Leseprobe: Interview mit Andreas Schmauder – Europäischer Jazz der Schellackzeit

Das Logo von Phonopassion wurde von dem berühmten Comic-Zeichner Robert Crumb gemacht. Wie haben Sie ihn kennen gelernt?

Robert Crumb ist auch Schellacksammler. In der amerikanischen Fachzeitschrift „78 Quarterly“ hatte er in einem Leserbrief geschrieben, dass er gerade nach Europa, nach Südfrankreich, gezogen wäre und verschiedene europäische Bands wie zum Beispiel Gregor And His Gregorians entdeckt hätte und die wären absolut fantastisch. Ich habe mir gesagt, der sammelt genau dasselbe wie ich, wir müssten uns mal treffen. Ignorant wie ich bin, wusste ich gar nicht, wer dieser gewisse Robert Crumb überhaupt ist. Bis mir jemand sagte, dass er „Fritz The Cat“ und diese ganzen Comics gemacht hat. Als wir schließlich im Urlaub in Südfrankreich waren, habe ich bei ihm angeklopft. Seine Frau machte auf, guckte misstrauisch, und erst als sie gemerkt hat, dass mir’s nicht um Comics geht, sondern um 78er, hat sie mich rein gelassen. Das ist jetzt fünfzehn Jahre her und seitdem war ich ein paar Mal bei ihm. Ein netter, eher schüchterner Typ. Ich habe ihn dann mal gefragt, ob er mir nicht ein Logo für den Laden zeichnen könnte. Später hat er mir noch Zeichnungen von Musikern und zwei Coverdesigns, eins für Jazz und eins für Klassik, gemacht. Dieses berühmte LP-Cover „Cheap Thrills“ für Janis Joplin ist ja auch von ihm. Wir haben uns halt geeinigt, dass ich die Zeichnungen kriege und er dafür ein paar Platten.

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Welche Platten fehlen Ihnen noch?

Inzwischen bin ich auf dem Trip, dass ich diese Sammlung „Europäisches Jazzarchiv“ nenne und jede in Europa von einem Europäer, Amerikaner oder meinetwegen von einem Chinesen gemachte Jazzaufnahme aus der Schellackzeit hier repräsentiert wissen will. Das ist zwar gar nicht möglich, weil man die Platten nicht alle findet, aber diesen Anspruch habe ich. Selbst wenn einer in den 50er Jahren auf der Hammond-Orgel – die, um das vorsichtig zu sagen, nicht unbedingt mein bevorzugtes Instrument ist – den „Tiger Rag“ spielte, gehört das in die Sammlung, ins Archiv. Ob ich mir die Platte anhören mag oder nicht, ist egal. Gezielt aufgebaut habe ich dieses Archiv in den 90ern. In dieser Zeit ist die Sammlung explosiv gewachsen und eigentlich sah sie vor zehn Jahren zu 95 Prozent so aus wie heute. Jetzt geht’s vor allem darum, bestimmte Bereiche zu vervollständigen. Ich fahre nicht mehr irgendwo hin, um etwas für die Sammlung zu kaufen. Für mein Geschäft muss ich ohnehin viel reisen, weil ich Sammlungen in ganz Europa ankaufe. Wenn ich mit 1000 oder 2000 Platten zurückkomme und es sind fünf oder zehn für das Archiv dabei, soll’s mir recht sein, aber das läuft nebenher. Auf Europa gerechnet, sind es mindestens 100 Platten, die ich wirklich noch gern hätte. Natürlich habe ich mittlerweile sehr viele Platten. Und die, die mir fehlen, muss man erst angeboten bekommen. Das ist der Fluch einer guten Sammlung, dass die Erfolgserlebnisse viel seltener werden. Es ist wie mit jedem Sammelgebiet, dass man die ersten 95 Prozent nach einer gewissen Zeit und mit dem gewissen Geld zusammenbekommt. Bei den restlichen 5 Prozent nützt es auch nichts, mit den dicken Scheinen zu winken. Wenn eine Platte höchstens zwei-, dreimal existiert, wollen die Sammler, die sie besitzen, sie auch behalten. Bei mir ist es genauso. Wenn jemand fragt, ob er etwas aus meiner Sammlung haben könnte, schicke ich ihn in den Laden runter. Da stehen 200.000 Platten. Wenn er etwas findet – schön. Aber meine Sammlung ist sakrosankt.