Squoodge Records: schöne Platten

Schlecht gepresstes Vinyl und hingeschluderte Cover kann Roland Schulz gar nicht leiden. Als Sammler nicht und nicht als Labelmacher. Der 32-jährige Berliner führt deshalb Squoodge Records als Ein-Mann-Betrieb, do it yourself, mit absoluter Kontrolle über den gesamten Herstellungsprozess. Ergebnis: ein Label, das für schrägen Rock’n’Roll steht, Singles, die kleine Kunstwerke sind, eine wachsende Squoodge-Records-Sammlergemeinde und ein Haufen Arbeit.

Foto: Harry Schnitger; Quelle: Sqoodge Records
Foto: Harry Schnitger; Quelle: Sqoodge Records

Erste Frage, Roland Schulz: Wie viel Musik passt auf eine 2-inch-Single?

Auf der 2-inch von Squoodge Records ist ein Song der Schweizer Band The Monsters, ein Cover von „Züri brännt“, einmal als Studioversion mit 22 Sekunden und auf der B-Seite zweimal live: 9 Sekunden und 11 Sekunden. Ein Noise-Gewitter, irre laut und brutal.

 

Ungewöhnliche Formate gehören zum Konzept deines Labels.

Ich stehe total auf obskure Formate, 5-inch, 6-inch, im Moment 8-inch, da werde ich noch ein paar machen. Am liebsten sind mir Picture Shapes.

 

Eine sehr besondere Single hast du auch von der Punkband EA80 veröffentlicht.

Die A-Seite der EA80 Mixtape ist eine Double Groove, sie hat also zwei nebeneinander liegende Rillen mit zwei Stücken. Es fehlt die klassische Einlaufrille, so dass man per Zufall den einen oder anderen Song abspielt. Die Idee mit der „scratched b-side“ hatte ich schon lange. So was gibt es aber öfter. In die Mutterschallplatte wird statt Musik ein Bild geschnitten, geritzt, gekratzt oder gelasert. In diesem Fall wurden mit Zahnarztwerkzeug der Bandname und sich wiederholende Totenköpfe eingeritzt. Die EA80 Mixtape ist auch mein All-Time-Favorite von allen meinen Veröffentlichungen.

 

Genau das, wonach Sammler lechzen, richtig?

Von jeder Produktion bringe ich solche speziellen Versionen raus: Siebdruckcover, farbiges Vinyl, Testpressungen mit abweichenden Cover, signierte Platten. 20 Prozent der Käufer möchten dann auch alle Versionen haben. Die Veröffentlichungen sind auch oft sehr limitiert, auf 30 bis 500 Stück.

 

Wird das Artwork manchmal wichtiger als die Musik?

Ja, bei vielen Platten ist die Gestaltung so gut, dass die Musik zur Nebensache wird. Bei Auflagen ab 300 Stück lasse ich die Cover im Offset drucken, auf 300-Gramm-Karton, gerne inside-out oder glänzend lackiert. Geringere Auflagen werden digital gedruckt. Siebdruckcover mache ich meistens bei Auflagen bis 100 Stück. Teilweise habe ich sie bei pressurepressure.de oder bei slowboy.de in Auftrag gegeben. Dieses Jahr werde ich mir hier aber selbst eine Siebdruckwerkstatt einrichten und die Kosten mit ein paar Grafikern teilen. Die Stoffcover wurden von meiner Freundin genäht und bestickt oder besiebdruckt.

 

Für so eine Platte muss man auch ein paar Euro mehr hinlegen, oder?

Die Leute, die sich eine Platte aus einer 100er-Auflage für 17 Euro kaufen, wissen schon, dass das eigentlich noch sehr, sehr günstig ist.

 

Du veröffentlichst ausschließlich auf Vinyl – wo lässt du die Platten pressen?

Im Moment arbeite ich nur mit deutschen Presswerken: Pallas in Diepholz; Optimal in Röbel/Müritz; Ameise in Hamburg. Ameise macht zum Beispiel die ganzen Kleinstauflagen für mich, das dauert zwar ewig, dafür bin ich immer zufrieden.

 

Künstlerische Cover, besondere Pressungen – kennst du viele Labels, die ihr Programm darauf ausgerichtet haben?

Es gibt ein paar, vor allem im Noise-, Metal-, Doom-Bereich. In der Musikrichtung, die ich produziere, bin ich alleine. Verschiedene Versionen von Covern sieht man oft, unterschiedliche Vinylformate oder Schnitte eher selten. Ich bewege mich schon in einer Nische.

 

Zurück auf Anfang: Wie ging das los mit dem Label?

Sammler bin ich seit meinem 14. Lebensjahr. 1997/98, also mit 16, 17, habe ich mein erstes Label gegründet, mit einem Freund zusammen, ein reines Punklabel, da bin ich aber nach drei Jahren ausgestiegen. 2003 brachte ich dann eine 77er-Punkplatte der Schweizer Band Jack & The Rippers heraus, die sich sehr gut verkaufte. Die erste Veröffentlichung auf Squoodge Records war 2005 von Bloodshot Bill, den ich bei einem Konzert im Berliner Wild at Heart gesehen habe. Ich fand ihn großartig, kaufte mir seine erste LP, kam mit ihm ins Gespräch, schrieb ihn dann an, ob er Lust hätte mit mir für ein Label, das ich plane, eine 7-inch zu machen. Ein paar Wochen später hatte ich ein Tonband mit den Songs im Briefkasten. Die Platte ist jetzt ein gesuchtes Stück.

 

Hast du das Label schon immer alleine gemacht?

Von Anfang an. Ich kümmere mich um den ganzen Ablauf von der Produktion bis zum Vertrieb und mache sehr viel selbst. Bei den Kleinstauflagen schneide, nute, klebe ich die Cover per Hand, ich lasse Stempel anfertigen und stemple die Innenhüllen oder die Whitelabels von Platten, zum Beispiel bei Testpressungen, teilweise habe ich auch Cover selbst gesiebdruckt, ich packe die Pakete, biete die Platten in den Plattenläden an und lasse mir auch von keinem anderen helfen. Mein DIY ist auch eine Selbstkontrolle.

 

Das kostet Zeit.

6 bis 8 Stunden pro Tag, 6 Tage die Woche.

 

Kann man davon leben?

Ich verdiene mit Squoodge schon Geld, aber es reicht hinten und vorne nicht. Da müsste ich mehr und vor allem andere Sachen produzieren, aber ich will meine Seele nicht an den Kommerz verkaufen. Ich werde mir dieses Jahr noch einen Job suchen, mit dem ich etwas dazuverdienen kann.

 

Was du selbst gerne hörst und was du produzierst – geht das in die gleiche Richtung?

Ich höre genau die Musik, die ich produziere und in meinem Webshop auch von anderen Labels verkaufe: Garage, Rock’n’Roll, Rockabilly, Blues, Punk, Surf, One-Man-Bands.

 

Die erfolgreichsten Namen auf Squoodge?

EA80, Billy Childish, Reverend Beat-Man, Bloodshot Bill.

 

Melden sich viele Bands, die bei dir veröffentlichen wollen?

Ich bekomme durchschnittlich 15 Anfragen pro Monat. Das meiste interessiert mich aber nicht. Ich suche mir die Künstler eher selbst aus, ich sehe sie auf einem Konzert oder habe schon Platten von ihnen im Schrank und spreche sie dann an. Es gibt auch welche, die nur mit mir zusammenarbeiten wollen. Das ehrt mich sehr, aber ich bin der Meinung, dass es besser ist, wenn die Bands auf vielen kleinen und großen Labels verteilt ihre Platten veröffentlichen. Da jedes Label einen anderen Vertriebsweg hat, ist es so einfacher noch unbekannte Bands an die Öffentlichkeit zu bringen.

 

Verkaufst du deine Platten weltweit?

Die meisten Kunden kommen aus Nordamerika und Europa: hauptsächlich aus Frankreich, England, Belgien, Niederlande, Schweiz, Norwegen – in Deutschland bleiben gerade einmal 25 Prozent der Platten.

 

Wie viele Veröffentlichungen gibt’s inzwischen von deinem Label?

Mit den Sammlerclubs – ABC-Club und DVT-Club – und dem Squoodge-Records-Unterlabel Luna Sounds, bei dem die LPs erscheinen, sind’s über 150 Veröffentlichungen. Wie schon gesagt, gibt es von jedem Release aber verschiedene Versionen. Es sind also insgesamt einige Hundert.

 

Wie funktionieren diese Sammlerclubs? Was hat’s beispielsweise mit dem DVT-Club auf sich?

DVT steht für Digital-Vinyl-Trash. Es sind 5-inch-Platten, auf der A-Seite Vinyl mit Musik drauf, auf der B-Seite ein Video auf Super Video CD. Produziert wurden 9 DVTs, jeweils limitiert auf 33 Stück. Die DVT-Teile sind mittlerweile sehr gesucht und werden für 50 Euro aufwärts gehandelt, wenn überhaupt einmal eine auftaucht. Um so eine DVT zu bekommen, musste man Clubmitglied werden, das heißt, für mindestens sechs Monate – in denen drei Platten erschienen – im Voraus zahlen.

 

Das Prinzip dieser VinylDiscs hast du selbst erfunden?

Ich habe sie 2006 bei der Firma Duophonic entwickeln lassen. Die stellten auf einer Erfindermesse einen Rohling vor und 2007 meldete das Unternehmen Optimal Media ein Patent darauf an. Ich selbst hatte damals nicht das Geld, ein Patent anzumelden, habe aber auch nicht daran geglaubt, dass die VinylDisc als kommerzieller Tonträger eine Chance hat, weil sie nicht auf allen DVD- oder CD-Playern abspielbar ist. Verschiedene Firmen haben dann ein paar Platten raus gebracht, aber die Presse hat zu wenig darauf reagiert. Ich hatte damit auch nichts mehr zu tun, habe kein Geld dafür gesehen.

 

Sind weitere Sammlerclubs geplant?

Im Moment mache ich eine Battle-Serie, angelehnt an Comic-Sammlungen. Niklas Coskan, der auch schon Sachen für Pearl Jam gemacht hat, zeichnet mir alle Artworks. Es sind immer zwei Bands mit jeweils einem Song und jede dieser 7-inches gibt’s in zwei limitierten Versionen mit unterschiedlichen Covern. Aber es ist kein klassischer Club wie der ABC-Club oder der DVT-Club, bei denen man eintreten und im Voraus bezahlen musste. Bei der Battle-Serie kommen die Platten unregelmäßig, aber immer im gleichen Stil und jeder kann sie im Webshop kaufen.

 

Und was kann man in Zukunft von Squoodge Records erwarten?

Anfangs war Squoodge ein Traum. Ich wollte 4 Singles pro Jahr produzieren. Jetzt ist der Traum wahr geworden und es erscheinen etwa 20 Platten pro Jahr. Meine nächsten Ziele sind die 10-Jahre-Party oder ein 10-Jahres-Buch mit den besten Artworks und Geschichten. Ändern soll sich nichts, die Plattenveröffentlichungen sollen einfach nur noch schöner und besser werden.

 

Kannst du noch ein paar Sätze zu deiner eigenen Sammlung sagen?

Ich dürfte etwa 6000 Singles haben, 2500 LPs und etwa 200 CDs, hauptsächlich von Bear Family. Vor allem sammle ich D-Punk der Jahre 1978/79 bis ’89 – Hamburg, Berlin, München, DDR, Österreich, Schweiz –, Garage, Trash, Rockabilly und One-Man-Bands. Einen großen Teil machen Jerry Lee Lewis, Johnny Cash, Billy Childish, Hank Williams und Reverend Beat-Man aus. Ich höre auch jeden Tag Schallplatten, mehrere Stunden.

 

 

Beispiele aus dem Programm von Squoodge Records

Titel aus dem DVT-Club
Titel aus dem DVT-Club

Titel aus der Battle-Serie
Titel aus der Battle-Serie

 

Squoodge Records: Homepage / Facebook

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Vince Dashner (Mittwoch, 01 Februar 2017 17:07)


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