein Geld ausgeben und die Platten, die aus dem Westen rüber kamen, liefen ja durch den Zoll. Es war daher nichts dabei, was als staatsfeindlich angesehen wurde. Auf dem Flohmarkt sind einige steinreich geworden. Leute, die Westbeziehungen hatten. Die haben mehrere Kisten hingestellt und pro Platte 100 Mark genommen. Es brauchte einer bloß acht Platten verkaufen und hatte schon mehr als meinen Monatsverdienst von 720 Mark. Ich habe aber nicht überlegt und ihm die 100 Mark sofort gegeben, wenn ich die Platte noch nicht hatte. Ich habe auf dem Flohmarkt gekauft, was ich von den Beatles kriegen konnte. Also aus Ländern, in denen die Westmark was zu sagen hatte: Frankreich, England, BRD oder Italien. Bis Ende der 80er gingen die Preise hoch bis auf 150 Mark für manche Platten. Jetzt bekommt man die auf dem Flohmarkt für drei Euro. Aber ich war nicht neidisch auf die, die verkauft haben, sondern ich war froh, dass ich sie kannte. Einer hat mir zum Beispiel das „Wedding Album“ aus Japan besorgt. Das ist das Hochzeitsalbum von John und Yoko, eine sehr seltene Platte. Die wurde mir seitdem nie wieder angeboten. Dem habe ich, ohne mit der Wimper zu zucken, 500 Mark in die Hand gedrückt und mich riesig gefreut. Mein Freund ist mit mir nach Hause und wollte das zumindest mal hören. Es ist ein Friedensinterview auf der Rückseite und vorne drauf ist dieser Wechsel „John – Yoko – John – Yoko“, und das 20 Minuten lang. Mein Kumpel hat gesagt: „Du tickst doch nicht richtig.“