She stole my record collection und andere Katastrophen

Immer wieder gern gehört, die Geschichten, wie jemand mit Energie, Glück, Wahnsinn, viel Geld und viel Zeit eine Neid einflößende Plattensammlung zusammenträgt. Die Geschichten, wie jemand seine Platten wieder loswird, sind aber auch nicht übel.

 

Ed Vulliamy, britischer Journalist, vertraute beispielsweise sein Vinyl einer Umzugsfirma und United Airlines an, um es von England in die USA bringen zu lassen. Nur, mit den Frachtpapieren ging irgendwas schief, und seine 1600 Schallplatten und 3000 Bücher wurden vom Zoll in Phoenix, Arizona nicht an ihn, sondern auf die Müllkippe weitergeleitet. Wie er alle Hebel und etliche Dollar und Pfund in Bewegung setzt, um sich die raren Auflagen von Colosseum, Son House, Buffalo Springfield oder Hendrix neu zu beschaffen, kann man hier nachlesen.

 

Eine kleine, aber feine Sammlung von 78ern übergab Elvis Presley 1968 seinem Gitarristen Scotty Moore. 26 Platten von Brownie McGhee über Hank Snow bis zu Sammy Davis Junior, die frühen Einflüsse von Elvis. Moore sollte die Musik auf Tonband überspielen. Nachdem die Pläne für eine Europatour scheiterten, sahen sich die beiden nie wieder. Die Platten wurden vergessen, Elvis habe sie nie zurückgefordert, sagt Moore. 2010 ließ er sie in London versteigern: für 75.000 Dollar.

 

Lange vergessen waren auch 7000 bis 8000 Vinylalben, hunderte Kassetten mit massenweise unveröffentlichtem Material und Masterbänder von J Dilla, Hip-Hop-Musiker und Produzent so berühmter Namen wie A Tribe Called Quest, Busta Rhymes, De La Soul. Die Sammlung hatte er wegen eines Wassereinbruchs in seinem Keller in Detroit in ein Lagerhaus gebracht, kurz bevor er nach Los Angeles umzog. Zwei Jahre später, 2006, starb J Dilla erst 32-jährig an einer Autoimmunkrankheit. An das Plattenlager denkt danach keiner mehr, die Miete wird nicht gezahlt. 2012 kauft der Betreiber eines Plattenladens alles auf, ohne Ahnung, wer der Vorbesitzer war. In den Kisten findet er Briefe mit dem Namen James Yancey, googelt, merkt, dass James Yancey J Dilla ist, was für einen Schatz er da gehoben hat. Er fängt an das Vinyl in seinem Laden zu verkaufen, die Sache wird publik, Angebote aus aller Welt laufen ein, schließlich meldet sich J Dillas Mutter bei ihm, er stoppt den Verkauf und überlässt den gesamten Fund letztendlich ihr. Einen Teil der Platten inseriert sie bei eBay, die wichtigsten Stücke der Sammlung sollen in ein Hip-Hop-Museum übergehen.

 

Zwei Randnotizen zu zwei Hurrikans: Fats Domino verlor 2005 durch Hurrikan Katrina nicht nur dutzende Gold- und Platin-Schallplatten, sondern sein komplettes Haus inklusive drei Pianos und unzählige weitere Erinnerungsstücke an seine Karriere. Kleiner Trost: 20 der Goldenen Schallplatten wurden als Reproduktionen angefertigt und Fats Domino 2007 überreicht. Ein verwackeltes Filmchen zeigt, was Hurrikan Sandy 2012 im Büro von Matthew T. Kaplan, Anwalt für Musiker und Labels, anrichtete: 2000 Alben und „20 feet of singles ... jazz singles, ska, reggae and the complete Two Tone singles collection“ standen unter Wasser.

 

Verheerender noch als solche Naturkatastrophen können sich allerdings die Urteile einer strengen Justiz auf Schallplatten auswirken. Von dem im Süden von Wales lebenden Karl Wiosna wird berichtet, dass er Cher und U2 zu oft und zu heftig aufgedreht hat. Krach, unerträglich, wie die Nachbarn fanden. Wiosna bekommt eine Verwarnung, macht aber nicht leiser, und das Gericht macht ernst. Eine Geldstrafe wird fällig, CD-Sammlung und Stereoanlage werden beschlagnahmt und – sollen nicht etwa einem guten Zweck zugeführt, sondern zerstört werden.

 

Storys über das Klauen von Schallplatten dürfen nicht fehlen. Erster Fall: Das Opfer: Lola Chambers, Frau von Lester Chambers, Sänger der „Time Has Come Today“-Chambers Brothers. Die Beute: Eine umfassende Sammlung der Aufnahmen ihres Mannes, mehr als 60 Alben und 100 Singles. Der Verlust der vielen außerhalb der USA erschienen Pressungen wiegt dabei besonders schwer. Sie sollten den Chambers als Beweis dienen, dass Columbia Records jahrelang keine Lizenzen für diese Veröffentlichungen zahlte.

 

Wie ein wahrer Sammler reagiert, wenn ihm Platten gestohlen werden, zeigt eine andere Meldung: Der arme Kerl wurde im britischen Sussex brutal überfallen, danach fehlten ihm Handy, Schlüssel, Bargeld, eine Tasche mit Soul-Singles und ein Zahn. „the victim ... is upset about the loss of his record collection“, gibt die Polizei zu Protokoll. Die Schrammen im Gesicht und der ausgeschlagene Zahn scheinen ihm weniger auszumachen.

 

Zum Schluss sei ein Song erwähnt über das Ende einer Beziehung – zur Freundin und zur Plattensammlung. Mit der ist die Freundin nämlich abgehauen. Bleibt auch hier die Frage, wem der Betroffene mehr nachtrauert. Wer sich das Drama anhören möchte, sucht bei YouTube nach „She Stole It“ von Ian McLagan & The Bump Band.

 

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