Jello Biafra’s Incredibly Strange Record Collection

Ich bräuchte mal jemand, der wieder Ordnung in meine Plattensammlung bringt, sagt sich Jello Biafra, Punkrocker, Politaktivist, berühmt geworden als Frontmann der Dead Kennedys. Ich bräuchte mal ein paar Dollar, um meine Miete hier in San Francisco zu zahlen, sagt sich Rokko, Wiener Journalist und Macher des Kulturmagazins „Rokko’s Adventures“. „Eine sehr coole Lady“ bringt die beiden Herrn zusammen, der Job ist geritzt und weil nach einigen Monaten die Platten akkurat einsortiert sind, gibt Jello Biafra auch gerne ein Interview für „Rokko’s Adventures“: über Wesley Willis, über Metal-Bands, deren Sänger Pitbulls oder ein Papagei sind, über die wirklich obskuren Stücke seiner Sammlung.

 

Aber noch mal von Anfang an, Rokko: Was hast du in San Francisco gemacht? Wie kam die Verbindung mit Jello Biafra genau zustande?

Ich hab in San Francisco hauptsächlich Interviews gemacht, mit Leuten wie V. Vale, Monte Cazazza, Meri St. Mary, Lisa Carver, Mark Pauline von den Survival Research Laboratories, James Williamson und Steve Mackay von den Stooges – und dann auch eins mit Jeri Cain Rossi, die in Bands wie Your Funeral und Black Cat Bone spielte und auch Shows von GG Allin und Joe Coleman veranstaltet hat. Außerdem hat sie Bücher geschrieben, sie gilt sozusagen als „weiblicher Bukowski“ und arbeitet heute für Ron Turner und seinen Verlag Last Gasp – eine sehr coole Lady. Ich hab mich gut mit ihr verstanden und mich öfter mit ihr getroffen. Irgendwann hab ich ihr gesagt, dass meine Wohnsituation grade ziemlich beschissen ist und es stellte sich heraus, dass bei ihr grade ein Zimmer frei war. Das gehörte ab da mir. Als die Miete zu zahlen war, fragte sie mich vorausschauend, ob ich einen Job suche – dann hat sie Jello angerufen und ich bin mich sozusagen vorstellen gegangen.

 

Jello Biafra war also auf der Suche nach jemandem, der ihm beim Ordnen seiner Platten hilft?

Jeri hatte diese Tätigkeit vor mir auch mal gemacht, um sich am Wochenende ein bisschen Geld dazuzuverdienen. San Francisco ist eine ziemlich teure Stadt geworden, seitdem der Tech-Boom dort eingezogen ist.

 

Was hast du im ersten Moment gedacht, als sie dir das vorschlug?

Let’s give it a shot!

 

Wie war die erste Begegnung mit ihm? Was sagte er, was du genau tun sollst?

Am Anfang hieß es erst mal Abschnuppern, aber nachdem er dann merkte, dass ich Platten wertschätze und wir ein paar Gemeinsamkeiten haben, ich meinen Hausverstand benutze et cetera, war das dann recht unkompliziert. Er zeigte mir mal seine Platten und ich fing dann an, die Singles, die noch nicht eingeordnet waren, zu sortieren.

 

Hatte er kein Problem, jemand Fremdes an seine Platten zu lassen? Viele Sammler sind da ja extrem eigen.

Nein, der merkte dann schon, dass ich Platten zu schätzen weiß und sie nicht durch die Gegend schmeiße. Und ich kannte Jeri schon ganz gut, die versicherte ihm, dass ich kein Hallodri wäre.

 

Nach welchem System sollte geordnet werden?

Also die alphabetische Reihenfolge hatte sich scheinbar bei Jello schon in den letzten Jahrzehnten seiner Sammeltätigkeit als sinnvoll erwiesen, jetzt sollte ich einfach so weitermachen. Der hat da ganz genaue Vorstellungen. Anfangs wurden noch so kleine Details abgeklärt: Hasil Adkins unter Adkins – aber Iggy Pop unter Pop oder Iggy oder gar Stooges? Wie soll man Splits und Sampler einordnen? Solche Fragen gab es zu klären. Aber da bekommt man den Dreh auch bald raus. Und im Zweifel lieber fragen, denn sonst hat Jello seine Platte zum letzten Mal gesehen. Ich hatte mich um die neuen, ungeordneten Kisten zu kümmern, um Platten, die er erst gekauft hatte, und die sozusagen in die bestehende Ordnung zu integrieren waren, beziehungsweise diese Ordnung umzukrempeln, wenn es nicht anders ging. Die Formate – Vinyl: 12“s, 10“s, 7“s und CDs – sind getrennt, alles andere ist alphabetisch geordnet. Naja, und dann hat er noch ein paar obskure Kisten, Genre-Musik, wo etwa Hypnose-Platten drin sind: Platten zum mit dem Rauchen aufhören, Platten zum Gewicht abnehmen. Für so Sonderfälle hat er eigene Kisten – und von denen gibt es einige.

 

Gab’s so was wie geregelte Arbeitszeiten?

Die Arbeitszeiten waren über Monate hinweg sehr flexibel. Ich war auch mal zwei Wochen nicht in der Stadt, dann war nichts los, dann fünf Tage durcharbeiten und so weiter. Aber das verlief ganz korrekt, die Stunden wurden immer mitgeschrieben. Es war kein Job, mit dem man reich wird, aber die Entlohnung war doch so, dass man sich nicht verarscht vorkommt.

 

Das klingt auch nicht nach einem Nine-to-Five-Job.

Jello ist ein astreiner Nachtmensch, das heißt, vor 14 Uhr braucht man nicht kommen – dafür geht er auch erst ins Bett, wenn andere aufstehen. Das war alles immer recht kommod, wir nahmen uns gewisse Tage vor und dann kam ich entweder so um 15 Uhr herum zu ihm oder ich rief ihn vorher an und fragte, wie sein Tagesplan ausschauen würde, sagte ihm, wann ich konnte. Alles war immer sehr flexibel und je nach Bedarf und Laune. Oft arbeitete er nebenbei, machte Zeug für sein Label Alternative Tentacles, fixierte Studiotermine für seine Band The Guantanamo School of Medicine, beantwortete Presseanfragen oder was auch immer anfiel. Wenn er grad nicht telefonierte, böllerten wir gern Musik durchs Haus, die uns in die Hände fiel oder wo er meinte: „Wenn du das magst, dann solltest du mal das hören!“ Da waren gerade neue Nachbarn eingezogen, die das nicht so cool fanden, wenn wir mitten in der Nacht noch YBO2 durch seine Boxen jagten, aber er meinte zu denen: „That’s my profession!“ Dann hatte er auch Erledigungen außer Haus zu tun und ich blieb alleine mit seiner Katze dort und arbeitete weiter. Alles unkompliziert. Manchmal fuhr ich auch mit, holte mir was zu essen. Und das sollte ich auch sagen: Jello Biafra hört sich jede CD von den Bands selbst an, die sich bei Alternative Tentacles bewerben, und zwar im Auto – das ist die einzige Situation, wo er Zeit dafür hat. Ich war da manchmal sogar ungeduldiger als er, weil er hörte sich wirklich durch so scheißlangweilige Hardcore-Bands, wo ich schon nach dem ersten Ton meinte: pffffff … schon tausendmal gehört. Auf die Frage, ob er jemals ein Demo bekommen hatte, wo er dann meinte, das muss er rausbringen, antwortete er grinsend mit einer Story über Wesley Willis. Dann saß ich bescheiden nickend da und hörte mich mit ihm durch ein paar weitere Demos.

 

In deinem Interview erfährt man viel über seine ausgefallenen Platten, aber was steht sonst noch in seiner Sammlung?

Alles, von GG Allin über Howlin’ Wolf über Yma Sumac über Nicodemus über … Auch einige Industrial-Perlen, österreichische Punkbands wie Dirt Shit. Techno fällt ziemlich raus. Die Plattensammlung ist buntest durchmischt, aber im Interview wollte ich ihn dann nicht nach den offensichtlichen Platten und Bands wie Devo oder den Sex Pistols fragen, sondern eher nach den obskureren, wo man vielleicht auch überrascht ist, dass sie ihm gefallen.

 

Bist du beim Ordnen schnell vorwärts gekommen oder hält man da ständig inne und schaut sich die Cover an und legt die Platten auf?

Doch, bei manchen Exemplaren bin ich schon länger hängen geblieben und wenn’s gepasst hat, hab ich sie auch gleich aufgelegt, weil ich neugierig war, was da drin war.

 

Kam dir öfter der Gedanke, dieser Jello Biafra hat aber einen komischen Geschmack?

Das ging gut, ich hab auch einen komischen Geschmack.

 

Du sammelst selbst?

Ja, ich sammle schon. Ich kauf so gut wie keine CDs, eigentlich nur Vinyl, aber trotzdem geht es mir auch um die Musik. Im Amiland hab ich viel Exotica-Zeug gekauft, das man dort ungefähr so billig kriegt wie bei uns Heino oder Scorpions, auch wenn die Preise in den Thrift Stores da ein bisschen angezogen haben, nachdem V. Vale von RE/Search Publishing seine „Incredibly Strange Music“-Bücher veröffentlicht hat und da mal eine breitere Zuhörerschaft auf diese Phänomene aufmerksam machte. Neben Yma Sumac und Martin Denny werden in den Büchern auch Sammler wie die Cramps und eben Jello Biafra ausführlich interviewt – sehr zu empfehlende Lektüre.

 

Im Interview sprichst du von Abermillionen Platten in seinem Haus – wie viele sind’s wirklich?

Ich bin ein schlechter Schätzer, sagen wir: Stockwerke.

 

Wie sind die Platten aufbewahrt?

Ganz verschieden, ein paar in Hüllen, ein paar ohne, ein paar in selbstgebauten Regalen, andere in gekauften Plastikkisten. Er passt auf jeden Fall auf seine Platten auf, hat zum Beispiel verschiedene Nadeln für verschiedene Plattenzustände, aber er ist kein Snob.

 

Ihm geht’s wohl auch mehr um die Musik, die auf einer Platte ist, als darum, irgendeine rare Erstpressung im Regal zu archivieren.

Er ist ein Jäger und Sammler, das schon, aber er ist da nicht abgehoben. Es geht ihm um die Musik. Er hört sich die Platten auf jeden Fall an, die schimmeln nicht einfach dahin.

 

Im Interview spricht er auch davon, dass er oft nach Bauchgefühl kauft, ohne zu wissen, was für Musik auf einer Platte ist.

Genau, wenn er was nicht kennt und es ihn anlacht, dann ist es schon in der Tasche. Ihn treibt die Neugier, kein abstrakter Sammelwahn.

 

Wie endete der Job?

Ja, am letzten Tag im Juli dieses Jahres war er außer Haus und ich schichtete die letzten Platten ein. Ich räumte dann noch ein bisschen um, damit der Platz in den Kisten von A bis Z wieder eher gleichmäßig verteilt ist, über mehrere Regale in mehreren Räumen. Stehleiter rauf, Packen runter, dort rein. Dann war das auch fertig, er noch immer nicht zurück, jetzt hab ich Kaffee getrunken, Musik gehört, mich auf sein Sofa gesetzt und durch ein paar seiner Bücher geblättert. Wie an einem Arbeitsplatz eigentlich nicht zu empfehlen, bin ich dann eingeschlafen. Als er zurückkam, sagte ich, es wäre ein ziemlich unproduktiver Tag gewesen und ich wäre zufrieden, wenn er mir dafür zwei, drei Platten geben würde, die ich doppelt gefunden hatte. Darunter war eine Esquivel, damit war ich schon glücklich. Ich komm wieder zurück, wenn er wieder ein paar einzuordnende Kisten hat, war die Abmachung. Aber derweil ist er auf Europa-Tournee, also sehen wir uns vorher in Wien.

 

Das Interview „Jello Biafra’s Incredibly Strange Record Collection“ aus der aktuellen Ausgabe Nummer 13 von „Rokko’s Adventures“ kann man hier nachlesen. Texte über die oben genannten Monte Cazazza hier und Joe Coleman hier. Die kompletten Magazine in gedruckter Form kann man sich hier vor Ort besorgen oder hier bestellen.

 

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Kommentare: 3
  • #1

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