Jazz ist eine fruchtbare Gattung

Jazzrock war Ende der 60er für viele eine aufregende neue Richtung in der Rockmusik. Für den in Schweinfurt aufgewachsenen und heute im niedersächsischen Cloppenburg lebenden Wolfgang Stephan war’s mehr: Es war sein Einstieg in die Tiefen des Jazz. Der Beginn einer Leidenschaft, die ihn bis heute nicht losgelassen hat: als Verkäufer von Jazzplatten, als Sammler, Kenner und begeisterter Hörer von Jazzmusik.

 

Was war Ihre erste Platte, Herr Stephan. Was Ihre erste Jazz-Platte?

Meine erste LP war „1969“ von Julie Driscoll, mit der sie sich endgültig von der Glitzerwelt des Pop verabschiedete. Schon die nächste war zugleich meine erste Jazz-LP: „You Are Here... I Am There“ von Keith Tippett, der bald darauf Julie Driscolls Ehemann wurde. Dann folgten unter anderen The Trio mit John Surman, Bob Downes, Terry Riley, Don Cherry, Paul Motian, Pharoah Sanders. Als Schüler und Student habe ich mein knappes Geld in möglichst ausgefallene LPs investiert. Tolle, aber gängigere Musik, die andere aus dem Freundeskreis besaßen, habe ich mit meinem Grundig-Tonbandgerät aufgenommen.

 

Wie kam es zu Ihrer Liebe für Jazzmusik?

Angefangen hat meine Musikbegeisterung etwa 1965 mit den Beatles, anschließend kam die psychedelische Ära 1967/68, dann der Jazzrock. Wenn man Bands wie Soft Machine, Colosseum, Flock oder Blood, Sweat & Tears mochte, war es kein allzu großer Schritt hin zum „echten“ Jazz. Eine große Rolle haben die Plattenempfehlungen in meiner damaligen Leib- und Magenzeitschrift „Pardon“ gespielt. Ebenso wichtig waren die Musiksendungen im Hessischen Rundfunk von Volker Rebell – „Teens, Twens, Top-Time“ – und Ulrich Olshausen – „Der neue Klang im Jazz“ – sowie Magazine im Bayerischen Rundfunk wie „Club 16“. Sich für Jazz zu interessieren, hob einen natürlich auch von der Masse der anderen Jugendlichen ab.

 

Inzwischen besitzen Sie eine umfangreiche Schallplattensammlung: Sind das überwiegend Jazzplatten?

Zurzeit sind es an die 8000 LPs und zirka 250 CDs, gut die Hälfte davon dürfte Jazz sein. Von einigen schön aufgemachten Boxen mit dicken Booklets abgesehen, sind CDs für mich nur eine Notlösung, wenn die entsprechenden LPs nicht aufzutreiben sind beziehungsweise gar nicht existieren.

 

Welche musikalischen Richtungen finden sich außer Jazz noch in Ihrer Sammlung?

Surf-Beat, Psychedelic Rock, Artrock, Krautrock, Post-Punk, Trip-Hop, Minimal Music, Filmmusik von Leuten wie Morricone, Mancini oder Schifrin, Easy Listening, brasilianische Musik, Dub-Reggae, Soul/Funk, Chansons, Klassikkomponisten des 20. Jahrhunderts.

 

Bleiben wir beim Jazz: Welche Stile sammeln Sie?

Geschätzt 20 Prozent Hard Bop / Soul Jazz; 15 Prozent Cool Jazz; 20 Prozent modaler bis freier Jazz; 40 Prozent Fusion – im weitesten Sinn. Swing höre ich fast nur in Form von Bigbands mit raffinierten Arrangements: Stan Kenton, Artie Shaw und natürlich Duke Ellington.

 

Welche Interpreten, Bands sammeln Sie bevorzugt?

Im Jazzbereich sind das neben Miles Davis und John Coltrane vor allem: Shorty Rogers, Chico Hamilton, Jimmy Giuffre, George Russell, Stanley Turrentine, Bobby Hutcherson, Donald Byrd, Horace Silver, Herbie Hancock, Wayne Shorter, Don Ellis, John McLaughlin, Weather Report, Oregon, Gato Barbieri, Cal Tjader, Herbie Mann, Oliver Nelson, Gary McFarland, Deodato, Bob James, Quincy Jones, Clarke/Boland Bigband, Klaus Doldinger, Terje Rypdal. Von diesen Musikern und Bands habe ich jeweils mindestens 10 LPs.

 

Welchen Stellenwert räumen Sie dem deutschen Jazz ein?

Deutschen Jazz finde ich sehr wichtig, seit er sich in den 1960er Jahren vom Kopieren amerikanischer Vorbilder emanzipiert hatte. Neben dem schon genannten Doldinger schätze ich Albert Mangelsdorff, Heinz Sauer, Manfred Schoof, Wolfgang Dauner, Eberhard Weber, Volker Kriegel, Gunter Hampel, Rolf und Joachim Kühn.

 

Wie hat sich Ihre Sammlung entwickelt?

Jazz ist eine ungeheuer fruchtbare Gattung, und ich entdecke Jahr für Jahr bislang Verborgenes. Meinen bevorzugten Stilen bin ich weitgehend treu geblieben, nur hat sich die Zahl der Fusion-LPs stark vergrößert, auch, weil sie so unproblematisch zu beschaffen sind. Zugenommen hat auch der Anteil des Cool- beziehungsweise Westcoast-Jazz, der mir immer besser gefällt.

 

Inwiefern sind Fusion-LPs einfacher zu beschaffen als andere?

Natürlich gibt es auch hier Raritäten wie Association P.C. oder Compost, aber in der Regel sind Fusion-LPs überall reichlich und zu sehr günstigen Preisen zu finden.

 

Gibt es ein Label, das Sie im Jazzbereich besonders schätzen?

In der engeren Wahl sind ECM, Blue Note und Impulse, aber ich würde mich wohl für letzteres entscheiden, weil die Labelmacher das Kunststück vollbracht haben, mit einer oft wilden und schwer verdaulichen Musik auch kommerziell Erfolg zu haben.

 

Einige Labels haben sich auch durch den Stil ihrer Covergestaltung einen Namen gemacht.

Das Coverdesign bedeutet mir sehr viel. Bei vielen Jazz-LPs ist es bereits ein Genuss, sie in Händen zu halten, zu betrachten und zu befühlen. Etliche Jazzlabels haben eine klar unterscheidbare Designsprache, eine Corporate Identity, so vor allem Impulse, Blue Note, CTI, MPS und ECM.

 

Favorisieren Sie hier ein Label?

Impulse, wegen der schweren Klappcover in typischer orange-schwarzer Farbgebung, wegen der klaren Typografie, wegen des selbstbewussten Slogans „The New Wave Of Jazz Is On Impulse!“ und wegen der Durchdachtheit des Designs – sogar die Coverrücken sind so gestaltet, dass man Impulse-Alben sofort im Regal erkennen kann

 

Ihr Lieblingscover?

Das ist wieder mal eine Wahl unter Qualen. Die anderen Kandidaten mögen es mir verzeihen, aber ich entscheide mich für „Tauhid“ von Pharoah Sanders, Impulse 1967, wegen seiner wuchtigen Expressivität.

 

Ihr Lieblingsgestalter?

Ich könnte mehrere nennen, beschränke mich aber auf Bob Ciano, der für viele CTI-Klappcover künstlerisch anspruchsvolle Fotografien verwendete. Die konnte man übrigens über CTI auch als Kunstdrucke bestellen, was es meines Wissens nur hier gab.

 

Sammeln Sie auch Platten nur wegen des Covers, also wenn Ihnen die Musik weniger oder gar nicht zusagt?

Auf jeden Fall. Das ist ja das Tolle an der visuellen Kraft von LP-Covern, dass man ihr einfach nicht widerstehen kann, so etwa bei „Tribute To Benny Goodman“ von Jess Stacy, Atlantic 1955, die ich höchstens ein Mal gehört habe, deren Cover ich aber hinreißend finde.

 

Von Platten mit speziellen Covern abgesehen: Was sind die raren und besonderen Stücke in Ihrer Jazz-Sammlung?

Ich habe etliche LPs von ganz kleinen Labels, die ziemlich selten sein dürften. Besonders rar sind einige finnische LPs von Musikern wie Juhani Aaltonen oder Edward Vesala, die ich mir bei einem Besuch in Tampere, Finnland, gekauft habe. Diese LPs habe ich noch nie irgendwo anders gesehen. Etwas Besonderes ist sicher eine holländische LP von Willem Breuker, die in einem Jutebeutel steckt. Oder „The Complete Blue Note Recordings of Larry Young“, eine 9-LP-Box mit dickem Booklet in limitierter Kleinauflage, die man in keinem Plattenladen, sondern nur direkt bei der Plattenfirma Mosaic in den USA kaufen konnte.

 

Etwas Spezielles sind auch in Deutschland gepresste Platten, die in US-Hüllen stecken – was hat es damit auf sich?

Ich habe etliche Blue-Note-LPs mit US-Cover, in denen deutsche Pressungen inklusive GEMA-Aufdruck stecken: von Cecil Taylor aus dem Jahr 1966; Hank Mobley, 1968; Elvin Jones, 1969; Gene Harris, 1971; Lee Morgan, 1972. Das Gleiche gilt für einige Pacific-Jazz-LPs: Bud Shank, 1969; Bobby Bryant, 1969. Ebenso bei einigen Solid-State-LPs von Sonny Stitt, 1969, und Thad Jones / Mel Lewis, 1968/69/70. Da das reihenweise vorkommt, kann es kein zufälliges Vertauschen des Vinyls gewesen sein. Ich kann mir das nur so erklären: Alle drei Labels wurden damals in Deutschland von Liberty vertrieben, und es gab in den USA vielleicht Überbestände aus der LP-Cover-Produktion, die dann nach Deutschland gebracht und mit deutschen Pressungen komplettiert wurden. Wer weiß Genaues? Ebenso seltsam ist, dass ich bei mehreren Gelegenheiten deutsche Blue-Note-Pressungen ohne Cover gekauft habe. Also gab es wohl auch hier Überbestände, die dann in Umlauf gebracht wurden. Ich könnte noch viele weitere Beispiele auch aus dem Nicht-Jazz-Bereich auflisten, hier aber nur noch ein besonders kurioser Fall: Ich besitze eine Sonny-Rollins-LP von 1967 mit einem US-Cover von Impulse, in dem eine französische Pressung steckt. Das Klappcover ist noch dazu falsch herum verarbeitet worden – die offene Hälfte ist nämlich vorn. Ich finde solche Sachverhalte interessant, aber mir ist noch nie aufgefallen, dass Jazz-Sammler – so wie es das im Popbereich gibt – gezielt nach Derartigem suchen.

 

Wie ordnen Sie Ihre privaten Regale?

Jetzt geht’s ans Eingemachte, denn dem Ordnen der Platten widme ich viel Nachdenken. Die beiden großen Abteilungen Rock USA/UK und Jazz USA sind nach Labels geordnet, weil ich finde, dass alle LPs von zum Beispiel ECM, MPS, CTI, Impulse, Blue Note, Harvest, Vertigo et cetera nebeneinander stehen müssen. Hinzu kommt, dass gerade im Jazz der Sound eines bestimmten Labels, seine Identität, seine typische Covergestaltung meist wichtiger sind als die jeweiligen Musiker, die auf dem Cover stehen. Daneben gibt es diverse kleinere Abteilungen für Soul/Funk, Reggae, Filmmusik, Easy Listening, Klassik und so weiter. Da ich die häufig vernachlässigten Musikregionen außerhalb der USA und des UK besonders erforschenswert finde, habe ich Abteilungen eingerichtet, in denen zum Beispiel alle brasilianischen, französischen, finnischen, polnischen LPs stehen, ungeachtet des Musikstils. Innerhalb der Labels kommen meist zuerst die Originale, dann spätere Versionen, jeweils nach Interpret und Jahr geordnet. Wenn es zu unübersichtlich wurde, habe ich aber manchmal umgeräumt und ein durchgängiges Alphabet eingerichtet. Kleine Labels habe ich bisweilen nach Nummern geordnet. Das Feinjustieren besteht gerade darin, für jede Abteilung die adäquate Lösung zu finden. Es gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen und ist niemals abgeschlossen.

 

Seit 1978 führen Sie eigene Geschäfte, in denen Sie Bücher und Platten verkaufen. Erst im Bamberger Collibri-Buchladen; seit 1988 in Cloppenburg. In der dort eröffneten Buchhandlung Calypso stand von Anfang an der Jazz im Zentrum des Plattenangebots. Eine mutige Entscheidung?

Als wir eröffneten, gab es in Cloppenburg noch mehrere Geschäfte, in denen man Rock- und Pop-LPs kaufen konnte. Insofern war es damals gerade richtig, in die Lücke zu stoßen und den Schwerpunkt auf Jazz zu legen – zumal ich mich da besonders gut auskenne. Wenige Jahre später waren wir dann der einzige Laden mit Vinyl im ganzen Landkreis – was immer noch gilt – und haben uns sukzessive zu einem Vollsortimenter in Sachen Vinyl entwickelt.

 

Hat sich die Nachfrage nach Jazzplatten im Lauf der Jahrzehnte sehr verändert?

Jazzkäufer sind eine relativ kleine, aber durchaus zahlungskräftige Schicht mit teils großen Sammlungen, die ihrer musikalischen Vorliebe nach meinen Erfahrungen unerschütterlich treu bleiben. Zudem ist es mir immer wieder gelungen, Menschen, die vorher gar nichts mit Jazz am Hut hatten, auf den Geschmack zu bringen, denn nach meiner festen Überzeugung gibt es innerhalb dieses unendlich vielfältigen Genres praktisch für jeden die passende Art Jazz. Obwohl der Jazz immer wieder mal totgesagt wurde, kann ich im Hinblick auf die Kunden keinen signifikanten Wandel erkennen.

 

Nach welchen Platten suchen die Sammler vor allem?

Gefragt sind natürlich Platten, die von Anfang an nur in geringer Zahl im Umlauf waren. Das trifft ganz besonders auf alle Formen von Free Jazz zu. Sehr gesucht sind auch LPs des Labels MPS, aber nur, wenn es sich um modernen Jazz handelt. Bei MPS gab's auch viel Mainstream.

 

Gibt es auch viele jüngere Jazzsammler oder sind es doch vorwiegend die Älteren?

Ich habe im Lauf der Jahre etliche Jazzsammler kennen gelernt, die Studenten oder sogar noch Schüler waren, aber sicherlich besteht die Mehrheit aus älteren Semestern.

 

Ist es ein Problem für Sie, gleichzeitig Händler und Sammler zu sein?

Das ist selten ein Problem. Eine faszinierende LP, die ich noch nicht habe, wandert meistens in meine persönliche Sammlung. Eine Ausnahme würde ich machen, wenn ich genau wüsste, dass ich einen Stammkunden mit einer bestimmten LP glücklich machen könnte.

 

Hören Sie selbst überwiegend Jazz?

Jazz spielt eine große Rolle, aber es gibt auch Phasen, wo ich hauptsächlich Elektronik, Prog-Rock, Post-Punk, Brazil, Soul oder Filmmusik höre. Auf der Calypso-Homepage habe ich eine Liste mit meinen derzeitigen 50 Lieblingsplatten.

 

Eine Favoritenliste ohne Miles Davis, John Coltrane, Charlie Parker?

Das ist Absicht. Ich hätte als Lieblingsplatten auch zehn von Miles Davis und je fünf von John Coltrane, Horace Silver, Wayne Shorter, Herbie Hancock, Weather Report, Soft Machine, Gong und King Crimson nehmen können. Aber ich wollte alles meiden, was allzu selbstverständlich und vorhersehbar ist, um eine spannende und vielseitige Liste hinzubekommen. Charlie Parker wäre sowieso nicht dabei gewesen, weil er zwar technisch brillant ist, mich aber emotional nicht so berührt.

 

Wo finden Sie Jazzplatten?

Gebrauchte LPs kaufe ich direkt von Verkäufern, die teils auch Kunden sind, auf Flohmärkten, bei Plattenbörsen und in anderen Plattenläden. Ich habe auch schon auf Annoncen in Jazzzeitschriften reagiert und dabei den bisher größten Ankauf getätigt: Bei der Witwe eines Jazzsammlers habe ich aus 10.000 Jazz-LPs mehr als 500 ausgesucht. Im Internet kaufe ich überhaupt nicht, weil ich die Platten vorher sehen muss. Und dann gibt’s noch die fabrikneuen LPs, die ich bei den Plattenfirmen, ihren Vertrieben oder bei Großhändlern kaufe.

 

Wie viele Jazzplatten haben Sie in Ihrem Plattenladen?

An die 3000.

 

Sie verkaufen auch online?

Wir haben bei Amazon bisher etwa 1000 LPs im Angebot, wollen aber nach und nach alle interessanten Platten verfügbar machen. Amazon ist für uns vor allem deswegen ideal, weil wir unbegrenzt Produkte einstellen können und eine Gebühr erst beim tatsächlichen Verkauf fällig wird.

 

Auf Ihrer Website erwähnen Sie, dass Sie auch einen hohen Bestand an fabrikneuen, mittlerweile nicht mehr offiziell lieferbaren Jazz-LPs auf Lager haben.

Dazu zählen vor allem Platten aus der Serie „Original Jazz Classics“, aber auch fast 100 verschiedene ECM-LPs, audiophile LPs von Speakers Corner, die nur einmal gepresst wurden, die Free-Jazz-Platten des Labels BYG, die bei Get Back zirka 2002 neu aufgelegt worden waren, Blue-Note-LPs aus Serien, die es schon längst nicht mehr gibt, und so weiter. Generell gilt, dass die Vinylversionen bestimmter Aufnahmen oft schon nach wenigen Monaten ausverkauft sind und dann zu gesuchten Objekten werden. Wir erleben bei unseren Amazon-Verkäufen, was für stattliche Preise dann gezahlt werden.

 

Können Sie noch etwas auf die „Original Jazz Classics“ eingehen?

Das Westcoast-Label Fantasy, bekannt und reich geworden vor allem durch Creedence Clearwater Revival, übernahm Anfang der 1970er Jahre die unabhängigen Jazzlabels Prestige, Riverside – später Milestone – und Contemporary. Zu Beginn der 1980er Jahre wurde die Reihe OJC – „Original Jazz Classics“ – gestartet, mit deren Hilfe lange vergriffene LPs im Rahmen einer sorgfältigen Edition wieder verfügbar gemacht wurden. Im Lauf der Jahre wuchs die Reihe auf fast 1000 verschiedene Titel an, was sie zur weltweit größten und vielfältigsten Jazzedition machte. Die stilistische Bandbreite war immens, sie reichte von Stan Getz bis Ornette Coleman, von Duke Ellington bis Thelonious Monk und beinhaltete vor allem ein schier unerschöpfliches Reservoir an Außenseitern und Geheimtipps wie etwa Hampton Hawes, Sonny Criss, Yusef Lateef, Gigi Gryce, Mark Murphy, Gil Melle, Pat Martino, Ted Curson, Leroy Vinegar oder Lennie Niehaus. Ich weiß aus eigener Erfahrung, was für ein Vergnügen es war, in dem dicken OJC-Katalog – natürlich in Printform – zu stöbern, unbekannte Musiker anzutesten und immer wieder neue Schätze zu heben. In Deutschland war für den Vertrieb die Firma Mikulski beziehungsweise Zyx zuständig. Solange sie lieferbar waren, bekam man da die Original-US-Nachpressungen – bei Geheimtipps viele Jahre lang – oder deutsche Nachpressungen. Als die gesamte Fantasy-Gruppe zirka 2004 von Concord und damit vom Giganten Universal geschluckt wurde, strich man die alte OJC-Reihe und Zyx verlor die Lizenz für Deutschland. Beim Ausverkauf haben wir uns so reichlich mit OJC-LPs und sogar CDs eingedeckt, dass wir davon immer noch zehren können. Beim neuen Eigentümer Universal wurde nur manches auf LP neu herausgebracht, aber die alte Reihe OJC in ihrer ebenso wunderbaren wie gigantischen Vielfalt ist seitdem Geschichte und wird nur noch von wenigen in Ehren gehalten.

 

Sie loben die Wiederveröffentlichungen von OJC – wie wichtig sind Ihnen persönlich Originalpressungen? Ist dieser Kult um die Platte als Gegenstand, wie es ihn im Rockbereich gibt, bei Jazzsammlern genauso verbreitet?

Es ist im Jazzbereich noch viel schwieriger als beim Rock, Originale beziehungsweise Erstpressungen zu finden, weil die Stückzahlen genregemäß viel kleiner waren und viele interessante Einspielungen schon in den 1950er Jahren entstanden und damit älter sind als die meisten Rock-LPs. Von daher müssen Jazzsammler notgedrungen auf Neueditionen ausweichen, die es in den vergangenen Jahrzehnten reichlich gab. Bei meiner Sammlung versuche ich, für jedes Jazzlabel einige Originale als Referenzpunkt zu ergattern. Je mehr, desto besser. Es gibt aber einige Reissue-Reihen, die so schön gemacht sind, dass ich sie fast den Originalen vorziehe, etwa die Connoisseur-Serie von Blue Note aus den 1990er Jahren mit Raritäten, die original kaum zu finden sind, die Neuauflagen des finnischen SVART-Labels mit Booklet, Zusatzinfos, Fotos und Klappcover oder die spannenden Editionen von „4 Men with Beards“ und „Light in the Attic“.

 

In Ihrem Geschäft bieten Sie auch viele Musikbücher an. Wie umfangreich ist Ihre eigene Musikbibliothek?

Ich habe etwa 500 Musikbücher, außerdem 17 Aktenordner mit Artikeln über Musiker und Stile, die ich als Informationsquelle nutze.

 

Haben Sie ein Jazz-Lieblingsbuch?

„Jazzin' the Black Forest. The Complete Guide to Saba/MPS Jazz Records“, 1999 erschienen. Ein echtes Multimedia-Erlebnis, denn ergänzend zu diesem Werk im LP-Format gab es zwei Doppel-LPs und eine DVD mit einem Dokumentarfilm.

 

Legen Jazzsammler Ihrer Erfahrung nach mehr Wert auf eine gute Klangqualität der Pressung und eine gute Anlage als Rocksammler?

Das würde ich schon sagen, zumal die meisten Jazzplatten ähnlich gut aufgenommen sind wie Klassikplatten. Man denke nur an die vielen Einspielungen mit dem Tontechniker Rudy van Gelder oder die herausragenden ECM-Produktionen. Eine gute Anlage können sich Jazzsammler in der Regel leisten, weil sie finanziell meist überdurchschnittlich ausgestattet sind.

 

Was für eine Anlage haben Sie selbst?

Privat benutze ich Musikgeräte von Braun aus den 1970er Jahren – Plattenspieler, Verstärker, Tuner, Kassettendeck –, die auch heute noch ein klangliches Niveau bieten, das mir völlig ausreicht. Vor allem aber begeistert mich immer wieder das ehrliche, auf das Notwendige reduzierte Design von Dieter Rams. Die Lautsprecher sind von Focal und begleiten mich seit Jahrzehnten, ich verwende aber auch häufig einen Beyerdynamic-Kopfhörer.

 

So schön das Plattenhören auch ist: Besuchen Sie auch Jazzkonzerte?

Ich bin früher vor allem auf Jazzfestivals in Berlin, Moers, Frankfurt, Nürnberg und Wien gegangen, derzeit in Bremen. Miles Davis habe ich auch gesehen, was unweigerlich für Gänsehaut sorgte.

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Kommentare: 5
  • #1

    Dr.Frank Steinhardt (Samstag, 18 Juni 2016 18:29)

    Viele guten Anregungen! Sehr interessant der OJC-Bericht, das Ordnen in privaten Regalen. Der Tauhid-Cover von PH.S. Gefällt mir auch sehr gut. Habe vieles Gemeinsames und Ähnlichkeiten bemerkt.
    Insgesamt ein Klasse-Artikel. Gratuliere! Miles habe ich mehrmals gesehen, u.a. In Den Haag- unvergesslich!!

  • #2

    Thomas Kraft (Donnerstag, 23 Juni 2016 11:55)

    Auch für den nur gelegentlich Jazz hörenden Musikenthusiasten vermittelt das Gespräch viele interessante, auch auf andere Genres übertragbare Aspekte und natürlich vor allem die Leidenschaft eines sachkundigen und neugierigen Sammlers. Ich habe den Artikel sehr gerne gelesen. Miles Davis übrigens 1988 beim Münchner Klaviersommer gesehen, unvergessen. Wer sich für die Musik der 60er und 70er interessiert, kann hier mal schauen: www.beatstories.de

  • #3

    Tim Unger (Freitag, 20 Januar 2017 00:39)

    Ein sehr informatives Interview, das v. a. zeigt, dass es Vinyl-Liebhabern nicht nur um die Hardware geht, sondern vor allem um die Qualität der Musik.

  • #4

    Mitrazepin ohne Rezept (Sonntag, 22 Januar 2017 23:47)

    Toller Artikel und viel Erfolg für das neue Jahr

  • #5

    Tabak bestellen (Freitag, 08 September 2017)

    Also so schlecht ist Jazz jetzt auch nicht