Eine Frage der Authentizität

Dass Joachim Bung nach Originalauflagen sucht und Nachpressungen lieber links liegen lässt, unterscheidet ihn nicht von anderen Plattensammlern. In einem Punkt ist er aber konsequenter als die meisten: Für ihn muss auch die Anlage, über die er sein altes Vinyl abspielt, authentisch sein. Mittlerweile stehen bei dem in Schmitten im Taunus lebenden Sammler nicht nur 8000 Schallplatten aus den Jahren 1950 bis 1965 im Regal – von Rock’n’Roll bis Easy Listening –, sondern auch noch eine ganze Galerie von raren Plattenspielern und HiFi-Verstärkern aus den 50er und 60er Jahren.

Foto mit freundlicher Genehmigung von Joachim Bung
Foto mit freundlicher Genehmigung von Joachim Bung

Herr Bung, sind die Liebhaber von HiFi-Anlagen auch Plattensammler?

Nicht unbedingt – das sind zwei verschiedene Interessengebiete. Es gibt glühende High-End-Fans mit Plattenspielern im fünfstelligen Preisbereich, die nicht mehr als 100 audiophile LPs im Schrank haben – von Interpreten, die außerhalb ihrer Szene niemand kennt.

 

Und die Plattensammler, die viel Geld für rare Scheiben ausgeben und auf kleinste Kratzer achten – würden Sie sagen, dass die auch die Zusammenstellung einer guten Anlage sehr wichtig nehmen?

Wer für Platten viel Geld ausgibt und auf kleinste Kratzer achtet, legt normalerweise schon Wert auf eine gute Anlage – oder zumindest eine, die er dafür hält. Einer meiner Sammlerkollegen glaubt, mit seinem Reloop-Plattenspieler ein Top-Gerät zu haben. Dabei ist der Klang des Diskothekengeräts zum Weglaufen und für den Heimbereich nicht so geeignet. Man sollte meinen, dass ein Plattenexperte sich auch für die richtige Pflege und Abspieltechnik interessiert, doch das ist oft nicht der Fall. Mal eben eine Nadel am Tonabnehmer auswechseln und das war’s dann auch schon. Viele Sammler haben leider keine Affinität zur Technik oder nur Halbwissen. Sie spielen die Platten zum Beispiel mit viel zu geringer Auflagekraft ab und meinen, ihren Scheiben damit etwas Gutes zu tun. Dabei schaden sie ihnen damit mehr, als wenn sie den Tonabnehmer an der oberen Grenze des erlaubten Auflagedrucks betreiben würden. Bei mir ging das HiFi-Interesse mit dem Plattensammeln immer Hand in Hand.

 

Wieso schadet zu geringe Auflagekraft?

Die Fähigkeit eines Tonabnehmers, auch schwierige Modulationen einer Schallplatte sauber abzutasten, nimmt mit der Auflagekraft zu. Wichtig ist, dass die Nadel niemals den schlüssigen Kontakt zur Plattenrille verliert. Bei zu geringer Auflagekraft ist die Fähigkeit der Nadel den Auslenkungen zu folgen beschränkt. Trifft sie dann auf komplexe, schwer abzutastende Passagen einer Schallplatte, wie sie von wuchtigen Beckenschlägen, dem spitzen Klang eines Triangel oder von angerissenen Gitarrensaiten verursacht werden, verliert die Nadel den kontrollierten Kontakt zu den Rillenflanken und wirkt wie ein Meißel. Das traurige Ergebnis hat jeder schon mal erlebt, wenn er die auf einer Plattenbörse gekauften Scheiben zum ersten Mal zu Hause abspielt und feststellt, dass Stimmen heiser klingen oder bei größerer Lautstärke sogar krächzen. Das kann an einer abgenutzten Nadel, zu geringer Auflagekraft, oder beiden Faktoren liegen. Es lohnt sich die Anschaffung einer Testplatte, mit der man feststellen kann, bei welcher Auflagekraft ein Tonabnehmer mit dem gegebenen Tonarm noch sauber abtastet.

 

Neben Schallplatten sammeln Sie auch Geräte aus der HiFi-Frühzeit, den späten 50ern und den 60ern. Was genau markiert diese zeitliche Begrenzung?

Die Zeitspanne beginnt 1958 mit der Einführung der Stereo-Langspielplatte, die wesentlich höhere Anforderungen an die Abspieltechnik stellt und nach hochwertigen Plattenspielern verlangt. Verstärker und Tuner für Rundfunkempfang arbeiteten damals ausschließlich mit Elektronenröhren. Mit der ersten großen HiFi-Messe in Düsseldorf 1968 begann die Transistorzeit. Damit war diese ungefähr zehn Jahre dauernde „goldene HiFi-Ära“ mit Röhren abgeschlossen.

 

Was war bei den Transistorverstärkern der technische Fortschritt?

Die Übertragungsdaten sind besser – zumindest auf dem Papier. Die Geräte sind nach dem Einschalten sofort betriebsbereit. Sie wiegen auch weniger und brauchen viel weniger Strom.

 

Sie bevorzugen aber die alten Röhrenverstärker.

Man sagt, sie klängen musikalischer und wärmer, nicht so hart und metallisch wie Transistorverstärker. Aber das ist weniger mein Motiv, Röhrenverstärker zu betreiben, sondern die Tatsache, dass Rock’n’Roll in seiner Glanzzeit nur über Röhren gehört wurde, weil es nichts anderes gab. Also eine Frage der Authentizität. Als ich 1969 meine erste Stereoanlage kaufte, war die Röhrenzeit allerdings gerade vorbei. Heute gibt es im High-End-Bereich wieder zahlreiche Röhrenverstärker zu kaufen.

 

Was war Ihre erste Anlage?

Die war komplett von Dual: Plattenspieler CS 1015, Verstärker CV 40, Boxen CL 40. Alle jungen Leute träumten damals von einer Heimanlage von Dual. Behalten habe ich die aber nicht lange. Nach drei Monaten versagte die Automatik des Plattenspielers. Ich litt Höllenqualen während der drei Wochen, in denen der Dual repariert wurde und ich keine Platten hören konnte. Das sollte mir nie wieder passieren. Seit dieser Zeit betreibe ich immer zwei Plattenspieler an meiner Anlage. Am Verstärker ärgerte mich bald, dass dieser keinen Kopfhöreranschluss hatte. Meine Eltern nervten mich immer mehr, ich solle meine Musik leiser drehen. Ich kaufte daher einen Kopfhörer, den ich umständlich an den Lautsprecherausgängen an der Rückseite des Dual anschließen musste – das konnte es nicht sein. Ungefähr 1970 kaufte ich dann einen japanischen Kenwood-Verstärker mit einem Kopfhöreranschluss auf der Frontplatte – dort, wo so ein Anschluss hingehört. Außerdem einen Kenwood-Tuner, einen Lenco-L-75-Plattenspieler und Wharfedale-Boxen.

 

Welche Geräte stehen aktuell in Ihrer Sammlung?

Meine Plattenspielersammlung umfasst Modelle von Thorens, Garrard, Acoustical, Braun, Telefunken und Elac, insgesamt über 20. Dazu kommen drei Vorverstärker, ein Preceiver – das ist eine Kombination aus Tuner und Vorverstärker –, fünf Endstufen und vier Vollverstärker, alle aus den USA von Fisher, Marantz und McIntosh und alle in Röhrentechnik, sowie sechs japanische Vollverstärker von Kenwood und Sony, die mit Transistoren arbeiten.

 

Wieso nur Verstärker aus den USA und Japan?

Die USA waren in den 1960er Jahren zusammen mit Großbritannien im Verstärkerbau führend, Japan dann in den 1970er und 1980er Jahren. In diesen Ländern markieren jeweils nur maximal fünf Marken die Weltspitzenklasse.

 

Ihr Lieblingsverstärker?

Röhrenverstärker X-1000 der amerikanischen Fisher Corporation mit 2 x 55 Watt Dauertonleistung und Halleinrichtung „Space Expander“. Optisch wie neu und technisch voll restauriert sowie intern auf 230 Volt umgestellt. Gebaut von 1961 bis 1965. Mit einem Ladenpreis von damals knapp 2400 DM in Deutschland praktisch unverkäuflich. Diesen Fisher, der heute nur ganz selten auftaucht und wenn überhaupt, dann meist in schlechtem Zustand, würde ich nie hergeben. Ein wunderschönes Gerät mit seiner goldenen Front. Stilvoll das Fisher-Logo: eine elegante Schwalbe mit einem Notenschlüssel im Schnabel.

 

Lautsprecher sammeln Sie nicht?

Lautsprecher sind kein vergleichbares Sammelgebiet. Es gilt auf dem HiFi-Gebiet der Grundsatz, dass sich der technische Fortschritt am schnellsten bei den Schallwandlern vollzieht. Eingangsseitig sind das die Tonabnehmer von Plattenspielern, die mechanische Schwingungen der Abtastnadel in elektrische Ströme umwandeln. Ausgangsseitig sind dies die Lautsprecher, welche die vom Verstärker verstärkten elektrischen Signale wieder in mechanische Schwingungen, also Schallwellen umwandeln. Ein 50 Jahre alter Lautsprecher genügt in der Regel heutigen Ansprüchen an die Klangqualität nicht mehr. Meine aktuellen Lautsprecher stammen von der ältesten Lautsprecherfabrik der Welt, von der bereits 1926 gegründeten schottischen Firma Tannoy, deren Prestige-Serie hervorragend klingt. Äußerlich sehen die Boxen im englischen Landhausstil aus wie aus den 1960er Jahren und passen damit zu meinen anderen Geräten perfekt.

 

Über die Klangqualität einer Anlage entscheiden vor allem die Schallwandler?

Ja, eine Regel besagt, die Hälfte des Anlagenpreises für den Tonabnehmer im Plattenspieler und die Lautsprecher auszugeben. Eine Regel, die ich natürlich nicht einhalte, da bei mir noch andere Faktoren eine Rolle spielen.

 

Wie wichtig ist für Sie die Optik der alten Geräte? Finden Sie diese schöner als die aktuellen?

Absolut! HiFi-Spitzenklassegeräte der 1960er Jahre sind allein durch ihre Ausstattungsvielfalt eine Wucht: bis zu acht Eingänge, davon zwei für Plattenspieler mit Magnettonabnehmer, Rausch- und Rumpelfilter, auftrennbare Vor- und Endstufe, Anschlussmöglichkeiten von bis zu drei Lautsprecherpaaren sowie einem zusätzlichen Lautsprecher, um das „Stereoloch“ in der Mitte auszugleichen, Höhen- und Tiefenregler als Stufenschalter, mit der sich einmal gefundene Einstellungen exakt reproduzieren lassen, variable gehörrichtige Lautstärkekorrektur, stufenlose Regelung für die Stereo-Basisbreite von Mono über Stereo bis zu Stereo breit und Stereo extrabreit, Phasenumkehrschalter, variable Phonoentzerrung, Betriebsartenwahlschalter mit bis zu sieben Einstellungen: Stereo, Stereo vertauscht, Mono, rechter oder linker Kanal auf beide Lautsprecher, Summensignal auf rechten oder linken Lautsprecher. Hinter all diesen vielen Schaltmöglichkeiten steckte damals aufwändige Mechanik, welche die Geräte teuer machte. Man konnte also anhand der Zahl der Features durchaus Rückschlüsse auf die Wertigkeit ziehen. Einfache Verstärker hatten eben weniger Schaltungsmöglichkeiten. Aktuelle High-End-Verstärker haben meist nur drei Hochpegeleingänge und einen Lautstärkeregler mit Fernbedienung. Klangregler für Höhen und Tiefen, gehörrichtige Lautstärkekorrektur und Monotaste? Alle Fehlanzeige. Damit wäre ich nicht glücklich.

 

Weshalb sind diese neuen Geräte so sparsam ausgestattet?

Weil nach der reinen Lehre der High-End-Jünger die genannten Regelmöglichkeiten einem möglichst kurzen Signalweg durch den Verstärker im Weg stehen. Moderne Verstärker von McIntosh, welche viele der Features noch haben, beweisen aber das Gegenteil. Also auch eine Frage der Weltanschauung.

 

Hören Sie eine Platte aus den 50ern nur auf einem Plattenspieler aus den 50ern?

Ja, gemäß meiner Devise: Einheit von Hard- und Software.

 

Das heißt, jedes Glied der Kette – auch das Lautsprecherkabel, die Steckdosenleiste – muss authentisch sein?

Nein, diese Dinge stammen bei mir nicht aus der betreffenden Zeit. Sie spielten damals aber auch keine besondere Rolle. Die Verstärker, egal wie hochwertig, hatten winzige Terminals und waren durch Klingeldraht mit den Lautsprechern verbunden. Den Herstellern war völlig egal, wie herum man den Stecker in die Steckdose steckte. Selbst in den Bedienungsanleitungen teurer Geräte fand sich dazu kein Hinweis.

 

Aber hätten Sie’s nicht lieber 100-prozentig original alt?

Nein, denn ich mache da gar nicht viele Kompromisse. Manche der heutigen Hilfsmittel sind nützlich, vieles ist aber auch Voodoo aus meiner Sicht. Mein einziges Zugeständnis an den Zeitgeist ist der Betrieb meiner Lautsprecher mit guten Kabeln im Bi-Wiring-Modus, bei dem Hochton- und Tieftonlautsprecher der Box wegen des besseren Klangs getrennt am Verstärker angeschlossen sind. Das gab es früher nicht.

 

Eine Top-Anlage von 1964 und eine Top-Anlage aus dem Jahr 2014 – kann man die Unterschiede im Sound in Worte fassen?

Die aktuelle Anlage klingt wahrscheinlich differenzierter, hat ein breiteres Klangspektrum. Ob man das mag, muss jeder für sich entscheiden. Wichtiger sind mir ein ordentlicher Bass und fetter Sound, wie ihn meine alten McIntosh-Verstärker erzeugen. Die heute üblichen extrem schlanken Boxen mit winzigen offenen Basschassis würden mich allein optisch schon stören. Allerdings: Mit etwas mehr Rauschen und Brummen der alten Geräte muss man leben. Obwohl diese Störgeräusche unter Praxisbedingungen nicht oder kaum hörbar sind, wenn die Schätze ordentlich restauriert sind. Als Sammelobjekte in Frage kommen aber keine Durchschnittsgeräte, sondern solche, die damals zur Weltspitzenklasse zählten. Die aufwändig restauriert sind, um auch heutigen Ansprüchen zu genügen.

 

Wo finden Sie diese Vintage-Geräte?

Früher tauchte das eine oder andere interessante Gerät in den Kleinanzeigen der HiFi-Zeitschriften auf, jetzt praktisch nicht mehr. Umso größer ist heute die Auswahl bei eBay, wenn man die Spreu vom Weizen zu trennen vermag.

 

Was muss man bei der Suche beachten?

Zunächst muss man warten können, um bei der richtigen Gelegenheit Geräte in technisch und optisch möglichst sehr gutem Basiszustand zu erwerben. Was die Verstärker betrifft, sammle ich ja vornehmlich in den USA gebaute Geräte, die damals am Weltmarkt als die besten galten. Einige wenige Modelle konnte man als 220-Volt-Version auch in Deutschland kaufen. Doch die waren hier so teuer, dass die Verkäufe gegen null gingen. Man hat es bei den Angeboten also fast immer mit Geräten für 117 Volt Betriebsspannung zu tun. Man muss auch beträchtliches Geld in die Hand nehmen – es sind ja begehrte Sammlerstücke. Zum hohen Kaufpreis bei eBay USA können bei einer 30 Kilogramm schweren Röhrenendstufe bis zu 500 Dollar Luftfrachtkosten hinzukommen. Der deutsche Zoll berechnet Einfuhrabgaben und Mehrwertsteuer in Höhe von zusammen rund 25 Prozent auf den Kaufpreis und leider auch auf die Frachtkosten. Es ist aber nicht nur ein teures, sondern auch riskantes Vergnügen: Sollte ein geliefertes Gerät der Beschreibung nicht entsprechen, erhält man über den PayPal-Käuferschutz zwar den Kaufpreis samt Frachtkosten erstattet. Die Rücksendekosten muss man jedoch selbst tragen. Die beim Zoll entrichteten Einfuhrabgaben und Steuern erhält man, wenn überhaupt, nur in einem wochenlangen, nervenaufreibenden Tauziehen, bei dem man Fachkenntnisse aus der Speditionsbranche braucht, wieder zurück.

 

Wer übernimmt die Restaurierung?

Auf angeblich schon in den USA erledigte Arbeiten kann man sich nicht verlassen. Meine Sammlerstücke wurden von einem renommierten Spezialbetrieb in Hannover intern auf 230 Volt umgestellt und vollständig restauriert: Außen zum Beispiel durch spezielle Polier- und Reinigungstechniken, Neubedruckung von Skalen und Frontplatten im Siebdruck und andere Maßnahmen. Innen durch den Ersatz zahlreicher gealterter Bauteile durch bessere, moderne Typen, Nachbehandlung kalter Lötstellen sowie neuen Abgleich. Danach erreicht ein 50 Jahre altes Gerät wieder die Daten vom Tag seiner Auslieferung und erhält von der Firma ein Jahr Gewährleistung. Kostenpunkt: plus minus 1000 Euro, je nach Gerät.

 

Wenn Sie die freie Wahl haben: Welche Komponenten bilden Ihre ideale Anlage aus dem Jahr 1960 und aus dem Jahr 1969?

1960: Thorens TD 124 mit Tonarm Ortofon RMG 309, Tonabnehmer Ortofon SPU, Tonarmlift Ortofon Hi-Jack, Verstärkerkombination C 20/MC 240 von McIntosh und Lautsprecher AR-3 von Acoustic Research. 1969: Garrard 401 mit SME-Tonarm 3009 und Tonabnehmer Shure V-15, Verstärker Kenwood KA-6000 oder Sony TA-1120 und Lautsprecher Wharfedale Dovedale III.

 

Könnte man diese Anlagen heute problemlos bekommen?

Nur mit viel Geduld, wenn man auf Top-Erhaltung Wert legt.

 

Was müsste man zahlen?

Die Anlage von 1960 dürfte restauriert bereits im fünfstelligen Bereich liegen. Die 69er ist restauriert schon für etwa 2500 Euro zu haben.

 

Gibt es eine große Sammlergemeinde für Vintage-HiFi?

Ja, die gibt es, und sie tummelt sich vor allem in den einschlägigen Internetforen. Ich beteilige mich weniger daran, weil viele Teilnehmer Schnäppchenjäger und Bastler mit bescheidenen Ansprüchen sind.

 

Wollen Sie Ihre Sammlung noch ausbauen?

Da der Raum bei mir beschränkt ist, sehe ich die Sammlung als ziemlich abgeschlossen an. Was nicht ausschließt, bei einem interessanten Angebot doch wieder schwach zu werden. Längerfristig denke ich daran, das eine oder andere Gerät auch wieder zu verkaufen. Das ist wie mit den Schallplatten: Reizvoll ist vor allem die Suche. Wenn das Objekt der Begierde einmal im Haus und restauriert ist, ist die Begeisterung darüber nicht mehr ganz so groß.

 

Eine spezielle Leidenschaft von Ihnen gilt dem Plattenspieler Thorens TD 124. Was macht ihn so besonders?

Es ist ein mit außergewöhnlicher Präzision gefertigtes, nahezu unverwüstliches Modell. Außerdem hat der TD 124 zwei Besonderheiten, die kein anderer Plattenspieler für den Heimbereich vorweisen kann. Erste Besonderheit: Der Plattenteller ist zweiteilig. Er besteht aus einem 4,5 Kilogramm schweren gusseisernen Schwungrad über dem auf 6 Gumminoppen ein leichter Aluminiumteller mit Gummimatte von nur 500 Gramm Gewicht liegt. Dank der Zweiteilung lässt sich der Plattenteller anhalten, ohne die Schwungmasse dafür abbremsen zu müssen. Umgekehrt erreicht der Plattenteller praktisch aus dem Stand heraus die Solldrehzahl. Der ununterbrochene Lauf des Schwungrads und der Antriebsorgane sichert optimale Temperatur- und Schmierungsbedingungen und damit maximale Beständigkeit der Geschwindigkeit. Außerdem garantiert er hohe Lebensdauer des Laufwerks. Bei anderen Reibradspielern – zwangsläufig allen mit Automatikfunktion – sind häufiges Anlaufen des Tellers die Hauptursache von Abnutzung und Formveränderung des Antriebs. Die zweite Besonderheit: Der TD 124 ist ein so genanntes Plattenlaufwerk, bei dem die Auswahl eines der separat erhältlichen Tonarme dem Besitzer überlassen bleibt. Dieser Plattenspieler gilt heute zu Recht als weltweit von Sammlern und Schallplattenliebhabern verehrtes Kultobjekt des goldenen HiFi-Zeitalters.

 

Wie viele Thorens, wie viele Thorens 124 haben Sie?

Einen cremefarbenen TD 124 der ersten Serie – 1957-65 – und zwei graue der zweiten Serie – 1966-68. Außerdem drei TD 121 von 1962. Das war die nur in den USA und in geringer Zahl verkaufte Sparversion ohne Stroboskop und zweiteiligen Kuppelteller sowie nur mit der Geschwindigkeit 33 1/3 Umdrehungen pro Minute. Sehr selten. Der TD 121 hat einen nicht auf die Stromspannung in Europa umstellbaren Motor. Für die Restaurierungen in der Schweiz musste ich deshalb Motoren von 124ern besorgen. Schließlich habe ich noch einen Telefunken 220 studio. Das ist im Prinzip ein TD 135 mit zusätzlicher Automatikfunktion, den Thorens in der Schweiz für Telefunken in Deutschland als Auftragsfertigung hergestellt hat. Auch sehr selten.

 

Was muss man anlegen, um einen Thorens TD 124 zu bekommen?

Die Preisspanne reicht von 500 bis 2000 Euro, je nach Zustand und Ausrüstung sowie nicht restauriert. Eine komplette Top-Revision beim Spezialisten Schopper in der Schweiz mit neu produzierten Ersatzteilen kostet zusätzlich knapp 1000 Franken. Der TD 124 ist eines der ganz wenigen HiFi-Geräte, die heute gebraucht mehr kosten als früher als Neugerät. Ende 1967, als die Produktion eingestellt wurde, kostete er 520 DM.

 

Sie haben 2005 ein Buch über Thorens-Plattenspieler mit dem Titel „Schweizer Präzision“ verfasst. Worum geht’s darin genau?

Natürlich in erster Linie um den TD 124 und die anderen von Thorens in der Westschweiz von 1957 bis 1967 gebauten Modelle, darunter auch der seltene Plattenwechsler TD 224. Weiter um Tonarme und Tonabnehmer von SME, Ortofon und Shure, die typischerweise auf dem TD 124 Verwendung fanden. Die Konkurrenten des TD 124 werden vorgestellt. In Großbritannien waren das Garrard 301 und der Nachfolger 401. Schließlich beschreibe ich, wie das in Deutschland mit der High Fidelity begann und stelle damit die vorgestellten Geräte in den Zeitzusammenhang. Wohlgemerkt: Entsprechend meinen musikalischen Interessen geht es in dem Buch nur um die 1950er und 1960er Jahre. Nicht um die später produzierten, riemengetriebenen Thorens-Plattenspieler aus Lahr, und auch nicht um Trichtergrammophone aus der Vorkriegszeit, die Thorens ebenfalls hergestellt hat.

 

Ihr Buch ist 2008 in einer erweiterten zweiten Auflage erschienen. Weshalb in englischer Sprache?

Wegen der vielen Anfragen aus dem Ausland, die ich nach dem Erscheinen der deutschen Erstauflage erhielt. Dazu muss man wissen, dass der Thorens TD 124 hauptsächlich in Nordamerika und in den Commonwealth-Ländern verkauft wurde, weniger in Deutschland, der Schweiz und dem übrigen Europa.

 

Eine Neuauflage in deutscher Sprache ist aber auch geplant.

Das dürfte noch etwa zwei Jahre dauern. Vor mir liegt noch eine Sisyphusarbeit mit dem Auswerten hunderter alter HiFi-Magazine aus dem In- und Ausland sowie von historischen Fachbüchern, die ich in den letzten Jahren über eBay kaufen konnte. In diesem Buch beschreibe ich nicht nur die Kindertage der High Fidelity in Deutschland, sondern auch in den USA und in Großbritannien, wo die Bewegung ihren Anfang nahm.

 

 „Schweizer Präzision“, das Buch von Joachim Bung über den TD 124 und andere Thorens-Plattenspieler, ist in der deutschen Ausgabe nur noch antiquarisch erhältlich. Die englischsprachige Ausgabe ist für 71 EUR inkl. MwSt. und versichertem Versand erhältlich über: info@td-124.de – mehr zum Buch hier und hier.

 

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