Knigge für Plattensammler

Plattensammeln war immer schon eine ernst zu nehmende Angelegenheit. 1961 beispielsweise. Da erschien „Wir sammeln Schallplatten“, ein Ratgeber, der klipp und klar sagt, was man bei diesem „Steckenpferd“ tun und lassen soll.

 

Was gar nicht geht, hört sich darin so an: „Es ist barbarisch und zeugt von wenig Liebe, wenn Schallplatten ohne Hülle aufeinandergelegt werden.“ Oder so: „Schon wenn die Hausfrau kurz zuvor an einer bestimmten Stelle mit dem Bügeleisen hantierte und hinterher auf den gleichen Platz eine Platte gelegt wird, kann es passieren, daß sie sich verzieht.“ Wer also denkt, Plattensammeln ginge mit links, darf sich hier Seite für Seite eines Besseren belehren lassen. Abgehandelt wird alles, was der Sammler wissen muss: die Entstehungsgeschichte der Schallplatte; die Frage wo man sich Platten besorgt; wie man seine Schätze ordnet, katalogisiert, pflegt; welche Sammlertypen es gibt; welche Platten aus welchen musikalischen Genres empfehlenswert sind, wobei das für Plattensammler 1961 nicht gerade unwichtige musikalische Genre Rock’n’Roll scheinbar gar nicht empfehlenswert ist und deshalb nicht vorkommt.

 

Geschrieben hat das Buch Jan Herchenröder, der die ebenso bemerkenswerten Ratgeber „Happy Enten. Eine kleine Ehelogie“ (1954) und „Rum ist in der kleinsten Hütte. Eine neue Schnapsologie“ (1955) verfasst hat und sein dabei erworbenes Wissen in einen Warnhinweis zum vorsichtigen Aufsetzen des Tonarms einfließen lässt: „Es kann dem Material auch schon schaden, wenn eine Hand leise zittert infolge zu starken Alkoholgenusses oder ehelichen Ärgers, wodurch vielleicht die Nadel quer über zwei, drei Rillen geführt wird.“ Nicht minder schlimm, „wenn die Jugend so heftig Rock’n’Roll tanzt, daß der Fußboden bebt“, denn da könne es passieren, „daß der Saphir mitzutanzen beginnt“.

 

Das klingt natürlich so lustig wie eine angestaubte Platte aus dem Jahr 1961, von der Mausefalle „Pigalle“ bis zum „Babysitter Boogie“. Aber an trüben Tagen legt man so was ja auch mal auf. Einen wirklich guten Rat kann „Wir sammeln Schallplatten“ einem heutzutage nicht geben, das kapiert man schnell. Aber der Sound des Buches hat schon was. Gerade wenn’s um Ordnung und Sauberkeit und Anstand geht – das A und O im Leben eines Plattensammlers. Alleine um wunderbare Worte wie „liederlich“ wiederzuentdecken, kann man die Lektüre empfehlen – Originalton Herchenröder: „Wer so liederlich mit seinen Platten umgeht, sie überall herumliegen läßt, auf die Heizung oder sonnenwarme Fensterbank legt, darf sich nicht wundern, wenn sie eines Tages nur noch jaulen, knacken, knistern oder krächzen.“

 

Wir erfahren, wie ein „ordentlich eingeräumter Plattenschrank“ aussieht, „der sich der Harmonie des Zimmers unauffällig eingliedern sollte.“ Wie wichtig es ist, das Vinyl mit einem „Antielektrostatiktuch“ zu säubern, damit der Zimmerstaub sich nicht „wie lautloser grauer Schnee“ in die Rillen schmiegt, und dass dabei „aus Bequemlichkeit viel gesündigt“ wird. Wir bekommen auch moralische Unterstützung, wenn wir uns weigern, Platten auszuleihen: „Es wird zu häufig ’vergessen’, die Aufnahmen zurückzugeben, oder sie werden bei einer Party durch Fremde ’mißhandelt’.“ Empfohlen wird, nur solche Platten auszuleihen, „die keinen besonderen Wert darstellen, aber gut genug für eine lärmvolle Party sind.“ Vor dem Dilemma, ob man ausleihen oder nicht ausleihen soll, beziehungsweise, ob man sich als netter Kumpel oder pedantischer Egoist outet, stand jeder Sammler irgendwann einmal. Und so schlägt sich Herr Herchenröder – selbst ein begeisterter Sammler wie zu lesen ist – im Grunde vor fünfzig Jahren schon mit den gleichen schwerwiegenden Problemen herum, die auch heute noch jeden Sammler ins Schwitzen bringen. Und kommt zu ähnlichen Lösungen. Nur, er findet halt etwas andere Worte dafür. Schreibt jeden zweiten Satz mit erhobenem Zeigefinger. Der Knigge für Plattensammler.

 

Sagen wir’s so: Das Buch muss man nicht lesen, es steht nichts drin, was das Jagen nach Vinyl im Jahr 2012 erleichtern würde. Andererseits, natürlich muss man das Buch lesen, weil die ein halbes Jahrhundert alten Formulierungen, die aus einem Plattensammler einen guten Menschen machen wollen, einfach nicht zu toppen sind. Oder weil wir von Zeiten erfahren, in denen der Plattenladen „Schallplattenbar“ hieß, und nicht launige Männer herrschten damals hinterm Tresen, sondern einfühlsame Damen: „Die Bedienung übernehmen meistens Verkäuferinnen, bei denen sich nur selten der Geschäftsführer sehen läßt. Häufig tragen sie blaue oder rötliche Klubjacken oder Kittel, an deren Revers sich ab und zu ein Schildchen ’Hier bedient Sie Fräulein Jutta’ befindet.“ Nun waren das natürlich auch unschuldige Zeiten, in denen noch nicht nerdige Typen in den Laden einfielen und nach der indonesischen Motörhead-Promo-Single mit der spiegelverkehrten Matrizennummer fragten. Im Gegenteil, die Fräulein Juttas hatten es scheinbar nicht selten mit völlig Ahnungslosen zu tun: „Am liebsten sind den Verkäuferinen die Kunden, die wenigstens ungefähr wissen, was sie wollen.“

 

Jan Herchenröder: Wir sammeln Schallplatten. C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh, 1961. 192 Seiten, Hardcover. Als Taschenbuchausgabe erschienen im Gebrüder Weiß Verlag Lebendiges Wissen, Berlin, München, 1965. Beide Ausgaben sind antiquarisch leicht zu finden.

Amazon Partnerlink

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0