50 Jahre Stones – und ein paar Monate mehr

Am 12. Juli 1962 hatten die Rolling Stones – unter dem Namen Rollin’ Stones – im Londoner Marquee Club ihren ersten Auftritt. Heute vor 50 Jahren also: Congratulations!

 

Allerdings, waren das schon die echten Stones? Im Marquee spielten Jagger, Richards, Brian Jones und Ian Stewart, „der sechste Stone“, am Piano noch mit Dick Taylor am Bass und Tony Chapman am Schlagzeug. Jene Besetzung aber, in der die Stones von der ersten Platte bis zum Tod von Brian Jones zusammenspielten war erst komplett, nachdem im Dezember 1962 Bassist Bill Wyman und im folgenden Januar Drummer Charlie Watts eingestiegen waren. Gründungsdatum Januar 1963 wäre damit auch nicht verkehrt.

 

Noch ein Vorschlag: Ende 1961. Jagger, Richards und ein paar Kumpels nennen sich Little Boy Blue And The Blue Boys und sind verrückt nach Rock’n’Roll, Rhythm & Blues, Chicago Blues. Sie treten nie auf, machen keine Platte, aber es existieren Tonbandaufnahmen von den Proben und die sind auf Bootlegs erschienen. Wahrlich historische Aufnahmen von der Keimzelle der Rolling Stones.

 

Die Geschichte beginnt auf dem Bahnhof von Dartford, Heimatort von Jagger und Richards. Die beiden kennen sich aus der Grundschule, verlieren sich aus den Augen, warten im Oktober ’61 auf den gleichen Zug, Jagger hat Platten unterm Arm, Chuck Berry, Muddy Waters, man kommt ins Gespräch, Seelenverwandtschaft, ich spiele ein bisschen Gitarre, ich singe ein bisschen, lass uns was zusammen machen. Mit von der Partie: Dick Taylor, der später die Pretty Things gründete, Bass, Gitarre, Bob Beckwith, Gitarre, Alan Etherington, Schlagzeug. Geübt wird im Wohnzimmer bei Bob Beckwith, in der Nähe von Dartford, vielleicht auch mal bei Dick Taylor.

 

Rhythm & Blues war in dieser Zeit noch die Sache von ein paar Eingeweihten, in den Clubs regierte Traditional Jazz, Dixieland, Mr. Acker Bilk. Die R&B-Szene begann sich erst zu formieren. Schallplatten der amerikanischen Giganten waren in England noch nicht veröffentlicht. Wer wusste, wo man welche auftreiben konnte, war hoch angesehen. Jagger beispielsweise konnte Richards schwer damit beeindrucken, dass er per Mail-Order direkt bei Chess Records in Chicago bestellte.

 

Die Jungs von Little Boy Blue And The Blue Boys sind noch auf der Suche und die Schallplatten zeigen ihnen, wo’s langgeht. Richards seziert jeden Titel, analysiert jeden Ton, lernt wie ein Gitarrengriff funktioniert, wie man einen Sound hinkriegt. So gut das mit dem Sound möglich ist, wenn drei Gitarren an einem Verstärker hängen oder wenn das Schlagzeug aus einem Becken und einer einzigen Trommel besteht. Angeblich der Hauptgrund Bill Wyman bei den Stones aufzunehmen, war sein edler Vox-AC30-Verstärker.

 

Chuck Berry ist mit gleich fünf Nummern auf den überlieferten Aufnahmen vertreten, dazu Jimmy Reed, Billy Boy Arnold, es sind Auszüge aus dem Standardrepertoire, das bald alle R&B-Bands der frühen 60er drauf haben. Dass sie Anfänger sind wissen sie, sie tasten sich ran, roh, primitiv, ungehobelt, ehrfürchtig, aber entschlossen. Rhythm & Blues ist das Neue, das Coole.

 

Dabei läuft alles noch als netter Zeitvertreib. Jagger studiert an der London School of Economics, Richards besucht die Kunstschule, beide sind um die 18, denken nicht ernsthaft dran, dass sie mit Musik das große Ding landen. Wenn sie träumen, dann davon, mal auf irgendeiner Bühne zu stehen, aber eine Platte machen, Musiker werden: völlig abwegig.

 

Was die Aufnahmen so bemerkenswert macht, ist, dass die gleiche Szene zur gleichen Zeit in vielleicht hundert anderen britischen Wohnzimmern, Kellern, Garagen ablief. Dass die gleiche Szene hundert Mal zu nichts führte, aber hier in diesem einen Wohnzimmer gerade eine grandiose Geschichte ihren Anfang nimmt. Und die Jungs sind total ahnungslos. Im Gegensatz zu uns. Jedes Mal wenn sie sich verspielen, wenn der Einsatz nicht klappt, will man ihnen auf die Schulter hauen: He, macht nichts, wird schon, ihr schafft das.

 

Weil man weiß, wie die Story weitergeht, könnte man jetzt schlau behaupten, dass man ja wohl eindeutig höre, dass hier Genies zugange sind. Jagger ist keiner, der das Maul nicht aufbekommt, das kann man hören. Bei „I’m Left, You’re Right, She’s Gone“ klebt er noch an der Version von Elvis, aber bei „Beautiful Delilah“ oder Jimmy Reeds „Go On To School“ hat er schon alle Phrasierungen drauf, die wir von den ersten Stones-Platten kennen. In einem in seiner Biografie „Life“ abgedruckten Brief vom April ’63 feiert Richards seinen Kumpan als „... der größte R&B-Sänger auf dieser Atlantikseite, und das meine ich ernsthaft.“ Richards hat seine Chuck-Berry-Licks gut gelernt und müht sich redlich, sie an der richtigen Stelle loszuwerden, während das Schlagzeug öfters meilenweit neben dem Beat stolpert. Ganz klar, hier sind alle noch in der Ausbildung. Andererseits sollten wir nachsichtig sein, weil wir gar nicht wissen, wie oft jedes Stück vor der Aufnahme geübt wurde. Jagger bringt „Down The Road Apiece“ so vorsichtig und zahm, als sei er permanent bemüht, den auf ein Blatt Papier hingekritzelten Text des Songs zu entziffern.

 

Die Tonqualität der Aufnahmen hält sich in Grenzen. Musikalisch originell sind sie nicht. Ziel ist nicht, einen originären Sound zu schaffen, sondern möglichst exakt zu kopieren. Wer archaische, wilde Stones erwartet, kommt nicht auf seine Kosten. Man kann nicht einmal sagen, dass die Aufnahmen schwierig oder nur für viel Geld zu beschaffen sind. Trotzdem sind sie für Sammler von ungeheurem Wert. Es ist der Reiz des Proberaummitschnitts, der unsere Neugierde befriedigt. Das Tonband wird angeschaltet, weil die Musiker sich selbst anhören wollen, weil sie überprüfen wollen, wie authentisch sie klingen. Was sie aufnehmen, ist nichts Endgültiges, für niemand anderen bestimmt als für sie selbst, weil es voller Fehler, Schwächen ist. Es ist eigentlich verboten mitzuhören, an der Tür zu lauschen und deshalb umso verlockender.

 

Ihre letzten Spuren hinterlassen Little Boy Blue And The Blue Boys März, April 1962, als sie noch mal ein Demoband aufnehmen, mit dem sie Alexis Korner beeindrucken wollen, um an einen Auftritt im Ealing Club zu kommen. Jagger steigt einige Male bei Korners Blues Incorporated ein. Ab Mai gehen die Proben der ersten Stones-Formation los. Am 12. Juli sagt Alexis Korner einen gebuchten Gig im Marquee ab, die „Rollin’ Stones“ springen für ihn ein.

 

Das originale halbstündige Tonband mit 13 Stücken von Little Boy Blue And The Blue Boys wurde 1995 von Mick Jagger in einer Auktion bei Christie’s für 50.250 Pfund ersteigert. Eine Auswahl der Titel ist auf verschiedenen Bootleg-CDs erhältlich, eine komplette Sammlung ist bisher nicht erschienen. Einiges lässt sich über YouTube abrufen. (Titelliste und Infos zu den Veröffentlichungen bei Felix Aeppli: Werkkatalog, Solo Section, Jagger 1001A, Richards 3003.)

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Hardi (Samstag, 04 August 2012 09:57)

    50 Jahre Rolling Stones - 50 Jahre plattensüchtig

    ..und wer immer noch nicht alle Varianten der deutschen Pressungen hat, der schaue bitte hier:

    http://vinylstones.org

    oder die Varianten für den Schweizer Markt:

    http://www.vinylhound.ch/stonesSingles.html

    Hardi