C30 C60 C90 Go!

Am 17. Oktober ist Cassette Store Day. Richtig gelesen: nicht Record Store Day, sondern Cassette Store Day. Die Kompaktkassette gilt nämlich wieder als cool – ein bisschen zumindest. Da lohnt es doch, ein altes Radiointerview auszugraben, in dem Medienjournalist Reginald Rudorf 1977 den Tod der Schallplatte prophezeit hatte – weil die MC der Tonträger der Zukunft sei.

 

1977, das war das Jahr, in dem „100 Jahre Erfindung des Tonträgers“ gefeiert wurden. 100 Jahre nachdem Thomas Alva Edison die erste Schallaufzeichnung gelungen war. Der Titel des knapp 25-minütigen Gesprächs im Österreichischen Rundfunk „100 Jahre Schallplatte. Der Tod der Schallplatte durch die Kassette?“ war insofern nicht korrekt gewählt. Die Schallplatte – 1887 von Emil Berliner erfunden – war damals erst 90 Jahre alt. Die Gesprächspartner: Ernst Grissemann vom ORF und Reginald Rudorf (1929-2008), deutscher Journalist, Gründer des Medieninformationsdienstes „rundy“, Mitautor eines Schmähbuches über Dieter Bohlen und – wenigstens in diesem Radiobeitrag – mit missionarischem Eifer Kassettenfürsprecher.

 

Natürlich war Rudorf damals nicht alleine mit seiner Begeisterung. Die Kompaktkassette verbreitete sich in den 70ern rasant. Mixtapes waren in, Schallplatten kaufen wurde überflüssig, die MC lief zu Hause, im Auto, auf dem tragbaren Kassettenrekorder, ab 1979 im Walkman. Laut Rudorf überholten 1976 die Umsätze für bespielte und unbespielte Kassetten die der Schallplatte. Für 1977 prognostizierte er eine Fortsetzung des Trends mit einem Umsatzplus von 20 bis 50 Prozent. Die Kassette habe sich am Markt als „der bessere Tonträger“ durchgesetzt. Sie sei „total unempfindlich“, während die Schallplatte verschleiße. Noch besser: Man könne das Band löschen, neu aufnehmen, sei damit sein eigener Schallplattenproduzent. Ein „demokratischer Tonträger“ mit dem man machen könne, was man will. Nach den „jüngsten Tests der drei Marktführer“ könne man dolbyisierte Chromdioxydbänder sogar „unbeschränkt“ löschen und neu bespielen.

 

Bei Teenagern und angehenden Twens bestehe das Marktpotenzial darin, dass systematisch Leerkassetten gekauft und Langspielplatten oder bespielte Musikkassetten darauf kopiert würden. Kassettenkopiergeräte könne man schon für wenige Tausend Mark kaufen und damit einen kleinen Gewerbebetrieb eröffnen, „zumal das von den Behörden kaum geahndet wird“. Nun erkennt Rudorf ebenso, wohin die ganze Freiheit führen kann. Die Leerkassette sei urheberrechtlich nicht geschützt. Komponisten, Textautoren, Interpreten, Musikverlegern entgehe eine Menge Geld durch die kostenlose Verbreitung ihrer Musik. Das sei nur durch eine Abgabe auf Leerkassetten zu ändern. Schließlich sei es der Verbraucher selbst, der sich durch die Leerkassette schädige: „Wenn die schöpferischen Kräfte der Musikindustrie nichts verdienen, wird die Musik immer ärmlicher und dümmlicher und alles wird eine Massenfließbandware.“ Dass den Plattenfirmen durch das Kopieren ebenso beträchtliche Einnahmen entgehen, findet Rudorf übrigens nicht erwähnenswert.

 

Für ihn ist die Schallplatte eh am Aussterben. Das bekommt auch eine zugeschaltete Hörerin zu spüren, die gar nicht so gut auf die Kassette zu sprechen ist. Denn die erreiche bei Weitem nicht die Tonqualität einer Schallplatte, zu wenig Höhen, zu wenig Tiefen, okay für Unterhaltungsmusik, Schlager, aber nicht für E-Musik. Entscheidend sei natürlich ein hochwertiges Abspielgerät, so Reginald Rudorf, der ein solches nicht bei der Dame vermutet. Ansonsten: „Die modernen Chromdioxydbänder bringen alle Frequenzen, die für Sie hörbar sind, gnädige Frau.“

 

Und wann werde es der Schallplatte endgültig an den Kragen gehen, fragt der Interviewer noch. Rudorfs ziemlich treffsichere Antwort: „1985 wird die Schallplatte ein begehrtes Objekt von Museen sein.“ Eine „Laserstrahlkassette“ werde die Musikkassette dann auf das Niveau des elektronischen Zeitalters bringen. Auch diese Vorhersage war nur knapp daneben – Laserstrahl ja, Kassette nein.

 

Auch wenn der gute Herr Rudorf 38 Jahre später eingestehen müsste, dass die Schallplatte doch den längeren Atem hatte – sein unerschütterlicher Glaube an das neue Medium Kassette und sein Lästern über die „Schallplattenbosse“, die mal wieder den Trend verkannt hätten, sind als Zeitdokument so aufschlussreich wie amüsant und hier nachzuhören.

 

Dass die MC jetzt tatsächlich ein Revival wie das Vinyl erlebt – das ja auch nur ein winziges Revival ist – sollte man nicht erwarten. Trotz Cassette Store Day, der sinnigerweise in Record Stores begangen wird. Trotz unzähligen Labels, die auf Kassetten setzen. Trotz Metallica, die ein altes Demo-Tape von 1982 jetzt neu veröffentlicht haben – auf Tape. Trotz Vinyl Junkie Thurston Moore von Sonic Youth, der behauptet nur noch Kassetten zu hören. Sogar trotz Bow Wow Wow, deren „C30 C60 C90 Go!“ von 1980 immer noch ein perfektes Kampflied fürs Home Taping hergibt: „A bit bam-boogie and a booga-rooga – My cassette’s just like a bazooka.“

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Chris (Sonntag, 25 Oktober 2015 19:30)

    Super Artikel! gefällt mir wirklich gut