Leseprobe: Einführung

Ihre erste Platte vergessen die wenigsten. Sie gehört zu den Teenagerjahren wie der erste vorsichtige Kuss, die erste heimliche Zigarette, der erste Kater. Es kann eine Platte sein, mit der man Jahrzehnte später noch angibt: „Meine Erste? ‚Blitzkrieg Bop’, Ramones, ich war mit 12 schon Punk.“ Oder für die man sich vier Wochen später in Grund und Boden schämte: „Meine Erste? Ähm, irgendwas von den Bay City Rollers, weiß nicht mehr so genau, hab sie verschenkt.“

Zur ersten Platte kommen die nächsten. Irgendwann sind’s zehn, fünfzig, hundert, ein paar Singles, ein paar LPs. Kraut und Rüben. Eine harmlose Ansammlung von Musik.

Manchen reicht das nicht. Das sind Typen, die extremer sind, wenn’s um Musik geht. Die haben nicht nur gleich am Erscheinungstag die neueste Single einer obskuren französischen Psychedelic-Band auf dem Plattenteller, sondern kennen auch die im Coverfoto versteckten Botschaften. Unter der Schulbank übersetzen sie Songtexte, auf Konzerten stehen sie in der ersten Reihe, sie hängen in Plattenläden rum, üben sich auf der Gitarre die Finger blutig und strafen alle mit Verachtung, die keine wandelnden Rocklexika sind. Sie sind absolut besessen von Musik und auf einem guten Weg, Sammler zu werden.

Was ihnen noch fehlt, was jemanden wirklich zum Sammler macht, hat mit Musik nichts zu tun. Es beginnt damit, dass man seine Platten nicht mehr irgendwie im Regal stehen haben will und auch nicht irgendwie geordnet, sondern, dass man nachdenkt – lange, lange, lange darüber nachdenkt, ob es richtig ist, sie von A bis Z zu ordnen, oder ob es richtiger wäre, sie nach Musikstilen zu ordnen. Man erträgt es auf einmal nicht mehr, seine Platten ohne Schutzhüllen aufzubewahren. Man rastet aus, wenn die Freundin einen Fingerabdruck auf dem Vinyl hinterlässt. Die Schallplatte als Gegenstand wird wichtig, genauso wichtig wie die Musik, die auf ihr zu hören ist.

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Einmal im Leben muss ein Sammler nach Mekka pilgern, nur so wird er seinen

Seelenfrieden finden. Plattensammlers Mekka heißt Utrecht, Niederlande. Die größte Börse weltweit. Ein ganz anderes Kaliber als etwa Berlin. Händler aus der gesamten Welt, 500 Stände, 2500 Meter lang, Millionen Schallplatten und CDs aus allen musikalischen Richtungen. Luft holen vor dem Eintritt. Eine Strategie festlegen. Anders sind die zwei Börsentage nicht zu überstehen. Eigentlich ist man frustriert, schon bevor man die erste Platte ins Visier genommen hat. Das Angebot ist nicht zu bewältigen, es erschlägt. Unzählige verpasste Chancen wird es geben. Hunderte oder Tausende gute Funde werden einem durch die Lappen gehen. Das ist eine bittere Erkenntnis. Man steht da wie ein Kind unterm Christbaum, das sich über kein Geschenk mehr freuen kann, weil’s zu viele davon hat. Kommt man nach der Schockstarre wieder zu vollem Bewusstsein, beginnt das Vergnügen. Besonders angenehm, dass alle von der gleichen Gier getrieben sind. Keiner wird rot, dreht sich verschämt um, wenn er für ein bisschen Vinyl ein Vermögen aus der Tasche zieht. Die Suchliste schrumpft, das Kontoguthaben schrumpft. Natürlich sind überall Fallen aufgestellt. So günstig kriegst du die nie mehr. In so einem guten Zustand kriegst du die nie mehr. Die kriegst du überhaupt nie mehr. Kauf sie jetzt, sagt die innere Teufelsstimme, jetzt!, jetzt!, oder du wirst es bereuen, bis ans Ende deiner Tage. Eine prima Gelegenheit sich zu ruinieren, bietet Utrecht auf jeden Fall.

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Misstrauen ist überhaupt eine gute Eigenschaft, wenn’s um die Einschätzung einer Datierung geht. Bei eingeschweißten Platten beispielsweise scheinen die Dinge ganz einfach zu liegen und können plötzlich hochkompliziert werden. Die Schutzfolie ist intakt, also ist die Platte unberührt, ungespielt. Sie wird höher gehandelt als eine nicht verschweißte Platte, sei diese auch noch so einwandfrei erhalten. So einfach ist das. Meistens. Böse Menschen soll’s nämlich geben, die eine Platte von 1967 erst vierzig Jahre später mit einer Schutzfolie versehen haben. Auf eine solche Fälschung nicht reinzufallen, erfordert viel Ahnung. Das genaue Wissen, welche Art von Folien 1967 verwendet wurde. Erst dann lässt sich überprüfen: Wie dick ist die Folie? Wie glänzt sie? Wie liegt sie auf dem Cover auf? Wie schlägt sie Bläschen? Wie klingt sie? Ist die Folie also original?

Jede Platte, die durch seine Hände geht, bringt einen Sammler weiter. Bei der nächsten eingeschweißten Platte schaut er genauer hin. Wieder was gelernt. Wieder ein Detail, das in die große Datenbank aufgenommen wird. Abspeichern, Zusammenhänge herstellen, Vergleiche ziehen, im entscheidenden Moment die richtige Info parat haben und einen Fehler nicht zweimal machen. Erfahrene Sammler entwickeln früher oder später ein Gespür dafür, in welche Zeit der Druck des Coverfotos, das Papier der Innenhülle, das Gewicht des Vinyls, die Typografie des Adressfelds gehören. Alles muss miteinander harmonieren, alles. Wenn’s irgendwo hakt, grummelt’s im Magen, und so ein unbestimmtes Gefühl rät: Lass besser die Finger weg!