No More Christmas Blues

Nein, es ist überhaupt nicht peinlich, Weihnachtsplatten zu sammeln. Schließlich geht’s auch ohne Bing Crosby und George Michael. Man muss nur eine Weile graben, um auf die unglaublichsten Nummern zu stoßen. Die Frage ist nämlich nicht: Wer hat schon alles eine Weihnachtsplatte aufgenommen?, sondern: wer nicht? Die folgende Auswahl ist deshalb total willkürlich, schnell zusammengestellt, aber alle Platten sind dermaßen gut oder wenigstens abartig genug, dass sie unbedingt auf den nächsten Wunschzettel gehören. Wer keine 365 Tage warten will, kann sich bis dahin alle Titel auf YouTube anhören.

 

1) Alan Vega, „No More Christmas Blues“

Gleich mal Angst einjagen. Vegas hypnotisches, schönes, gespenstisches, irres Sprechgesinge treibt wenig Aufwand mit maximalem Ergebnis. Ein Song für einen David-Lynch-Soundtrack.

 

2) Johnny Moore’s Three Blazers, „Merry Christmas, Baby“

Klassiker. Oft gecovert, ziemlich klasse von Chuck Berry. Aber noch eine Spur relaxter das Original von 1947.

 

3) Sufjan Stevens, „Do You Hear What I Hear?“

Hübsche Gesangsmelodie, aber ein cooler Indiesong darf nicht zu nett sein, denkt sich Sufjan Stevens und ballert aus allen Ecken mit seinem Synthie dagegen, dass es fast weh tut. Fast. Ein Stück aus seinem Weihnachtswerk, das bisher 100 Songs auf 10 EPs in 2 Boxen umfasst, 2006 und 2012 erschienen.

 

4) Siouxsie And The Banshees, „Il Est Né Le Divin Enfant“

Ein altes französisches Weihnachtslied. Nicht das, was man sonst von Siouxsie kennt. Mais très charmant.

 

5) The Five Keys, „It’s Christmas Time“

Ach, Männer können keine Gefühle zeigen? Dann mal genau hinhören, wie diese Doo-Wop-Artisten „ding-dong, ding-dong“ schmachten.

 

6) James Chance, „Christmas With Satan“

10 Minuten lang ist der Teufel los. Das Saxofon geht einem wunderbar auf die Nerven, die kecken Mädchenstimmen grooven, Free Jazz, Punk, Funk, Krach, frohes Fest.

 

7) Michel Warlop Et Son Orchestre, „Christmas Swing“

Jetzt komm ich, sagt Michel Warlop nach einer halben Minute zu Django Reinhardt und startet ein rasendes, fiebriges, furioses Violinensolo. Die Aufnahme entstand drei Tage vor Heiligabend 1937.

 

8) Lou Reed, „Xmas In February“

Es geht nicht wirklich um Weihnachten in diesem traurigen Lied, sondern um Vietnamveteranen und Einsamkeit, enttäuschte Hoffnungen und diese ganzen unangenehmen Sachen, und dann, na ja, dann doch irgendwie um Weihnachten. Sei’s drum. Es sind drei Gedenkminuten für einen Meister.

 

9) Jimi Hendrix, „Little Drummer Boy/Silent Night/Auld Lang Syne“

In einem YouTube-Kommentar erzählt jemand, dass er an Weihnachten regelmäßig mit seinem Bruder zusammen ein paar Acids eingeworfen hätte. Einmal sei dabei auch dieses Stück im Radio gelaufen und: „it definitely enhanced our trip“. Das wäre also der eine Grund, sich diesen Titel anzuschaffen. Der andere: Jemand sammelt Weihnachtsplatten.

 

10) The Marcels, „Merry Twist-Mas“

1961 twistete jeder. Auch an Weihnachten. Fragen wir deshalb nicht, wie einfallsreich der Song ist, sondern einzig und alleine, ob wir still sitzen können, wenn er läuft.

 

11) Tom Waits, „Christmas Card From A Hooker in Minneapolis“ / Interzone, „Karl“

Die Spendenbereitschaft steigt an Weihnachten. Hat sich auch Charleys Ex gedacht, schickt ihm eine rührselige Karte und hätte gerne, dass er ihr auch was schickt: nämlich Dollarscheine. Auf Deutsch heißt Charley Karl, und der Song heißt auch so, und er ist auch genauso brillant wie der von Tom Waits, vorgetragen von den leider kolossal unterschätzten Interzone aus Berlin.

 

12) Chuck Billy, „Silent Night“

Die gleiche Engelsstimme wie Tom Waits, aber halt Thrash Metal – Motto: Wir kotzen auf euren Festtagsbraten.

 

13) Vince Guaraldi Trio, „O Tannenbaum“

Wer achtete schon auf die Hintergrundmusik, wenn die Peanuts im Fernsehen liefen? Fehler. Vince Guaraldi bringt sogar den Tannenbaum dezent und elegant zum swingen. Erschienen 1965 auf dem Soundtrack „A Charlie Brown Christmas“, eingespielt für das gleichnamige TV-Special.

 

14) The Wailers, „Christmas Is Here“

So hört sich’s an, wenn der Duft von Tannenzweigen und Ganya sich mischen und Bob Marley noch nicht nach Bob Marley klingt.

 

15) The Fall, „Jingle Bell Rock“

Eigentlich könnte man prima drauf abrocken, wenn’s nicht schon nach 69 Sekunden zu Ende wäre. Ein Schnipsel aus den zahllosen Peel Sessions, die The Fall eingespielt haben.

 

16) Keith Richards, „Run Rudolph Run“

Wegen der Zeile: „All I Want for Christmas Is A Rock’n’Roll Electric Guitar“. Wegen Keith Richards, der vor ein paar Tagen 70 geworden ist.

 

17) Bertha „Chippie“ Hill, „Christmas Man Blues“

Einen Mann, einen ausgewachsenen Mann möchte sie geschenkt haben – und sonst gar nichts. Kein besonders origineller Weihnachtswunsch, auch nicht besonders originell dargeboten. Aber wie dieses arme Mädel have mercy fleht, geht ans Herz, und das ist schließlich das einzig Wichtige beim Blues.

 

18) Daniel Johnston, „Rock Around The Christmas Tree“

Drummer völlig daneben, Gesang völlig daneben, Gitarre, Text, alles daneben, Daniel Johnston, Genie und Wahnsinn.

 

19) Hasil Adkins, „Santa Claus Boogie“

Noch so ein wahnsinniger Amateur. Einer, der kapiert hat, dass guter Rock’n’Roll böse sein muss.

 

20) Josh T. Pearson, „O Holy Night“

Das ist wahrlich kein Spaß, was dieser texanische Folksänger uns verkündet. Es sind qualvoll lange Minuten voller Schwermut und Seelenpein. Und ein super Rausschmeißer, mit dem man den Gästen schnell beibringt, dass die Weihnachtsparty beendet ist und sie sich jetzt gefälligst in die eiskalte, mitleidlose Heilige Nacht aufmachen sollen.

 

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