Leseprobe: Interview mit Chris Wallner – Soul, Funk, House, Techno

Waren Sie in New York auch auf Plattensuche?

Ja klar, das war der Hauptgrund. Ich hatte mich extrem vorbereitet, total ambitioniert und voller Euphorie. Ich hatte mir alle Plattenläden raus geschrieben, mir vorgenommen, in tolle Geschäfte zu gehen, zu Plattenfirmen. Im legendären Vinylmania in der Carmine Street war ich als erstes, das war damals der aktuellste Laden. Direkt gegenüber war ein kultiger Jazz-Funk-Laden, ein Stück weiter noch ein anderer Plattenladen. In jedem habe ich eingekauft. Am Ende waren’s bestimmt 200 Platten. Meine Schwester ist halb ausgeflippt. Ich habe mir dann einen Koffer besorgt und alle nach Wien verschiffen lassen. Bezahlt habe ich das alles natürlich mit der Kreditkarte meiner Eltern.

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Wann war das?

Im Frühjahr 1993 habe ich eröffnet. Das war auch die Zeit, in der die elektronische Musik richtig weggeboomt ist. Ich habe importiert, was es in Wien nicht gegeben hat: Techno, Drum & Bass, House aus Chicago und so weiter. Aufgemacht habe ich mit vielleicht 3000 Platten, die habe ich erst nur aus Bananenkisten verkauft. Der Laden hieß „3345 records & culture“. Das „culture“ stand für die ganzen Geschichten, die wir zusätzlich gemacht haben: Aktionen, Ausstellungen, Flyer, Partys, also für die gesamte DJ-Kultur. Die ersten Jahre liefen gut. Damals kam es täglich vor, dass ein Kunde über 30 Platten auf einmal kaufte. 2003/2004 gingen die Verkäufe stark zurück. Stammkunden, die bis dahin regelmäßig jede Woche gekauft hatten, weil sie Material brauchten, stiegen plötzlich auf Downloads und digitale DJ-Systeme um. Außerdem gab es dann diverse Plattenläden, die eine professionelle Homepage hatten. Die haben teilweise unterkalkuliert, um die Konkurrenz auszuschalten. Ich wollte da nicht mit einsteigen. Ich habe zwar auch eine Homepage, hätte Platten digitalisieren und zum Download anbieten können, aber das war eine Richtung, in die ich nicht gehen wollte. Ich bin Sammler und DJ und hatte den Plattenladen in erster Linie, um Geld zum Leben zu haben, um mir selbst Platten zu besorgen und vor allem, um mit anderen DJs in Kontakt zu sein. Ich bin froh, dass ich den Laden 2007 geschlossen habe, ich wäre wohl eingegangen, so wie die meisten anderen Wiener Plattenläden auch. Ich verkaufe zwar noch aus dem übrig gebliebenen Lagerbestand auf verschiedenen Plattformen, aber ich denke, einen Laden werde ich nicht mehr aufmachen.

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Sind Sie besessen vom Sammeln?

Ich werde immer besessener und noch nerdiger. Das mit dem Upgrade der Platten zum Beispiel, das mache ich ja erst seit ein paar Jahren. Das kam mir früher nicht in den Sinn. Da wollte ich einfach nur die Platte und nicht unbedingt die Originalpressung im Bestzustand. Man meint, dass man irgendwann einmal alles hat, was man will – vergiss es! Wenn man erst mal angefangen hat zu sammeln, dann wird es immer verrückter, meine Suchliste wird länger und nicht kürzer. Es eröffnen sich mehr und mehr Wege, wo ich mir denke, da war ich noch nicht, da muss ich noch rein.