Nummer-1-Hits

Die laut Ankündigung „vielleicht furchterregendste Schallplatten-Sammlung Deutschlands“ kann man zwischen 9. Februar und 9. März im Berliner Rumpsti Pumsti (Musik) – Plattenladen und Galerie – anschauen und anhören: nämlich alle 430 Platten, die in den deutschen Charts von 1953 bis 1993 ganz oben standen. Wie man auf die Idee zu so einer Sammlung kommt und was es mit jener Nummer 1 auf sich hat, die überhaupt nicht existiert, fragt man am besten den Berliner Mario Passarotto – er hat die Platten innerhalb von 15 Monaten zusammengetragen.

 

Also, Mario Passarotto, weshalb gerade die deutschen Charts?

Auf die Idee sind Daniel Löwenbrück, der Besitzer von Rumpsti Pumsti (Musik), und ich gekommen, als wir im Oktober 2011 mit einem anderen Freund zusammen bei ihm im Laden saßen. Ich hatte schon immer Interesse an der Musikhistorie und habe dann deutsche Nummer-1-Hits angespielt, die sie erraten sollten. Da hat Daniel gefragt, ob ich nicht eine Ausstellung zu dem Thema machen wollte.

 

Gab’s damals so was wie einen Grundstock von Platten?

Keine einzige, habe komplett bei null angefangen.

 

Welchen Zeitraum deckt die Sammlung ab?

Die erste Nummer 1 waren die Kilima Hawaiians mit „Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand“, Dezember 1953. Von 1953/54 habe ich alle Titel in Schellack und Vinyl, bis auf zwei, die ich nur als Schellackplatten habe. Die letzte von mir präsentierte ist Haddaway mit „What Is Love“, Nummer 1 des Jahres 1993, das war die Zeit, als es von Vinyl auf CD überging.

 

An welchen Chartlisten hast du dich orientiert?

Es sind die deutschen Single-Charts. Bis Mai 1959 die Boxen-Parade der Zeitschrift „Automatenmarkt“, bei der gezählt wurde, wie oft ein Titel in den Musikboxen gespielt wurde. Ab Juni 1959 bis 1977 die Zeitschrift „Musikmarkt“, bei der die Verkaufszahlen ermittelt wurden. Ab 1977 dann Media Control. Das waren zu ihrer Zeit immer die jeweils wichtigsten Charts.

 

Waren das wöchentliche Hitlisten?

Bis 1965 wurden sie monatlich ermittelt, ab 1965 bis 1970 halbmonatlich, danach wöchentlich. Die wöchentlichen Charts wurden immer montags veröffentlicht. In den 90er Jahren gab es irgendwann den Wechsel zu freitags.

 

Wie lief die Suche nach den Platten ab?

Als erstes hat mein ganzer Bekanntenkreis die komplette Liste bekommen, um die eigenen Sammlungen durchzusehen. Dann habe ich mit der Suche auf den Berliner Flohmärkten begonnen, danach kamen die Secondhand-Plattenläden dran. Zuletzt Shops im Internet, Discogs, eBay. Große Unterstützung bekam ich in den letzen zehn Monaten von meinem Onkel Luigi Passarotto, der häufig auf Flohmärkten unterwegs ist und den eBay-Markt verfolgt. 15 Monate hat es gedauert, alle ausfindig zu machen.

 

Fast alle – da gibt’s doch diese Geschichte mit der verschollenen Nummer 1.

Es wird in allen deutschen Chartlisten ein Titel genannt, der angeblich vom 2. bis zum 15. Februar 1957 den führenden Platz innehatte, ein Titel, der aber nie existiert hat: „Sei zufrieden“ vom Lukas Trio. Das Lukas Trio hat dieses Lied nie aufgenommen. Das große Mysterium. Zur gleichen Zeit gab es den Titel auch vom Rodgers-Gesangs-Duett, das ebenfalls damit auf Platz 1 der Charts war, und vom Roland-Trio. Als Ersatz für das Lukas Trio habe ich die Platte vom Roland-Trio gekauft und zusätzlich die Platte, die vom 2. bis zum 15. Februar 1957 auf Platz 2 der Charts war: Gitta Lind mit „Weißer Holunder“.

 

Sind alle Platten die originalen Pressungen oder sind auch Reissues dabei?

Zu Beginn habe ich ab und zu eine Nachpressung gekauft, um die Platte erstmal überhaupt zu besitzen. Mittlerweile habe ich sie aber alle in der Originalausgabe.

 

Welche war am schwierigsten zu beschaffen?

„Schuster bleib bei deinen Leisten“ von Werner Dies aus dem Jahr 1954 ist für mich die seltenste. Das ist eine der beiden, die ich nur als Schellack besitze. Nach langer Internetrecherche habe ich einen Plattenhändler ausfindig gemacht, der eine Liste unsortierter Platten hatte, in der ich endlich auf diesen Titel gestoßen bin. Sehr schwierig zu bekommen waren auch die Platten aus den Jahren 1992/93, weil die in Deutschland fast gar nicht mehr auf Vinyl veröffentlicht wurden. Die meisten habe ich in England gekauft.

 

Die teuerste?

„Komm gib mir deine Hand“ von den Beatles habe ich mit Bildcover für 25 Euro erworben, was noch relativ günstig ist. „I Want To Hold Your Hand“ mit dem Bildcover aus Italien hat mein Onkel besorgt, den Preis habe ich nicht erfahren. Aber diese Ausgabe kostet meistens um die 50 Euro.

 

Welche Interpreten führten besonders oft die Charts an?

Es sind genau 430 Platten, die zwischen 1953 und 1993 auf Nummer 1 waren. Von insgesamt 306 Interpreten – falls ich mich nicht verzählt habe. Die Top 5 mit den meisten Nummer-1-Hits: Beatles, vierzehnmal; Freddy Quinn, zehnmal; ABBA, neunmal; Boney M. und Sweet, jeweils achtmal. Danach folgen Roy Black und die Rolling Stones mit je sechs Spitzenplätzen.

 

Du hörst aber nicht nur Beatles und Freddy Quinn?

Hauptsächlich höre ich Industrial, Avantgarde, Neofolk, Power-Electronics, Dark Ambient, Electro-Acoustic, Modern Classical, Musique Concrète, Sound-Poetry, Ritual und Noise Musik. Aber mich interessieren auch andere Genres wie Rock, Pop, Hip-Hop.

 

Und was hat der Rest der Welt zu diesem Projekt gesagt?

Wenn ich auf dem Flohmarkt eine Kiste mit 500 Singles durchgewühlt und nach einer Stunde freudestrahlend dem Verkäufer die fehlende Heintje-Platte für einen Euro abgekauft habe – da erntet man schon schiefe Blicke. Aber mir hat’s Spaß gemacht, ich mag dieses Recherchieren gerne. Und viele Leute aus meinem Bekanntenkreis hatten auch ihren Spaß. Es war ständiges Gesprächsthema. Mir wird bestimmt etwas fehlen, wenn die Ausstellung vorbei ist. Vielleicht sollte ich die restlichen Nummer-1-Hits ab 1994 auch noch sammeln ...

 

 

Die Ausstellung ist vom 9. Februar bis 9. März 2013, Mi-Fr 15-20 Uhr, Sa 13-18 Uhr zu sehen, Vernissage am 9. Februar von 16-20 Uhr. Rumpsti Pumsti (Musik), Plattenladen und Galerie, Weserstraße 165, 12045 Berlin (Neukölln).

 

Foto: Rumpsti Pumsti (Musik)
Foto: Rumpsti Pumsti (Musik)
Foto: Rumpsti Pumsti (Musik)
Foto: Rumpsti Pumsti (Musik)

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Kommentare: 3
  • #1

    Harald Bluschke (Sonntag, 03 Februar 2013 16:12)

    Das Rätsel um das Lukas Trio ist gelöst, habe mal eine Umfrage im Forum gestartet:

    http://www.rocknroll-schallplatten-forum.de/viewtopic.php?t=9861

    Die Nummer 1 - Hits! Tolles Projekt

    Hardi

  • #2

    Mario Passarotto (Dienstag, 05 Februar 2013 21:38)

    Danke für die Info und deinen Kommentar / deine Bemühnugen. Soweit hatte ich auch recherchiert, aber es gibt leider auch keine wirkliche Bestätigung, dass der Roland Luk(c)as so mit Nachnamen heißt. Ist auf jeden Fall die logischste Erklärung
    Gruß,
    Mario

  • #3

    Michael (Mittwoch, 09 Oktober 2013 21:59)

    Wie man im obigen Link auch erfährt, bestand das "Roland-Trio" aus Curth Stephan, Richard Gatermann und Martin Berndt. Einen "Roland Luk(c)as" hat es also nicht gegeben. Ganz im Gegensatz zu "Botho Lukas", der zwar Chef vom "Lukas-Trio" war, ja aber bekanntermaßen den Titel "Sei zufrieden" nie aufgenommen hat. Zusammen mit den ausführlichen Informationen aus

    http://www.deutschesgold.de/forum/index.php?t=msg&th=537&rid=&S=60ce075d91bc33cfdf714ba66818ebfe&start=0#msg_4715

    bleibt eigentlich nur folgende Schlussfolgerung: Der Platz 1 vom 02.02.1957 bis 15.02.1957 geht nicht an das "Lukas-Trio", sondern an das "Rodgers-Gesangs-Duett", was dann damit auch Platz 13 der Jahres-Charts 1957 erreicht. Platz 29 der Jahres-Charts 1957 bleibt unverändert dem "Roland-Trio".

    Summa summarum: Ersetze "Lukas-Trio" durch "Rodgers-Gesangs-Duett" und alles erscheint plausibel.

    Gruß
    Michael