Black Canyon – Faszination Vinyl

Wenn ein ernst zu nehmender Plattensammler keine Zeit hat, sich auf einer Plattenbörse herumzutreiben oder zu Hause seine Regale zu sortieren oder seine Platten zu reinigen oder seine Platten wenigstens zu hören – dann schaut er sich vielleicht gerade eine DVD an. Beispielsweise „Black Canyon – Faszination Vinyl“. Eine wunderbare Doku mit „Geschichten von Menschen, die mit und von Vinyl leben“, so Initiator, Autor und Regisseur Frank Lechtenberg.

 

Herr Lechtenberg, in Ihrem Leben spielen Musik und Medien eine wichtige Rolle: Sie sind Professor für Crossmedia-Journalismus an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe in Lemgo, Chefredakteur des Hi-Fi-Magazins „HiFi-Stars“, Radiomacher für den NDR und ByteFM und machen auch selbst Musik. Jetzt haben Sie einen Film über Vinyl gedreht – wie entstand die Idee dazu?

Die Idee kam von mir, Februar 2013. Ich war auf dem Weg zu unserer norwegischen Partnerhochschule in Volda, in der es den Studiengang Dokumentarfilm gibt. Auf dem Flug hatte ich mir „Last Shop Standing“ angesehen, eine Dokumentation über die letzten britischen Plattenläden. Diesen Film fand ich sehr inspirierend, zumal viele meiner musikalischen Vorbilder wie Johnny Marr oder Billy Bragg mitwirken. In Norwegen habe ich dann mit einem dortigen Kollegen darüber gesprochen, ob wir für einen Film zum Thema Vinyl zusammenarbeiten könnten – er sagte zu. Gleichzeitig hatte ich schon mein späteres Team kontaktiert und gefragt. Alle waren sofort mit dabei.

 

Das Team sind Dominik Junker, Michael Tillmann und Jürgen Backhaus, drei Studenten Ihrer Hochschule, die für Kamera, Ton und Produktion zuständig waren und den Film zum Abschlussprojekt ihres Studiums machten. Zunächst brauchten Sie aber ein Drehbuch.

Es gab vor Drehbeginn ein sehr gut ausgearbeitetes Manuskript, an dem wir etwa drei Monate gearbeitet haben. Das beinhaltete sowohl Drehorte als auch Einstellungen und Ideen für die Audio-Ebene. Es war auch sehr gut, die Bildideen vorab zu formulieren. So konnten wir unsere Interviewpartner schnell davon überzeugen, dass wir keine Anfänger sind. Wir haben dann zum Record Store Day im April 2013 angefangen und rund fünf Monate lang gedreht. Die Postproduktion begann parallel zum Dreh und hat nochmals drei bis vier Monate in Anspruch genommen. Im Dezember 2013 war Premiere in Bielefeld. Die DVD erschien im April 2014.

 

Wie wurde der Film finanziert?

Rund 95 Prozent durch Crowdfunding; es kamen noch ein paar Euro durch kleinere Förderungen hinzu.

 

In „Black Canyon“ reisen Sie durch Deutschland, Norwegen, England und begegnen dabei den verschiedensten Protagonisten, die aber alle eines gemeinsam haben: die Liebe zur Vinylschallplatte. Wer macht in dem Film mit und wie kam die Auswahl zustande?

Helmut Brinkmann ist Hersteller hochwertiger Audio-Elektronik; neben Plattenspielern hat er auch diverse Verstärker im Angebot. Ihn kannte ich schon aus der Hi-Fi-Szene und wir haben Kontakt seit Jahrzehnten. Der Kontakt zu Rainer Horstmann kam über die Analogue Audio Association. Er ist ein echter Fan des Mediums Vinyl und hat einen High-End-Plattenspieler selbst entwickelt. Er beschäftigt sich vor allem mit der Frage, wie man den Antrieb des Plattentellers möglichst kraftvoll und störungsfrei umsetzen kann. Bela B., Schlagzeuger und Sänger der Ärzte, haben wir in seinen Hamburger Lieblingsplattenladen begleitet. Ihn habe ich durch seine Managerin überzeugen können. Ich kenne sie über meinen Freund Wayne Jackson, der eine Bela-B.-Platte produziert hat und Mitglied seiner Band war. Blank & Jones – Kölner Produzenten- und DJ-Duo – und Frank Goosen habe ich bei der jeweiligen Agentur angefragt. Frank Goosen wurde mal „der deutsche Nick Hornby“ genannt, weil er in seinen Büchern zahlreiche Anspielungen auf Platten und Plattenläden macht, vor allem in „Liegen lernen“. Rembert Stiewe von der Plattenfirma Glitterhouse Records hatte ich während meiner Zeit als Journalist kennen gelernt. Etwas schwieriger war es, ein Interview mit Jan Erik Kongshaug zu bekommen. Er ist Toningenieur und Besitzer des Rainbow Studios in Oslo, das vor allem durch seine Jazzaufnahmen für die Labels ECM und Ozella bekannt geworden ist. Geholfen hat mir dabei Dagobert Böhm, der Chef von Ozella Records.

 

Nicht zu vergessen: Sie haben im Presswerk Pallas und in Plattenläden in Berlin, Oslo, London gedreht. Zusätzlich gibt’s auf der DVD auch noch Bonusmaterial.

Der reguläre Film dauert 47:20. Im Bonusmaterial sehen wir das Ritual „Platten waschen“ mit einem Sammler und ehemaligen Händler, der Tausende Platten besitzt und dazu eine hochwertige Plattenwaschmaschine. Hinzu kommt noch ein Interview mit Siegfried Amft von der Firma T+A.

 

Jetzt – nach Fertigstellung – fehlt Ihnen etwas im Film?

Ich würde eventuell noch in ein Masteringstudio gehen.

 

Zu einem Film über Vinyl gehört natürlich die Frage, was besser klingt: Vinyl oder CD. Jan Erik Kongshaug vom Rainbow Studio hat Ihnen dazu eine Antwort gegeben.

Er hat klar gemacht hat, dass eine sorgfältige Aufnahme sowohl auf Vinyl als auch auf CD gut klingt und er in seinem Studio nicht für jedes Medium ein unterschiedliches Master anfertigen muss. Allerdings sieht er den Bedarf für verschiedene Master im Normalfall schon, denn viele Digitalproduktionen haben seines Erachtens auf Vinyl technische Probleme, etwa bezüglich Phase oder Amplitude.

 

Wie ist Ihre Antwort?

Wenn die Musik gut ist, dann kann das Medium Vinyl bei der „Verkostung“ noch das i-Tüpfelchen setzen. HiRes-Downloads haben auch etwas für sich, vor allem im Jazz mag ich das. CD ist ebenfalls völlig in Ordnung, lediglich Datenraten von 256 kbps und weniger strengen mich ein wenig an.

 

Was macht für Sie den Reiz von Vinyl aus?

Der Album-Gedanke und das Artwork. Ich sitze dann tatsächlich die 20 Minuten pro Plattenseite vor der Anlage, nehme mir das Cover in die Hand, blättere gegebenenfalls im schön gestalteten Beibuch – Booklet klingt zu klein – und kann wirklich entspannen. Und es ist ein Gewinn, ein gut zusammengestelltes Album auch in der korrekten Reihenfolge der Stücke genießen zu können.

 

Und was steht in Ihren Plattenregalen?

Ich nutze Musik auf allen Medien. Gezählt habe ich die Platten in letzter Zeit nicht. Ich tippe mal auf schlanke 500 bis 600 Vinyls, knapp 2000 CDs und einige HiRes-Audios auf Festplatte. Mein Musikgeschmack ist in den 80er Jahren von Bands wie The Smiths, The Cure, Lloyd Cole And The Commotions, Depeche Mode, New Order oder Big Country beeinflusst worden. Heute höre ich aber auch gerne Steven Wilson, Martin Tingvall, Helge Lien, Elbow, Beach House, Tim Bowness, BirdPen oder Archive.

 

Die drei Studenten aus dem Filmteam sind altersmäßig eher mit Downloads aufgewachsen. Hören und kaufen die auch Vinyl?

Vinyl eher selten, aber Musikhörer sind sie natürlich auch.

 

Möchten Sie mit dem Film Digitalhörer zum Vinyl bekehren?

Bekehren wollen wir niemanden, aber vielleicht auf den Geschmack bringen.

 

Eine ketzerische Frage zuletzt: Woher kommt die Musik, mit der „Black Canyon“ unterlegt ist: von Vinyl oder digital?

Ganz ehrlich? Digital. Der Film liegt in der Endfassung ausschließlich digital vor und wird über digitale Abspielgeräte angeschaut. Hier einen Umweg über die Digitalisierung der entsprechenden Vinyl-Tracks zu gehen, erschien uns wenig sinnvoll. Und ich glaube, ein knisternder Soundtrack in so einer Doku mag auf den einen oder anderen Zuschauer auch anbiedernd wirken.



Einen Ausschnitt aus dem Dreh bei der Plattenfirma Glitterhouse Records gibt’s hier.


Amazon Partnerlink


Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Chris (Freitag, 23 Oktober 2015 16:36)

    Toller Film kann ich jedem weiterempfehlen!
    Gruß Chris