Rock'n'Roll in Leitz-Ordnern

Für Rüdiger Bloemeke waren es goldene Zeiten, als er in den 90ern durch Hamburgs Secondhand-Plattenläden streifte und Beute machte. Dabei jagte der heute in der Lüneburger Heide lebende Sammler aber nicht nur nach Vinyl, sondern vor allem nach Papier – nach Flyern, Prospekten, Katalogen von Schallplattenfirmen. Material für sein Archiv, mit dem er die Musikindustrie im Deutschland der Nachkriegszeit dokumentiert. Material, aus dem inzwischen zahlreiche Bücher und journalistische Artikel entstanden sind.

 

Herr Bloemeke, Ihr Archiv startet mit dem Kriegsende 1945. Haben Sie auch einen Endpunkt definiert, bis zu dem Sie Material sammeln?

Schwerpunkt ist die populäre Musik der Schellack-Vinyl-Zeit. Aber natürlich interessiert mich auch die weitere Geschichte der Plattenfirmen – inklusive Fusionen.

 

Ein weites Spektrum, was die Musik dieser Jahre betrifft: von Rock’n’Roll bis Schlager, von Easy Listening bis Jazz.

Tatsächlich habe ich die ganze Bandbreite zusammengetragen, soweit mir das als Dokumentation sinnvoll erschien. Jazz war eins der vorrangigen Gebiete, weil der Jazz in den 40ern, 50ern und 60ern in der Bundesrepublik seine Blütezeit hatte.

 

Wie wurde das Interesse fürs Archivieren bei Ihnen geweckt?

Meinen Berufsbeginn hatte ich als Dokumentar im Bereich Kultur des „Spiegels“, im Spiegel-Archiv. Ich habe dort die nationale und internationale Presse ausgewertet und die Redaktion mit Material zur Vorbereitung von Artikeln versorgt. Aber die Initialzündung kam sehr viel früher. Für mein Magisterexamen an der Uni Hamburg beschäftigte ich mich mit englischer Renaissance-Literatur. Dafür ließ ich mir Mikrofilme von Dokumenten und Quellen des 16. Jahrhunderts aus dem British Museum kommen. Das brachte wertvolle Erkenntnisse.

 

Nach der Zeit beim „Spiegel“ wechselten Sie in den Journalismus und begannen damit, auch über Musik zu schreiben.

Nach dem „Spiegel“ war ich bei der „Hamburger Morgenpost“ und bei „Brigitte“ im Unterhaltungsressort, wo ich erste Kontakte zu Plattenfirmen hatte. 1974 erbte ich eine bescheidene Summe, kündigte und ging für zwei Monate in die USA. Der Plan war, mit Interviews und Reportagen zurückzukommen und mir so den Einstieg in den freien Journalismus zu erleichtern.

 

Welche Themen haben Sie in den USA recherchiert?

In erster Linie ging es mir um die Musikszenen in Nashville und New Orleans und um die aktuelle Filmproduktion in Hollywood. Interviews habe ich beispielsweise geführt mit: Chet Atkins; Billy Sherrill, Produzent und Songwriter; Countrysänger Roy Acuff und seinem Partner bei dem Musikverlag „Acuff Rose“, Wesley Rose; Grandpa Jones; Dr. John; Paul Anka; Walter Matthau; Kirk Douglas; Cybill Shepherd; Bruce Dern.

 

Wo wurden die Artikel, die aus der Reise entstanden, veröffentlicht?

Abnehmer waren unter anderem „Sounds“,, „Oldie-Markt“, „konkret“, das deutsche „Rolling Stone“, für dessen Nullnummer ich einen Bericht über ein katastrophales Konzert von Joe Cocker in Los Angeles schrieb oder das „Zeit Magazin“, das den Artikel „Nashville heute“ ankaufte, aber nicht veröffentlichte.

 

Sie haben in den USA aber auch Informationen für ein Buchprojekt gesammelt.

Für ein Lexikon der Country- und Folk-Musik. In Nashville habe ich an Material zusammengetragen, was ich kriegen konnte. Ich brachte auch eine Reihe von Zeitschriften aus den USA mit wie „Billboard“, „Rolling Stone“, „Crawdaddy“, „Country America“, „Country Song Roundup“, „Music City News“.

 

Die Anfänge des Archivs.

Angefangen hat es mit einem Abo des amerikanischen „Rolling Stone“. Doch aus heutiger Sicht muss ich das alles als bescheidene Anfänge bezeichnen. Für das Konzept des Lexikonprojekts war es aber mehr als genug.

 

Was wurde aus dem Projekt?

Ein Lektor hatte das Konzept beim Rowohlt-Verlag präsentiert und grünes Licht bekommen. Es wurde dann aber verschoben und nie weiter verfolgt.

 

Es dauerte bis in die 90er – Sie waren in der Redaktion der Zeitschrift „Vital“ wieder fest angestellt –, bis es den entscheidenden Schub für Ihr Archiv gab: Ihr 1996 erschienenes Buch „Roll Over Beethoven. Wie der Rock’n’Roll nach Deutschland kam“.

Die Idee dazu entstand durch das Plattensammeln und dabei durch die Beschäftigung mit den verschiedenen Labels und der Veröffentlichungspolitik der Plattenfirmen zwischen USA, England und Deutschland in den 50er und 60er Jahren. Da wichtige Plattenfirmen in Hamburg angesiedelt waren, gab es dort in Secondhand-Plattenläden und auf Flohmärkten häufiger auch Infomaterial der Labels. Was mir schon bald auffiel: Sowohl die Deutsche Grammophon als auch die Teldec hatten in den 50er Jahren und auch später im Pop nur seichte Unterhaltungsmusik und Middle of the Road im Fokus. Allenfalls Jazz, als so genannte anspruchsvolle Musik, hatte daneben noch eine Chance in der Bundesrepublik. Rock’n’Roll wurde als Schmuddelkind behandelt und galt als „Negermusik“. Diese Einstellung – die auch bei Philips und Electrola galt – entsprach den subjektiven Erfahrungen, die ich als Jugendlicher gemacht hatte, und ließ sich durch Berichte in den Medien der Zeit belegen. Dass die Zeit für „Roll Over Beethoven“ reif war, ahnte ich, weil die Single – auf der sich der Rock’n’Roll abgespielt hatte – vom Markt verschwand. Der Moment für einen Nachruf und einen Rückblick schien gekommen.

 

Wie lief die Arbeit an dem Buch ab?

Das beständige Sammeln begann Anfang der 90er. In Archiven – vor allem beim „Spiegel“, bei Gruner + Jahr und bei Springer – suchte ich Artikel zum Thema „Rock’n’Roll und Deutschland“ und in diesen Artikeln nach Personen, die ich zur Geschichte der Labels ansprechen konnte. Gleichzeitig versuchte ich, in Plattenfirmen Mitarbeiter aufzutreiben, die mir noch über die Vergangenheit Auskunft geben konnten. Letzteres war schwierig, weil die jung-dynamischen Chefs ältere Kollegen „entsorgt“ hatten – wie auch die firmeneigenen Archive. Ich bekam aber Kontakt zu einigen Pensionären, die mir Kataloge und anderes aufgehobenes Material zum Kopieren – oder ganz – überließen. Bei der Deutschen Grammophon konnte ich sogar das verbliebene Archiv einsehen.

 

Ihr besonderes Interesse galt der Teldec – weshalb?

Das Interesse entstand durch meine frühe Liebe für den Rock’n’Roll. Die London- und RCA-Platten von Fats Domino, Little Richard, Chuck Berry, Ray Charles, Elvis Presley, Don Gibson, Sam Cooke und anderen kamen alle von der Teldec. Bei meinen Recherchen stellte ich fest, dass von den Unterlagen der Firma – Nachfolger der Teldec wurde 1990 East West Records – kaum etwas übrig war. Das war eine Herausforderung. Andere Firmen wie die Deutsche Grammophon haben ihre Geschichte ausführlich dokumentiert. Aber die Teldec ist die Firma gewesen, die hauptsächlich die Musikrevolution aus den USA – wenn auch nicht gerade sehr willig – nach Deutschland brachte.

 

Welche Materialien haben Sie speziell zur Teldec zusammengetragen?

Beispielsweise Flyer, die an die Plattenläden gingen, aus dem Jahr 1953 über die Einführung der Single und der Füllschriftplatte bei der Teldec. Auch von 1953 eine Single der Teldec, auf der die Vorzüge der Single gegenüber der Schellackplatte hervorgehoben werden. Oder die „Klingende Post“ von 1956, auf der zum ersten Mal Elvis Presley – mit „Hound Dog“ – vorgestellt wird.

 

Sie haben auch direkt in Nortorf und Neumünster recherchiert, wo sich ein Presswerk und eine Druckerei der Teldec befanden.

Schon ab Ende der 80er Jahre. In Nortorf wurden von Telefunken – ab 1951 Teldec – von 1947 an Platten für die Bundesrepublik und große Teile des westlichen Europa gepresst. Von der Produktionsweise bis zu den Produktionszahlen habe ich versucht, möglichst viel nachträglich zu erfahren. Die Vinyl-Zeit war da schon vorbei. In Neumünster sitzt die Druckerei, die exklusiv für die Teldec die Etiketten gedruckt hat. Der Druckprozess mit dem Silber- und Goldaufdruck war sehr spezialisiert und einmalig.

 

Die Teldec war aber nicht die einzige Firma, auf die Sie sich konzentrierten.

Ich habe auch zu anderen Plattenfirmen jede Menge Material gesammelt: Deutsche Grammophon mit den Unterlabels Brunswick, Coral, Heliodor, Polydor, MGM, Verve; Philips mit Fontana, Mercury, Star-Club, twen; Electrola mit ABC, Mercury, Odeon. Sie verkörperten den US-Rock’n’Roll und englische Musik. Gesammelt habe ich alles, was die Übernahme dieser Musik in Deutschland betraf.

 

Womit wir bei der Frage wären: Wie haben Sie das zusammengetragene Material in Ihrem Archiv geordnet?

Grundstock ist ein alphabetisch geordnetes Personenarchiv mit Presseartikeln. Dazu kommt ein nach Sachgebieten geordnetes Archiv mit Presseartikeln. Außerdem Broschüren, Prospekte, Flyer mit Selbstdarstellungen von Plattenfirmen; Informations-Schallplatten von Labels; Interviews; Briefwechsel; Zeitschriften; Videos; ein Fotoarchiv; eine Musikbibliothek und einige Bücher und Zeitungsartikel zum Thema Plattensammeln und Sammeln generell.

 

Wo befindet sich das alles, wie haben Sie’s aufbewahrt?

Das Archiv habe ich in einem eigenen Raum im Keller. Schallplatten, Bücher und besondere Stücke stehen in einem Wohnraum. In Leitz-Ordnern archiviert ist das Material zu Personen, Labels oder übergeordneten Gebieten mit deren Unterkategorien – beispielsweise „Kultur und Gesellschaft der 50er Jahre“ mit Berichten zur Musik- und Rundfunklandschaft, über Artikel zum Thema Film und Kino, Darstellungen der Jugendkultur, Erwähnungen von Comics bis zu späteren Wertungen der Epoche. Was nicht in Ordner passt – sowohl inhaltlich als auch von der Größe her – oder ein gesondertes Gebiet ist, habe ich in Extra-Schubern oder in Schränken: Broschüren, Flyer, Prospekte, Kataloge, Info-Schallplatten, Fotos und Illustrationen, Briefwechsel und ähnliches. Da existiert kein weiteres System, alles steht Label für Label nebeneinander.

 

Wird das Archiv im Computer verwaltet?

Nein.

 

Handschriftliche oder getippte Listen?

Alles nur im Gedächtnis. Das kann immer mal längeres Suchen bedeuten.

 

Was beinhaltet das Personenarchiv?

50 Leitz-Ordner mit Presseartikeln zu Personen und Gruppen, rein alphabetisch gegliedert. Biografisches, Konzertberichte, Plattenkritiken, Porträts. Zum Teil auch Werbematerial der Labels. Persönliche Notizen zu den Menschen, wenn ich etwas recherchiert oder im Radio oder im Internet erfahren habe. Fotos habe ich gesondert archiviert. Die gesamte Musikszene nach 1945 ist vertreten, das heißt, was mich davon interessiert: amerikanische Musik, englische Musik, wenig aus Frankreich. Hinzu kommt die bundesdeutsche Schlagerproduktion, zu der ich ein eher kritisches Verhältnis habe.

 

Was heißt kritisches Verhältnis?

Der deutsche Schlager hat nach 1945 größtenteils die Verdummung fortgeschrieben, die Goebbels mit seiner Reichskulturkammer verordnet hatte. Anstatt an die originelle Berliner Musikszene vor den Nazis anzuknüpfen, setzten die Texter auf Schnulzen – Heimat-Heimweh-Heide-Försterhaus-Kitsch. Auch die kulturellen Einflüsse der Alliierten änderten daran nicht viel. Bis heute ist diese aus den 30er Jahren herrührende deutsche Schlagertradition ungebrochen.

 

Der Rock’n’Roll hatte es da anfangs also nicht einfach.

Aufschlussreich sind historische Artikel über Musiker, die die Ahnungslosigkeit oder Ablehnung in den Medien dokumentieren. Das ist besonders in den 50er und 60er Jahren beim Rock’n’Roll sehr ergiebig, beispielsweise wie Bill Haley, Elvis Presley, Jerry Lee Lewis, aber auch Louis Armstrong oder die Rolling Stones abgeurteilt wurden. Da kam die totale Beschränktheit der Nazi-Diktatur noch Jahre später zum Ausdruck. Demgegenüber stand die völlig unkritische Hochjubelei alles Deutschen, vor allem der Volksmusik und des Schlagers.

 

Einen weiteren Schwerpunkt bilden die nach Sachgebieten geordneten Presseartikel. Was kann man hier finden?

Schwerpunkte ergeben sich durch meine Interessens- oder Recherchegebiete: Plattenlabels, Blues, Jazz, Rock’n’Roll, Soul; eher am Rand stehen Volksmusik oder Schlager. Aber es gibt auch einen ganzen Ordner „ZDF-Hitparade“. In den 30 Leitz-Ordnern sind verwandte Gebiete eines Oberbegriffs als einzelne Sektionen aufgeteilt. Zum Beispiel bei Schallplatten: Schellack, LP, Single, CD. Bei Phonogeräte: Plattenspieler, Tefifon, Tonbandgeräte, CD-Spieler, Jukeboxes. Dazu kommen Musikstile wie Country, Bluegrass, Western Swing, Rockabilly. Es gibt aber auch rein zeitbezogene Abteilungen – 50er Jahre, 60er Jahre und so weiter – mit Material, das die gesellschaftliche Entwicklung dieser Jahrzehnte – vor allem unter kulturellen Aspekten – beleuchtet.

 

Was sind die spannendsten Stücke aus dem Sacharchiv?

Besonders interessant sind Selbstdarstellungen von Akteuren der Musikindustrie oder Interviews mit ihnen. Erschreckend, wie wenig Wesentliches oder Sinnvolles sie oft zu dem Gegenstand ihres Geschäfts – der Musik – zu sagen hatten. Etwa die Teldec-Mitarbeiter, die für die Zeitschrift „die Schallplatte“ ohne jedes Hintergrundwissen über Musiker oder Platten aus England und den USA schrieben. Da heißt es beispielsweise 1958 über Elvis Presleys „Jailhouse Rock“: „Das ist voll von Rhythmus und Leben. Das hat eine aufpeitschende Atmosphäre in Melodie und Gitarrenbegeleitung.“ Auf welchen Rock’n’Roll hätte man das nicht münzen können? Mit Little Richard konnte man 1957 bei der „Schallplatte“ gar nichts anfangen. Man verwechselte ihn mit Cliff Richard und wusste nicht, dass „Tutti Frutti“ und „Long Tall Sally“ seine selbst geschriebenen Originalaufnahmen waren. Zitat: „Wenn man so eine starke Persönlichkeit ist wie der kleine Richard, dann kann man es sich auch leisten, auch so bekannte Rock’n’Roll-Evergreens wie ’Tutti Frutti’ und ’Long Tall Sally’ aufzugreifen.“ Der Autor kannte wohl nur die von der Teldec veröffentlichten Coverversionen dieser Stücke von Pat Boone und Elvis Presley.

 

Basis für die Sammlung der Presseartikel sind sicher die archivierten Zeitschriften. Welche sind hier hervorzuheben?

„Billboard“, die US-Ausgaben des „Rolling Stone“, „Country Corner“, „Sounds“, „die Schallplatte“, „Star Revue“, „Bravo“, „twen“, „Spiegel“, „konkret“, „Time Magazine“, „Life“. Es sind aber keine kompletten Jahrgänge. Vieles habe ich nach wichtigen Artikeln durchgesehen und allein diese dann aufgehoben. Manches gibt’s auch nur in Kopie, zum Beispiel den „Melody Maker“ von 1954 bis 1959. Neben den Zeitschriften habe ich auch jahrelang die überregionalen deutschen Tageszeitungen ausgewertet, außerdem den „New Yorker“, „USA Today“ und die „Sunday Times“. Das alles ist natürlich ein Platzproblem. Vor dem Umzug in die Lüneburger Heide habe ich die „Billboard“-Hefte ausgewertet und alles, was mir nicht wirklich wichtig war, in den Altpapier-Container gebracht. Das gilt auch für den „Spiegel“, den ich von 1970 an bis in die 90er Jahre aufgehoben hatte. Schließlich gibt’s den „Spiegel“ im Internet. Das heißt aber nicht, dass das Internet ein eigenes Archiv überflüssig macht. Denn im Internet findet man ja nur, was ins Internet gestellt wurde.

 

Wie wichtig sind Interviews in Ihrem Archiv?

Ich habe viele Tonbandkassetten voll mit Interviews; einige Mitschriften, die ich nachträglich mit der Maschine abgetippt habe; E-Mail-Interviews habe ich auf CDs gespeichert. Für mich von großer Bedeutung waren die Gespräche mit Dr. Dietrich Schulz-Köhn – auch als Radiomoderator „Dr. Jazz“ bekannt –, die ich für das Buch „Roll Over Beethoven“ über die Nachkriegsmusikindustrie geführt habe. Er arbeitete seit der Vorkriegszeit für die Branche und hatte selbst ein umfangreiches Archiv. In den 50ern war er zeitweise bei der Deutschen Grammophon für das Brunswick-Repertoire verantwortlich. Einen hohen persönlichen Wert haben auch die Gespräche und E-Mails mit dem Musiker und Songwriter Don Robertson, dessen Bedeutung ich für die Bear-Family-Records-CD „Songs For Elvis“ recherchiert habe. Ich kannte seine Platten seit den 50er Jahren, aber auch die Lieder, die er für Elvis Presley geschrieben hatte. Sein Klavierstil hat die Country-Musik bis heute beeinflusst.

 

Sie besitzen auch ein Originaldemo von Don Robertson.

Eines von vielen, die von einer Musikfirma für den Müll aussortiert waren, wo sie ein Freund von mir zufällig entdeckte. Es handelt sich um Demos, die Don Robertson von Ende der 50er bis Mitte der 60er für den Musikverlag Hill and Range aufgenommen hat. Am interessantesten sind die Vorlagen für Elvis, zum Beispiel „I’m Counting On You“, „Anything That’s Part Of You“, „I Met Her Today“, „They Remind Me Too Much Of You“, „There’s Always Me“, „Love Me Tonight“. Aber auch Hits für andere waren dabei: „Hummingbird“ für Les Paul und Mary Ford oder für Frankie Laine, „Not One Minute More“ für Della Reese, „I’ve Come To Say Goodbye“ für Jerry Lee Lewis. Robertsons Klavierstil ist auf den Demos sehr schön zu hören. Das war für mich auf Elvis Presleys Aufnahme von „Anything That’s Part Of You“ mit Floyd Cramer am Piano in den 60ern eine Offenbarung. Dieses Demo – ein einseitig gepresstes 25-cm-Acetat, das mit 78 Umdrehungen abgespielt wird – besitze ich jetzt. Das Stück ist wie die anderen alle auf der Bear-Family-Records-CD zu hören.

 

Sie bewahren auch etliche Briefwechsel in Ihrem Archiv auf.

Ja, für meine verschiedenen Bücher habe ich Zeitzeugen angeschrieben und eigentlich immer Antwort bekommen. Zum Beispiel von dem Konzertveranstalter Kurt Collien, der die Bill-Haley-Tournee 1958 mitveranstaltet hatte. Seine Erinnerungen hat er mir lebhaft beschrieben. Kurt Collien glaubte, die damaligen Krawalle bei der Tour seien von Ost-Berlin gesteuert gewesen. Er veranstaltete später auch den Hamburger Teil der Bravo-Beatles-Tournee. Mit dabei: der damalige Innensenator Helmut Schmidt, der für den Polizeieinsatz politisch verantwortlich war. Der vertraute Collien an, er sehe den Umgang mit den aufmüpfigen Jugendlichen „als Generalprobe für Dinge, die noch kommen würden“. Oder ein Briefwechsel mit Eduard Rhein.

 

Dem Entwickler des so genannten „Füllschriftverfahrens“, bei dem die Rillenflanken einer Schallplatte enger geschnitten werden, was deren Spieldauer verlängert.

Seit meiner Jugend kannte ich den Hinweis „Füllschrift – Geschnitten nach dem Rhein’schen Verfahren“ auf meinen Rock’n’Roll-EPs der Teldec. Den Zusammenhang aufzuklären war eine Recherche für „Roll Over Beethoven“. Mein Beitrag war die persönliche Geschichte Rheins: Wie kam er dazu, sich mit der technischen Entwicklung von Schallplatten zu beschäftigen? Wie hat er seine Erfindung gemacht? Wie hat er sie der Plattenindustrie präsentiert?

 

Wann war das?

Das war 1990. Er lebte in Cannes, ich in Hamburg.

 

Kamen Sie durch solche persönlichen Kontakte auch an Dokumente für Ihr Archiv?

Es waren Glücksfälle, wenn mir Interviewpartner wie Dr. Schulz-Köhn Fotos von Louis Armstrong in Deutschland oder Dokumente überließen. Die Journalistin Eva Windmöller schenkte mir Duplikate ihrer Fotos von Elvis in Deutschland. Sie war die Reporterin, die ihn bei seiner Ankunft in Bremerhaven begrüßte und dann später interviewte.

 

Was haben Sie auf Flohmärkten gefunden?

Von den 90er Jahren bis in die frühen 2000er Jahre waren Flohmärkte noch ergiebig. Gefunden habe ich zum Beispiel eine Capitol 10-Inch von „Rhapsody In Blue“ mit dem Orchester Paul Whiteman aus den frühen 50er Jahren in einem typographisch gestalteten Firmencover, auf dem gedruckt steht, man könne eine „Kunstdruck-Bildertasche“ – das heißt ein Bildcover – in Nortorf bei der Teldec bestellen. Oder ein Fotoalbum von Philips aus den frühen 50er Jahren mit Fotos von einer PR-Bustour der Firma durch die Bundesrepublik. Das ist heute unvorstellbar. Ein Riesenbus mit Anhänger fuhr 1951 von Stadt zu Stadt. Ein erster Bus war schon 1949 nach der Währungsreform unterwegs gewesen. In den lokalen Zeitungen wurden die Orte und Termine angekündigt. Im Bus wurde die ganze Produktpalette von Philips präsentiert: Rasierer, Radios, Fernsehgeräte, Schellackplatten. Das Fotoalbum hat Philips für Geschäftspartner zusammengestellt.

 

Wo haben Sie noch Funde gemacht?

Secondhand-Plattenläden waren in den 90ern für mich die Hauptfundgrube. Gedrucktes spielte in diesen Läden für die Besitzer nicht so eine große Rolle. Aber auch in Buchantiquariaten war es möglich, etwas zu entdecken. In einem Hamburger Antiquariat habe ich den RCA-Katalog aus den USA gefunden, in dem 1949 die ersten Singles – eine Erfindung der RCA – vorgestellt wurden. Außerdem versorgen mich Freunde manchmal mit Material, das sie entdeckt haben.

 

Wo lohnt heutzutage die Suche?

Bei eBay taucht immer wieder etwas auf. Allerdings muss man sich mit unrealistischen Preisvorstellungen auseinandersetzen. Oft spielt der Zufall eine Rolle, wenn man im Gespräch hört, dass jemand auf „altem Zeug“ sitzt. Was ich nicht mache, aber was auch Ergebnisse bringen kann, ist, Suchanzeigen aufzugeben.

 

Was steht auf Ihrer Suchliste?

Frühe Kataloge, zum Beispiel einer mit Platten der Firma London von 1956. Ist bisher noch nicht aufgetaucht. Es ist nicht so, dass ich noch spezielle Dinge im Fokus habe, die mir fehlen. Aber wenn etwas auftaucht, das mein Archiv ergänzt, bemühe ich mich darum.

 

Ihr umfangreiches Archiv war nie Selbstzweck. Neben „Roll Over Beethoven“ konnten Sie auch bei weiteren Veröffentlichungen davon profitieren.

Für das bei Bear Family erschienene und von mir, Heinz-Günther Hartig – dem Herausgeber des „Rock’n’Roll Musikmagazins“ –, und zwei weiteren Autoren verfasste „London-Label-Lexikon“ konnte ich das Material für die Einleitung nutzen, das heißt für die Teldec-Geschichte und die zeitgeschichtliche Einordnung der deutschen London-Platten; natürlich auch für die Musikerporträts. Ebenso für die in meinem eigenen Voodoo Verlag veröffentlichten Bücher „La Paloma – Das Jahrhundert-Lied“ und „Live In Germany“ mit Geschichten über Live-Auftritte amerikanischer und englischer Interpreten in Deutschland war es hilfreich. Oder für „John Fogerty und das Drama Creedence Clearwater Revival“, das ich mit meinem Sohn Mark geschrieben habe, und das Buch „Songs For Everyone“, das Mark über John Fogerty geschrieben hat. Über CCR und Fogerty hatte ich schon früh für meinen Sohn eine Sammlung angelegt, der seit seiner Kindheit Fan ist. Zu den Buchveröffentlichungen kommen noch Radiosendungen, Beiträge für die Magazine „GoodTimes“ und „Golden Boy Elvis“ und Leihgaben für die Ausstellungen „The Hamburg Sound“ in Hamburg und „Elvis in Deutschland“ im Haus der Geschichte in Bonn.

 

Sammeln Sie heute auch noch Schallplatten?

In Grenzen. Nach wie vor steht bei mir amerikanische Musik im Vordergrund, hauptsächlich 50er bis 70er Jahre – Rock, Soul, Country. Wenn ich da etwas Interessantes sehe ...

 

Rüdiger Bloemekes Buch „Roll Over Beethoven“ ist antiquarisch erhältlich. Das „London-Label-Lexikon“ über Bear Family Records; ein Interview über das Buch mit dem Mitautor Heinz-Günther Hartig findet sich hier. Die im Eigenverlag erschienenen Bücher von Rüdiger und Mark Bloemeke sind über den Voodoo Verlag zu beziehen. Bei „Spiegel Online“ veröffentliche Artikel von Rüdiger Bloemeke gibt’s hier.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Schallplatten München (Mittwoch, 09 März 2016 16:20)

    Hab bislang gerne im Blog gelesen und wollte nur kurz nachfragen ob bzw. wann es 2016 weiter geht?

  • #2

    plattensuechtig.de (Sonntag, 13 März 2016 09:58)

    Als Nächstes ist ein Interview mit einem Jazzplattensammler geplant. Wird aber noch etwas dauern.