Das London-Label-Lexikon

Es gibt wenige Plattenlabel, die eine so magische Ausstrahlung besitzen, dass Sammler sich jede einzelne ihrer Veröffentlichungen ins Regal stellen wollen. Für Heinz-Günther Hartig gehört das deutsche London-Label zu diesen besonderen Labels. Vor allem, weil es eine der Hauptquellen war, aus der sich die deutsche Jugend in den 50er und 60er Jahren mit echter Rock’n’Roll-Musik versorgen konnte. Jetzt hat Heinz-Günther Hartig – Herausgeber des „Rock’n’Roll Musikmagazins“ – zusammen mit drei weiteren Autoren die ultimative Sammlerbibel zu diesem Thema geschrieben: das „London-Label-Lexikon“.

 

Zum Einstieg, Herr Hartig: Können Sie kurz die Entstehungsgeschichte des deutschen London-Labels skizzieren?

Die englische Decca Gramophone Company gründete 1934 eine Zweigfirma in den USA. Kriegsbedingt wurde diese 1939 verkauft. US-Decca baute dann mit US-Künstlern ein eigenes Repertoire auf. Als die britische Decca nach dem Krieg 1947 wieder auf den US-Markt wollte, konnte sie den Namen Decca nicht mehr verwenden. So gründete sie 1947 London Records. Fortan kamen in England produzierte Decca-Platten in den USA auf London heraus, bekanntestes Beispiel dürften die Rolling Stones sein. Im Gegenzug sammelten die US-London-Mitarbeiter Lizenzen von kleinen unabhängigen US-Labels und brachten diese in England auf dem englischen London-Label heraus. Hiervon profitierten ab 1954 auch deutsche Käufer, als die ersten Schallplatten auf dem zur Teldec – der Schwesterfirma der britischen Decca – gehörenden deutschen London-Label erschienen. Das Label existierte bis 1974. 1980 ging die Marke London an die Polygram und über weitere Stationen an Warner Music.

 

London Records fungierte also nur als Vertrieb für andere US-Label? Oder hatte London auch selbst Interpreten unter Vertrag?

London war in der Tat nur Vertriebslabel. Allerdings haben einige US-Künstler wie Pat Boone, Marcie Blaine oder Roy Orbison speziell für Deutschland produzierte Platten auch in deutscher Sprache veröffentlicht.

 

Die bekanntesten Namen bei London?

Jerry Lee Lewis von Sun Records, Billy Vaughn und Pat Boone von Dot Records, Little Richard von Specialty, die Everly Brothers von Cadence, Fats Domino und Ricky Nelson von Imperial.

 

Auf welchen Labels kamen die anderen großen Rock’n’Roll-Interpreten heraus?

Elvis Presley erschien auf dem ebenfalls zur Teldec gehörenden RCA-Label, Bill Haley auf Brunswick, Buddy Holly auf Coral, das wie Brunswick zur Deutschen Grammophon Gesellschaft gehörte, und Gene Vincent und Wanda Jackson erschienen auf Capitol, das zur Electrola gehörte. Zu Bill Haley muss man ergänzen, dass sein Frühwerk in den USA auf Essex, bei uns auf London erschien. Seine Hits wurden in den USA auf US-Decca, hierzulande auf Brunswick veröffentlicht.

 

Die einflussreichste Zeit des London-Labels war Mitte 50er bis Mitte 60er, also die Zeit des Rock’n’Roll. Heißt das, mit dem Aufkommen des Beat wurden britische Label wichtiger?

Ja, zum einen gab es im Gegensatz zur „British Invasion“ in den USA nur wenige Beatbands, die London in Deutschland hätte veröffentlichen können, zum anderen hatten sich neue Vertriebswege ergeben oder durch Aufkäufe andere Zuständigkeiten. So war zum Beispiel Imperial an Liberty verkauft worden, das hierzulande zur Electrola gehörte. Fortan erschienen ehemalige London-Interpreten wie Fats Domino, Ricky Nelson oder The Ventures auf dem deutschen Liberty-Label.

 

London steht aber nicht nur für Rock’n’Roll.

Mengenmäßig war Easy Listening mit den Orchestern von Billy Vaughn, Edmudo Ros, Bob Moore, Roger Williams oder Lawrence Welk und mit Künstlern wie The Clark Sisters, The Chordettes, Fontane Sisters et cetera ebenfalls stark vertreten. Die Grenzen sind sehr oft fließend. Was für den einen noch Rock’n’Roll ist, ist für andere Easy Listening. Außerdem muss man einen Großteil der Platten wohl schlichtweg unter Pop einordnen.

 

Wie viele Platten veröffentlichte London insgesamt?

Zwischen 1954 und 1974 erschienen rund 900 Singles, rund 85 EPs, von den 25-cm-LPs rund 80, von den 30-cm-LPs rund 230. Diese Zahlen sind etwas vage, da es spezielle Pressungen für Buchclubs gab, von denen uns aber keine exakten Zahlen vorliegen. Es sind keinesfalls weniger, eher mehr. Außerdem wissen wir von einigen Labelnummern nicht, ob die Platten tatsächlich erschienen sind.

 

Wie entstand die Idee, ein Buch über das London-Label zu machen?

Die Idee entstand bereits Ende der 70er Jahre. Werner Voss – der mit der NDR-Radiosendung „Rock’n’Roll Museum“ bekannt wurde –, Wilfried Burtke – Mitbegründer des „Rock’n’Roll Musikmagazin“ und später Macher des Schallplattenversands „Wilburt’s Records“ – und ich hatten schon etliche London-Singles in unseren Sammlungen, aber keiner hatte einen Überblick über die gesamten Veröffentlichungen. Man tauschte Listen aus, schrieb die Teldec an und bat um Ergänzungen. Da andere Sammler das gleiche Problem hatten, entstand die Idee, ein Buch zu machen, das möglichst alle Veröffentlichungen und viele Abbildungen enthalten sollte.

 

Dazu kam es aber erstmal doch nicht. Außer Ihnen sind die Autoren des aktuellen Buches nun andere.

Das Thema war nie weg, aber erst vor zirka drei Jahren wurde das Projekt von Ulrich Schlieck wieder angeschoben. Ulrich Schlieck hat sich vor allem auf das Sammeln von Singles mit Bildhüllen spezialisiert und schreibt für das „Rock’n’Roll Musikmagazin“ seit vielen Jahren die Serie „Exoten auf 45“, in der er seltene Singles und EPs vorstellt. Die anderen Autoren: Richard Weize, er ist der Kopf von „Bear Family Records“, weltweit führend in der Wiederveröffentlichung von Künstlern und Künstlerinnen der 50er Jahre und darüberhinaus. Rüdiger Bloemeke ist Journalist und hat unter anderem das Buch „Wie der Rock’n’Roll nach Deutschland kam“ veröffentlicht.

 

Platten sammeln sie alle vier, aber speziell das deutsche London-Label nur Sie.

Das stimmt, London spielt in deren Sammlungen eine eher untergeordnete Rolle. Während ich den Titel „The Fool“ von Sanford Clark unbedingt auf dem deutschen London-Label haben musste, war anderen die gleiche Aufnahme auf dem US-Label Dot Records völlig ausreichend, oder es reichte sogar eine Wiederveröffentlichung auf CD.

 

Die Arbeit an dem Buch lief über drei Jahre. Wie waren die Aufgaben verteilt?

Von mir stammen die ursprüngliche London-Liste von Singles, EPs und LPs sowie Texte zur Geschichte des Labels. Ulrich Schlieck hat Cover gesammelt und einen Rohentwurf für das Buch fertiggestellt. Rüdiger Bloemeke hat die Geschichte und Vorgeschichte des Labels geschrieben und Biografien vieler Künstler erstellt. Richard Weize hat vom Presswerk und von der Nachfolge-Plattenfirma der Teldec die Originalunterlagen erhalten und daraufhin die Listen noch einmal neu eingegeben und komplettiert. Es haben uns aber auch eine ganze Reihe von Sammlern, die alle im Vorwort erwähnt werden, mit Kopien von Covern und mit Informationen versorgt.

 

Sie sprachen gerade von Originalunterlagen aus dem Presswerk und von der Teldec.

Es handelt sich dabei um die Karteikarten und Kopien davon. Leider keine Produktionszahlen, das wäre sicherlich hochinteressant gewesen.

 

Können Sie ungefähre Zahlen nennen, in welchen Auflagen produziert wurde?

Ja, das wäre schön. Nein, kann ich leider überhaupt nicht. Herr Bloemeke hat vor Jahren ehemalige Mitarbeiter der Teldec gefragt. Die haben ihm bestätigt, dass eine Platte überhaupt nur gepresst wurde, wenn mindestens 300 Abnahmen durch Großhändler garantiert wurden.

 

Konnten Sie sich bei dem Buchprojekt auf Vorarbeiten stützen?

Die Vorarbeiten haben wir Ende der 70er selbst geleistet. Die von uns erstellten Listen wurden in den 80er Jahren in zwei Fanzines abgedruckt, ohne EPs und LPs und auch lückenhaft. Später tauchten die Listen dann mit Ergänzungen auch auf Internetseiten auf.

 

Das Buch beginnt mit einem einführenden Essay. Wovon wird hier erzählt?

Es geht um die Vorgeschichte und die Geschichte des Labels, die Zusammenhänge Decca-London et cetera, alles eingeordnet in die Situation des Musikmarktes im Nachkriegsdeutschland.

 

Es geht weiter mit 45 Künstler-Biografien.

Es sind wohl die wichtigsten Interpreten des Labels, aber auch die wichtigsten aus der Sicht der Rock’n’Roll-Begeisterten. Es handelt sich um mehr oder weniger kurze Biografien, Lebensdaten, musikalische Entwicklung, größte Erfolge.

 

Herzstück des Buches bildet die Diskografie, in der mehr als die üblichen Angaben wie Interpret, Titel, Erscheinungsjahr, Katalognummer, Cover-Abbildung zu finden ist.

Es sind immer, wenn vorhanden, auch zusätzliche Infos, die auf dem Label stehen, abgedruckt. Beispielsweise Hinweise, aus welchem Film der Song stammt oder mit welchem Orchester er begleitet wird. Außerdem finden sich Fußnoten, wenn es zu der Platte weiteren Erklärungsbedarf gibt. So steht bei einigen Singles in den Originalunterlagen, dass die Platten nicht veröffentlicht wurden. Das heißt, dass Karteikarten angelegt wurden, dass sie geplant waren, aber dann nicht gepresst wurden. Außerdem wird zu jeder Platte das Original-US-Label genannt.

 

Noch mehr Infos stehen in den Einleitungen zu den einzelnen Kapiteln: Single, EP, LP.

Hier kann man unter anderem nachlesen, welche Label- oder Hüllenvarianten, was für Arten von Promotionveröffentlichen es gab, ob es spezielle Pressungen für Buchclubs oder für die amerikanischen PX-Läden in Deutschland gab.

 

Wie schwierig war es, die Cover-Abbildungen zu beschaffen?

Wir haben uns bemüht, möglichst alle Hüllen und auch verschiedene Hüllenvarianten zu zeigen. Uns war aber klar, dass nach Erscheinen des Buches weitere Varianten auftauchen werden. Das Grundproblem ist, dass es keine Unterlagen gibt, aus denen ersichtlich ist, ob eine Platte überhaupt eine Hülle bekommen hat. Bis heute wissen wir zum Beispiel nicht, ob die Nr. 20 891 – „Cissy Strut“ mit The Meters – überhaupt ein Cover erhalten hat. Logisch wäre es, da zu der Zeit alle anderen Singles mit Hülle erschienen. Aber wir haben noch nie eine gesehen und kennen auch keinen Sammler, der die Platte mit Cover hat. Bei den EPs fehlt uns eine Abbildung der EP RE 3008 mit dem Australian Jazz Quartet. Hier wissen wir nicht einmal, ob die Platte überhaupt erschienen ist. Es gibt die passenden Unterlagen dazu, die Platte ist aber noch nicht aufgetaucht. Gerade bei den Singles gibt es in Einzelfällen von der gleichen Platte bis zu vier Hüllenvarianten, zum Beispiel von „Pretty Woman“ mit Roy Orbison. Das Sammeln der Hüllen hat sich über Jahre hingezogen. Bei den LPs sind längst nicht alle Hüllen abgebildet, vor allem die späteren Nummern fehlen. Auch hier gibt es häufig Covervarianten, die teilweise abgebildet sind.

 

Die London-Etiketten hatten keine Angabe, welcher Titel A- oder B-Seite war. Konnten Sie das klären?

Eine Unterscheidung in A- und B-Seiten wurde in den 50er Jahren auf den Etiketten bei vielen Firmen nicht gemacht. Für unser Buch waren die Originalunterlagen sehr hilfreich, diese machten die Unterscheidung.

 

Nennen Sie auch die nicht regulär erschienen Platten: Musterpressungen, Weißpressungen, Fehlpressungen?

Die sind natürlich auch genannt. Muster- und Weißpressungen wurden auch beispielhaft abgebildet. Fehlpressungen spielen eine untergeordnete Rolle und lassen sich in der Regel nicht abbilden, wenn etwa Label vertauscht wurden oder sogar auf einer Seite eine falsche Matritze benutzt wurde.

 

Sie gehen sogar auf Feinheiten wie die Veränderungen der Single-Mittelstücke ein. Haben Sie diese Informationen aus den Archiven?

Das ist leider nicht dokumentiert. Wir haben das durch Vergleiche mit anderen Sammlern herausgefunden.

 

Und was blieb ungeklärt?

Es gibt immer wieder Gerüchte, dass es von Chuck Berry die Titel „You Can’t Catch Me“ / „Havana Moon“ als Single 20 085 gegeben hat, beweisen konnte es bislang niemand. Die Single 20 017 „So High, So Low, So Wide" von den Lancers, Rückseite „Bettina" von den Hilltoppers wurde laut Unterlagen gesperrt und von uns als nicht erschienen kommentiert. Tatsächlich haben wir nach Veröffentlichung des Buches aber Farbkopien der Platte bekommen, sie ist also doch zumindest in kleiner Stückzahl hergestellt worden.

 

Sind das Fragen, die nur Insider interessieren? Oder glauben Sie, dass das Buch sich auch für jene lohnt, die keine speziellen London-Sammler sind?

Sammler werden es vor allem als Nachschlagewerk benutzen, aber es ist sicher auch für jeden anderen Musikbegeisterten eine spannende Lektüre.

 

Haben Sammler – außer in Ihrem Buch – noch andere Möglichkeiten, sich über das deutsche London-Label zu informieren?

Es gibt das „Rock’n’Roll Schallplattenforum“ im Internet, hier sind ebenfalls Listen veröffentlicht und Label sowie Hüllen abgebildet.

 

Wie sieht es in Ihrer eigenen London-Sammlung aus? Noch viele Lücken?

Also mir fehlen immer noch 35 Singles. Gerade die ganz frühen sind nur in geringen Stückzahlen gepresst worden.

 

Selten heißt auch teuer?

Viele der frühen Ausgaben sind im Laufe der Jahrzehnte kaputt gegangen, entsorgt worden. Die sind selten, aber nicht unbedingt teuer, da sie musikalisch uninteressant sind. Wer möchte schon für die „Ragtime Annie“ mit Del Wood am Klavier viel Geld ausgeben? Wenn diese Platten aber auch musikalisch oder musikhistorisch interessant sind, sieht das schon anders aus. Selten und teuer sind zum Beispiel „The Fool“ mit Sanford Clark oder „Stranded In The Jungle“ mit den Cadets. Aber auch die tauchen hin und wieder bei eBay auf und erzielen dann entsprechende Preise. Wenn die Platte „You Can’t Catch Me“ mit Chuck Berry tatsächlich irgendwann einmal als deutsche Pressung auftauchen sollte, dann ist dies wahrscheinlich die seltenste und auch die teuerste.

 

Zum Schluss: Ihre Lieblingsplatte von London?

Ganz schwere Frage. Die Jayne-Mansfield-Aufnahme „As The Clouds Drift By“ / „Suey“ mit Jimi Hendrix an der Gitarre ist sicherlich ein Highlight. Aber auch die deutschsprachige Single mit Roy Orbison „Mama“ / „San Fernando“ muss ich dazuzählen – ist übrigens auch selten und teuer.

 

Rüdiger Bloemeke, Heinz-Günther Hartig, Ulrich Schlieck, Richard Weize: London-Label-Lexikon, 2014 erschienen bei Bear Family Records, 216 Seiten, 34,90 Euro.

 

Mehr über seine Sammelleidenschaft – nicht nur für London Records – erzählt Heinz-Günther Hartig im Buch „Plattensüchtig“.

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