Die fast normale Plattensammlung von Jimi Hendrix

Am 18. September 1970, also heute vor 44 Jahren, starb Jimi Hendrix. Jeff Gold meint, er könne ihn vielleicht wieder zum Leben erwecken, könne ihn zumindest klonen, schließlich besitze er seine DNA, genauer gesagt, eine Schallplatte, in deren Rillen die Blutstropfen von Jimi Hendrix eingetrocknet sind. Gold, ehemals Manager bei Warner Bros. Records und A&M Records, jetzt Betreiber des Platten- und Memorabilienhandels Recordmecca und selbst Sammler, hat 2001 in einer Versteigerung des britischen Auktionshauses Bonhams 21 Platten aus der persönlichen Sammlung von Hendrix erstanden: für zusammen 1800 Dollar. Die Platten stammten von Kathy Etchingham, Freundin von Hendrix in seinen Londoner Jahren. Darunter auch die LP mit dem Blut: Dylans „Highway 61 Revisited“. Laut Etchingham hatte sich Hendrix an einem Weinglas geschnitten, als er sie hörte.

 

Neben Golds 21 Platten besitzt das EMP-Museum in Seattle zusätzliche 45 Stücke aus der Sammlung von Hendrix. Von mindestens 45 weiteren Titeln, die er sich zugelegt hatte, kann man lesen, sie sind aber scheinbar verschollen. In einem Interview mit Etchingham ist die Rede von „close to 100“. Wie viel Vinyl Jimi Hendrix also insgesamt um sich hatte, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich waren’s mehr Platten als die bekannten 111. Bestimmt waren’s weniger als man bei einem Rockstar vermuten würde.

 

Hendrix war jedenfalls kein wirklicher Sammler. Keiner, der systematisch kaufte. Aus Neugier habe er im Plattenladen zugegriffen, impulsiv, meint Etchingham. „Two Virgins“ von John Lennon & Yoko Ono sei so eine Platte gewesen, vor allem wegen des skandalträchtigen Nacktfotos habe er sie haben wollen. „Often he’d go through the record racks, look at something for a moment, and buy it. Then he’d listen to it once and never play it again.” Einige Platten bekam er von befreundeten Musikern. Giorgio Gomelsky, Manager und Produzent der Yardbirds, schenkte ihm Robert Johnsons „King Of The Delta Blues Singers“. Die norwegische Band „The Dream“ schickte Hendrix eine Kopie ihrer LP „Get Dreamy“ mit dem Song „Hey Jimi“, eine Anspielung auf das gerade erschienene „Hey Joe“. Dream-Gitarrist Terje Rypdal, der später als Jazzgitarrist Karriere machte, hinterließ ein paar Zeilen auf dem Cover: „With all the respect we can give a fellow musician, we wrote `Hey Jimi`as a tribute to you. We hope you like it and enjoy the rest of the LP too. On behalf of the Dream, Terje Rypdal.“

 

Jeden Sammler packt das kalte Grausen, wenn er erfährt, wie Hendrix seine Platten behandelte. „He was terrible – never put the records back in the sleeves,” berichtet Etchingham. „They were all over the floor, and that’s why they were all so damaged.“ Kratzer und Fingerabdrücke auf dem Vinyl und entsprechend sehen auch die Cover aus: Flecken und angestoßene Ecken auf Dylans „Highway 61“ oder John Lee Hookers „Drifting Blues“, Kritzeleien – „psychedelic doodling“, wie Jeff Gold sie nennt – auf Dylans „Greatest Hits“.

 

Dass Hendrix seine Platten nicht bei Zimmerlautstärke abspielte, kann man sich denken. War aber auch kein Problem. Nachbarn hatten Hendrix und Etchingham nicht. Sie konnten die Anlage also bis zum Anschlag aufdrehen, mehr als gut für sie war, weswegen sie auch ständig die Membranen der Boxen reparieren lassen mussten. Bei seinem Bang & Olufsen-Plattenspieler musste Hendrix laut Kathy Etchingham „stick a ha’penny with cellotape onto the turntable arm, because the balance wasn’t quite right. Otherwise it would jump up and down the louder it got.” Die restliche Anlage: Verstärker: Leak 70; Lautsprecher: Lowther, 30 Watt; Tonbandgerät: Bang & Olufsen.

 

Ein „bluesman“ sei Hendrix gewesen, erzählt Etchingham, Blues habe er am liebsten und am meisten zu Hause aufgelegt: Elmore James, Muddy Waters, Jimmy Reed, Leadbelly, Albert King, Howlin’ Wolf, fünf Alben alleine von Lightnin’ Hopkins. Aber auch die neuen Vertreter des Blues sind zu finden: Canned Heat mit ihrer ersten LP, John Mayalls „Blues Breakers With Eric Clapton” – letztere auch als Anhörungsmaterial über den ehemaligen Londoner Gitarrengott. Viele Platten hat er sich wohl zu diesem Zweck zugelegt: Mal hören, was die Kollegen gerade so machen. „Sgt. Pepper’s“ gehörte logischerweise dazu, „Their Satanic Majesties Request“, das Pendant der Stones, „Fresh Cream“ von Cream, „The Twain Shall Meet“ von den Animals oder „Music From Big Pink“ von The Band. Ganz vorne stand Dylan, von dem er ebenfalls fünf LPs besaß. Nicht die frühen Folksachen, sondern von der 1965er „Highway 61“ über „Blonde On Blonde“, „John Wesley Harding“, „Nashville Skyline“ bis zu „Greatest Hits“ von 1969 – sogar „The Hollies Sing Dylan“ oder eine Joan Baez-Platte mit Dylan-Covers gehörten in die Sammlung. Dylan verehrte er. Von etlichen Dylan-Songs spielte er Coverversionen.

 

Dazu Elvis, Little Richard, Richie Havens, Roy Harper, Tim Buckley, Johnny Cash, James Brown, aber auch Ravi Shankar darf nicht fehlen, total angesagt damals, wie Hendrix beim Monterey Pop Festival und bei Woodstock. Einige Jazzplatten, Django Reinhardt, Wes Montgomery, Roland Kirks „Rip, Rig And Panic” oder The Free Spirits, die 1967 mit „Out Of Sight And Sound“ Jazz und Rock zusammenführten. Im Grunde hörte Hendrix das, was damals alle in seinem Alter hörten – in England, in den USA oder in Deutschland. Es sind überwiegend Klassiker, die nach wie vor auf allen Bestenlisten stehen.

 

Wie in jeder ordentlichen Sammlung war aber auch in der von Jimi Hendrix Platz für Exoten. Aus heutiger Sicht betrachtet zumindest. Mitte, Ende der 60er, vor allem unter Musikerkreisen, wurden auch Namen gehandelt, die heutzutage kaum einer mehr kennt. Von dem französischen Komponisten Pierre Henry etwa die Platte „Le Voyage“, statt Melodie und Rhythmus merkwürdige elektronische Klangcollagen, die, basierend auf dem Tibetischen Totenbuch, die Reise zwischen Tod und Wiedergeburt symbolisieren. Keine gewagte These, dass Hendrix sich zu einigen abgedrehten Gitarrensounds inspirieren ließ. Obskur auch The Zodiac, „Cosmic Sounds”, Konzeptalbum, psychedelischer Rock mit Sitar, Cembalo, einem der ersten Einsätze des Moog-Synthesizers und Texten über Astrologie, die zur Musik gesprochen wurden. Ebenso aus dem Jahr 1967 „The Parable Of Arable Land“ von Red Crayola (with the Familiar Ugly), psychedelischer Garagenpunk und wilder Krach, der mit „Free Form Freakout“ ganz gut bezeichnet wird. Nicht unbedingt rechnen würde man mit Bee Gees „1st“, die Harmonien der Songs hätten es Hendrix angetan, eine der ersten Platten in seiner Sammlung sei sie gewesen, sagt Kathy Etchingham. Wir mögen es nicht glauben, aber Etchingham wird’s wohl wissen, wenn sie uns schließlich verrät, was „Jimi’s absolute favorites“ waren: die Comedy-Alben von Bill Cosby „I Started Out As A Child“ und „Revenge“.

 

Mehr über die private Sammlung von Hendrix: bei Jeff Gold – hier und hier, inklusive Abbildungen von originalen Covern; in einem Auszug aus einem Interview, das Kathy Etchingham 1996 der Zeitschrift Guitar Player gab; in einem Artikel des Musikjournalisten Jas Obrecht.

 

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Kommentare: 4
  • #1

    ***** (Freitag, 24 Oktober 2014 09:23)

    Hallo!!!!!!!!!!!!!!!! Jimi Hendrix machen wir gerade in Infomatik ;)

  • #2

    Deine MUDDA (Freitag, 24 Oktober 2014 09:24)

    Cool wir auch :))

  • #3

    YAoi :3 (Freitag, 24 Oktober 2014 09:24)

    Ja, danke für die Seite. Richtig gutes Thema. Danke für die Zusammen stellung :3

  • #4

    Jonas Hübner (Samstag, 10 Oktober 2015 22:01)

    Danke für diesen Artikel!