Do

24

Dez

2015

Rock'n'Roll in Leitz-Ordnern

Für Rüdiger Bloemeke waren es goldene Zeiten, als er in den 90ern durch Hamburgs Secondhand-Plattenläden streifte und Beute machte. Dabei jagte der heute in der Lüneburger Heide lebende Sammler aber nicht nur nach Vinyl, sondern vor allem nach Papier – nach Flyern, Prospekten, Katalogen von Schallplattenfirmen. Material für sein Archiv, mit dem er die Musikindustrie im Deutschland der Nachkriegszeit dokumentiert. Material, aus dem inzwischen zahlreiche Bücher und journalistische Artikel entstanden sind.

 

Herr Bloemeke, Ihr Archiv startet mit dem Kriegsende 1945. Haben Sie auch einen Endpunkt definiert, bis zu dem Sie Material sammeln?

Schwerpunkt ist die populäre Musik der Schellack-Vinyl-Zeit. Aber natürlich interessiert mich auch die weitere Geschichte der Plattenfirmen – inklusive Fusionen.

 

Ein weites Spektrum, was die Musik dieser Jahre betrifft: von Rock’n’Roll bis Schlager, von Easy Listening bis Jazz.

Tatsächlich habe ich die ganze Bandbreite zusammengetragen, soweit mir das als Dokumentation sinnvoll erschien. Jazz war eins der vorrangigen Gebiete, weil der Jazz in den 40ern, 50ern und 60ern in der Bundesrepublik seine Blütezeit hatte.

 

Wie wurde das Interesse fürs Archivieren bei Ihnen geweckt?

Meinen Berufsbeginn hatte ich als Dokumentar im Bereich Kultur des „Spiegels“, im Spiegel-Archiv. Ich habe dort die nationale und internationale Presse ausgewertet und die Redaktion mit Material zur Vorbereitung von Artikeln versorgt. Aber die Initialzündung kam sehr viel früher. Für mein Magisterexamen an der Uni Hamburg beschäftigte ich mich mit englischer Renaissance-Literatur. Dafür ließ ich mir Mikrofilme von Dokumenten und Quellen des 16. Jahrhunderts aus dem British Museum kommen. Das brachte wertvolle Erkenntnisse.

 

Nach der Zeit beim „Spiegel“ wechselten Sie in den Journalismus und begannen damit, auch über Musik zu schreiben.

Nach dem „Spiegel“ war ich bei der „Hamburger Morgenpost“ und bei „Brigitte“ im Unterhaltungsressort, wo ich erste Kontakte zu Plattenfirmen hatte. 1974 erbte ich eine bescheidene Summe, kündigte und ging für zwei Monate in die USA. Der Plan war, mit Interviews und Reportagen zurückzukommen und mir so den Einstieg in den freien Journalismus zu erleichtern.

 

Welche Themen haben Sie in den USA recherchiert?

In erster Linie ging es mir um die Musikszenen in Nashville und New Orleans und um die aktuelle Filmproduktion in Hollywood. Interviews habe ich beispielsweise geführt mit: Chet Atkins; Billy Sherrill, Produzent und Songwriter; Countrysänger Roy Acuff und seinem Partner bei dem Musikverlag „Acuff Rose“, Wesley Rose; Grandpa Jones; Dr. John; Paul Anka; Walter Matthau; Kirk Douglas; Cybill Shepherd; Bruce Dern.

 

Wo wurden die Artikel, die aus der Reise entstanden, veröffentlicht?

Abnehmer waren unter anderem „Sounds“,, „Oldie-Markt“, „konkret“, das deutsche „Rolling Stone“, für dessen Nullnummer ich einen Bericht über ein katastrophales Konzert von Joe Cocker in Los Angeles schrieb oder das „Zeit Magazin“, das den Artikel „Nashville heute“ ankaufte, aber nicht veröffentlichte.

 

Sie haben in den USA aber auch Informationen für ein Buchprojekt gesammelt.

Für ein Lexikon der Country- und Folk-Musik. In Nashville habe ich an Material zusammengetragen, was ich kriegen konnte. Ich brachte auch eine Reihe von Zeitschriften aus den USA mit wie „Billboard“, „Rolling Stone“, „Crawdaddy“, „Country America“, „Country Song Roundup“, „Music City News“.

 

Die Anfänge des Archivs.

Angefangen hat es mit einem Abo des amerikanischen „Rolling Stone“. Doch aus heutiger Sicht muss ich das alles als bescheidene Anfänge bezeichnen. Für das Konzept des Lexikonprojekts war es aber mehr als genug.

 

Was wurde aus dem Projekt?

Ein Lektor hatte das Konzept beim Rowohlt-Verlag präsentiert und grünes Licht bekommen. Es wurde dann aber verschoben und nie weiter verfolgt.

 

Es dauerte bis in die 90er – Sie waren in der Redaktion der Zeitschrift „Vital“ wieder fest angestellt –, bis es den entscheidenden Schub für Ihr Archiv gab: Ihr 1996 erschienenes Buch „Roll Over Beethoven. Wie der Rock’n’Roll nach Deutschland kam“.

Die Idee dazu entstand durch das Plattensammeln und dabei durch die Beschäftigung mit den verschiedenen Labels und der Veröffentlichungspolitik der Plattenfirmen zwischen USA, England und Deutschland in den 50er und 60er Jahren. Da wichtige Plattenfirmen in Hamburg angesiedelt waren, gab es dort in Secondhand-Plattenläden und auf Flohmärkten häufiger auch Infomaterial der Labels. Was mir schon bald auffiel: Sowohl die Deutsche Grammophon als auch die Teldec hatten in den 50er Jahren und auch später im Pop nur seichte Unterhaltungsmusik und Middle of the Road im Fokus. Allenfalls Jazz, als so genannte anspruchsvolle Musik, hatte daneben noch eine Chance in der Bundesrepublik. Rock’n’Roll wurde als Schmuddelkind behandelt und galt als „Negermusik“. Diese Einstellung – die auch bei Philips und Electrola galt – entsprach den subjektiven Erfahrungen, die ich als Jugendlicher gemacht hatte, und ließ sich durch Berichte in den Medien der Zeit belegen. Dass die Zeit für „Roll Over Beethoven“ reif war, ahnte ich, weil die Single – auf der sich der Rock’n’Roll abgespielt hatte – vom Markt verschwand. Der Moment für einen Nachruf und einen Rückblick schien gekommen.

 

Wie lief die Arbeit an dem Buch ab?

Das beständige Sammeln begann Anfang der 90er. In Archiven – vor allem beim „Spiegel“, bei Gruner + Jahr und bei Springer – suchte ich Artikel zum Thema „Rock’n’Roll und Deutschland“ und in diesen Artikeln nach Personen, die ich zur Geschichte der Labels ansprechen konnte. Gleichzeitig versuchte ich, in Plattenfirmen Mitarbeiter aufzutreiben, die mir noch über die Vergangenheit Auskunft geben konnten. Letzteres war schwierig, weil die jung-dynamischen Chefs ältere Kollegen „entsorgt“ hatten – wie auch die firmeneigenen Archive. Ich bekam aber Kontakt zu einigen Pensionären, die mir Kataloge und anderes aufgehobenes Material zum Kopieren – oder ganz – überließen. Bei der Deutschen Grammophon konnte ich sogar das verbliebene Archiv einsehen.

 

Ihr besonderes Interesse galt der Teldec – weshalb?

Das Interesse entstand durch meine frühe Liebe für den Rock’n’Roll. Die London- und RCA-Platten von Fats Domino, Little Richard, Chuck Berry, Ray Charles, Elvis Presley, Don Gibson, Sam Cooke und anderen kamen alle von der Teldec. Bei meinen Recherchen stellte ich fest, dass von den Unterlagen der Firma – Nachfolger der Teldec wurde 1990 East West Records – kaum etwas übrig war. Das war eine Herausforderung. Andere Firmen wie die Deutsche Grammophon haben ihre Geschichte ausführlich dokumentiert. Aber die Teldec ist die Firma gewesen, die hauptsächlich die Musikrevolution aus den USA – wenn auch nicht gerade sehr willig – nach Deutschland brachte.

 

Welche Materialien haben Sie speziell zur Teldec zusammengetragen?

Beispielsweise Flyer, die an die Plattenläden gingen, aus dem Jahr 1953 über die Einführung der Single und der Füllschriftplatte bei der Teldec. Auch von 1953 eine Single der Teldec, auf der die Vorzüge der Single gegenüber der Schellackplatte hervorgehoben werden. Oder die „Klingende Post“ von 1956, auf der zum ersten Mal Elvis Presley – mit „Hound Dog“ – vorgestellt wird.

 

Sie haben auch direkt in Nortorf und Neumünster recherchiert, wo sich ein Presswerk und eine Druckerei der Teldec befanden.

Schon ab Ende der 80er Jahre. In Nortorf wurden von Telefunken – ab 1951 Teldec – von 1947 an Platten für die Bundesrepublik und große Teile des westlichen Europa gepresst. Von der Produktionsweise bis zu den Produktionszahlen habe ich versucht, möglichst viel nachträglich zu erfahren. Die Vinyl-Zeit war da schon vorbei. In Neumünster sitzt die Druckerei, die exklusiv für die Teldec die Etiketten gedruckt hat. Der Druckprozess mit dem Silber- und Goldaufdruck war sehr spezialisiert und einmalig.

 

Die Teldec war aber nicht die einzige Firma, auf die Sie sich konzentrierten.

Ich habe auch zu anderen Plattenfirmen jede Menge Material gesammelt: Deutsche Grammophon mit den Unterlabels Brunswick, Coral, Heliodor, Polydor, MGM, Verve; Philips mit Fontana, Mercury, Star-Club, twen; Electrola mit ABC, Mercury, Odeon. Sie verkörperten den US-Rock’n’Roll und englische Musik. Gesammelt habe ich alles, was die Übernahme dieser Musik in Deutschland betraf.

 

Womit wir bei der Frage wären: Wie haben Sie das zusammengetragene Material in Ihrem Archiv geordnet?

Grundstock ist ein alphabetisch geordnetes Personenarchiv mit Presseartikeln. Dazu kommt ein nach Sachgebieten geordnetes Archiv mit Presseartikeln. Außerdem Broschüren, Prospekte, Flyer mit Selbstdarstellungen von Plattenfirmen; Informations-Schallplatten von Labels; Interviews; Briefwechsel; Zeitschriften; Videos; ein Fotoarchiv; eine Musikbibliothek und einige Bücher und Zeitungsartikel zum Thema Plattensammeln und Sammeln generell.

 

Wo befindet sich das alles, wie haben Sie’s aufbewahrt?

Das Archiv habe ich in einem eigenen Raum im Keller. Schallplatten, Bücher und besondere Stücke stehen in einem Wohnraum. In Leitz-Ordnern archiviert ist das Material zu Personen, Labels oder übergeordneten Gebieten mit deren Unterkategorien – beispielsweise „Kultur und Gesellschaft der 50er Jahre“ mit Berichten zur Musik- und Rundfunklandschaft, über Artikel zum Thema Film und Kino, Darstellungen der Jugendkultur, Erwähnungen von Comics bis zu späteren Wertungen der Epoche. Was nicht in Ordner passt – sowohl inhaltlich als auch von der Größe her – oder ein gesondertes Gebiet ist, habe ich in Extra-Schubern oder in Schränken: Broschüren, Flyer, Prospekte, Kataloge, Info-Schallplatten, Fotos und Illustrationen, Briefwechsel und ähnliches. Da existiert kein weiteres System, alles steht Label für Label nebeneinander.

 

Wird das Archiv im Computer verwaltet?

Nein.

 

Handschriftliche oder getippte Listen?

Alles nur im Gedächtnis. Das kann immer mal längeres Suchen bedeuten.

 

Was beinhaltet das Personenarchiv?

50 Leitz-Ordner mit Presseartikeln zu Personen und Gruppen, rein alphabetisch gegliedert. Biografisches, Konzertberichte, Plattenkritiken, Porträts. Zum Teil auch Werbematerial der Labels. Persönliche Notizen zu den Menschen, wenn ich etwas recherchiert oder im Radio oder im Internet erfahren habe. Fotos habe ich gesondert archiviert. Die gesamte Musikszene nach 1945 ist vertreten, das heißt, was mich davon interessiert: amerikanische Musik, englische Musik, wenig aus Frankreich. Hinzu kommt die bundesdeutsche Schlagerproduktion, zu der ich ein eher kritisches Verhältnis habe.

 

Was heißt kritisches Verhältnis?

Der deutsche Schlager hat nach 1945 größtenteils die Verdummung fortgeschrieben, die Goebbels mit seiner Reichskulturkammer verordnet hatte. Anstatt an die originelle Berliner Musikszene vor den Nazis anzuknüpfen, setzten die Texter auf Schnulzen – Heimat-Heimweh-Heide-Försterhaus-Kitsch. Auch die kulturellen Einflüsse der Alliierten änderten daran nicht viel. Bis heute ist diese aus den 30er Jahren herrührende deutsche Schlagertradition ungebrochen.

 

Der Rock’n’Roll hatte es da anfangs also nicht einfach.

Aufschlussreich sind historische Artikel über Musiker, die die Ahnungslosigkeit oder Ablehnung in den Medien dokumentieren. Das ist besonders in den 50er und 60er Jahren beim Rock’n’Roll sehr ergiebig, beispielsweise wie Bill Haley, Elvis Presley, Jerry Lee Lewis, aber auch Louis Armstrong oder die Rolling Stones abgeurteilt wurden. Da kam die totale Beschränktheit der Nazi-Diktatur noch Jahre später zum Ausdruck. Demgegenüber stand die völlig unkritische Hochjubelei alles Deutschen, vor allem der Volksmusik und des Schlagers.

 

Einen weiteren Schwerpunkt bilden die nach Sachgebieten geordneten Presseartikel. Was kann man hier finden?

Schwerpunkte ergeben sich durch meine Interessens- oder Recherchegebiete: Plattenlabels, Blues, Jazz, Rock’n’Roll, Soul; eher am Rand stehen Volksmusik oder Schlager. Aber es gibt auch einen ganzen Ordner „ZDF-Hitparade“. In den 30 Leitz-Ordnern sind verwandte Gebiete eines Oberbegriffs als einzelne Sektionen aufgeteilt. Zum Beispiel bei Schallplatten: Schellack, LP, Single, CD. Bei Phonogeräte: Plattenspieler, Tefifon, Tonbandgeräte, CD-Spieler, Jukeboxes. Dazu kommen Musikstile wie Country, Bluegrass, Western Swing, Rockabilly. Es gibt aber auch rein zeitbezogene Abteilungen – 50er Jahre, 60er Jahre und so weiter – mit Material, das die gesellschaftliche Entwicklung dieser Jahrzehnte – vor allem unter kulturellen Aspekten – beleuchtet.

 

Was sind die spannendsten Stücke aus dem Sacharchiv?

Besonders interessant sind Selbstdarstellungen von Akteuren der Musikindustrie oder Interviews mit ihnen. Erschreckend, wie wenig Wesentliches oder Sinnvolles sie oft zu dem Gegenstand ihres Geschäfts – der Musik – zu sagen hatten. Etwa die Teldec-Mitarbeiter, die für die Zeitschrift „die Schallplatte“ ohne jedes Hintergrundwissen über Musiker oder Platten aus England und den USA schrieben. Da heißt es beispielsweise 1958 über Elvis Presleys „Jailhouse Rock“: „Das ist voll von Rhythmus und Leben. Das hat eine aufpeitschende Atmosphäre in Melodie und Gitarrenbegeleitung.“ Auf welchen Rock’n’Roll hätte man das nicht münzen können? Mit Little Richard konnte man 1957 bei der „Schallplatte“ gar nichts anfangen. Man verwechselte ihn mit Cliff Richard und wusste nicht, dass „Tutti Frutti“ und „Long Tall Sally“ seine selbst geschriebenen Originalaufnahmen waren. Zitat: „Wenn man so eine starke Persönlichkeit ist wie der kleine Richard, dann kann man es sich auch leisten, auch so bekannte Rock’n’Roll-Evergreens wie ’Tutti Frutti’ und ’Long Tall Sally’ aufzugreifen.“ Der Autor kannte wohl nur die von der Teldec veröffentlichten Coverversionen dieser Stücke von Pat Boone und Elvis Presley.

 

Basis für die Sammlung der Presseartikel sind sicher die archivierten Zeitschriften. Welche sind hier hervorzuheben?

„Billboard“, die US-Ausgaben des „Rolling Stone“, „Country Corner“, „Sounds“, „die Schallplatte“, „Star Revue“, „Bravo“, „twen“, „Spiegel“, „konkret“, „Time Magazine“, „Life“. Es sind aber keine kompletten Jahrgänge. Vieles habe ich nach wichtigen Artikeln durchgesehen und allein diese dann aufgehoben. Manches gibt’s auch nur in Kopie, zum Beispiel den „Melody Maker“ von 1954 bis 1959. Neben den Zeitschriften habe ich auch jahrelang die überregionalen deutschen Tageszeitungen ausgewertet, außerdem den „New Yorker“, „USA Today“ und die „Sunday Times“. Das alles ist natürlich ein Platzproblem. Vor dem Umzug in die Lüneburger Heide habe ich die „Billboard“-Hefte ausgewertet und alles, was mir nicht wirklich wichtig war, in den Altpapier-Container gebracht. Das gilt auch für den „Spiegel“, den ich von 1970 an bis in die 90er Jahre aufgehoben hatte. Schließlich gibt’s den „Spiegel“ im Internet. Das heißt aber nicht, dass das Internet ein eigenes Archiv überflüssig macht. Denn im Internet findet man ja nur, was ins Internet gestellt wurde.

 

Wie wichtig sind Interviews in Ihrem Archiv?

Ich habe viele Tonbandkassetten voll mit Interviews; einige Mitschriften, die ich nachträglich mit der Maschine abgetippt habe; E-Mail-Interviews habe ich auf CDs gespeichert. Für mich von großer Bedeutung waren die Gespräche mit Dr. Dietrich Schulz-Köhn – auch als Radiomoderator „Dr. Jazz“ bekannt –, die ich für das Buch „Roll Over Beethoven“ über die Nachkriegsmusikindustrie geführt habe. Er arbeitete seit der Vorkriegszeit für die Branche und hatte selbst ein umfangreiches Archiv. In den 50ern war er zeitweise bei der Deutschen Grammophon für das Brunswick-Repertoire verantwortlich. Einen hohen persönlichen Wert haben auch die Gespräche und E-Mails mit dem Musiker und Songwriter Don Robertson, dessen Bedeutung ich für die Bear-Family-Records-CD „Songs For Elvis“ recherchiert habe. Ich kannte seine Platten seit den 50er Jahren, aber auch die Lieder, die er für Elvis Presley geschrieben hatte. Sein Klavierstil hat die Country-Musik bis heute beeinflusst.

 

Sie besitzen auch ein Originaldemo von Don Robertson.

Eines von vielen, die von einer Musikfirma für den Müll aussortiert waren, wo sie ein Freund von mir zufällig entdeckte. Es handelt sich um Demos, die Don Robertson von Ende der 50er bis Mitte der 60er für den Musikverlag Hill and Range aufgenommen hat. Am interessantesten sind die Vorlagen für Elvis, zum Beispiel „I’m Counting On You“, „Anything That’s Part Of You“, „I Met Her Today“, „They Remind Me Too Much Of You“, „There’s Always Me“, „Love Me Tonight“. Aber auch Hits für andere waren dabei: „Hummingbird“ für Les Paul und Mary Ford oder für Frankie Laine, „Not One Minute More“ für Della Reese, „I’ve Come To Say Goodbye“ für Jerry Lee Lewis. Robertsons Klavierstil ist auf den Demos sehr schön zu hören. Das war für mich auf Elvis Presleys Aufnahme von „Anything That’s Part Of You“ mit Floyd Cramer am Piano in den 60ern eine Offenbarung. Dieses Demo – ein einseitig gepresstes 25-cm-Acetat, das mit 78 Umdrehungen abgespielt wird – besitze ich jetzt. Das Stück ist wie die anderen alle auf der Bear-Family-Records-CD zu hören.

 

Sie bewahren auch etliche Briefwechsel in Ihrem Archiv auf.

Ja, für meine verschiedenen Bücher habe ich Zeitzeugen angeschrieben und eigentlich immer Antwort bekommen. Zum Beispiel von dem Konzertveranstalter Kurt Collien, der die Bill-Haley-Tournee 1958 mitveranstaltet hatte. Seine Erinnerungen hat er mir lebhaft beschrieben. Kurt Collien glaubte, die damaligen Krawalle bei der Tour seien von Ost-Berlin gesteuert gewesen. Er veranstaltete später auch den Hamburger Teil der Bravo-Beatles-Tournee. Mit dabei: der damalige Innensenator Helmut Schmidt, der für den Polizeieinsatz politisch verantwortlich war. Der vertraute Collien an, er sehe den Umgang mit den aufmüpfigen Jugendlichen „als Generalprobe für Dinge, die noch kommen würden“. Oder ein Briefwechsel mit Eduard Rhein.

 

Dem Entwickler des so genannten „Füllschriftverfahrens“, bei dem die Rillenflanken einer Schallplatte enger geschnitten werden, was deren Spieldauer verlängert.

Seit meiner Jugend kannte ich den Hinweis „Füllschrift – Geschnitten nach dem Rhein’schen Verfahren“ auf meinen Rock’n’Roll-EPs der Teldec. Den Zusammenhang aufzuklären war eine Recherche für „Roll Over Beethoven“. Mein Beitrag war die persönliche Geschichte Rheins: Wie kam er dazu, sich mit der technischen Entwicklung von Schallplatten zu beschäftigen? Wie hat er seine Erfindung gemacht? Wie hat er sie der Plattenindustrie präsentiert?

 

Wann war das?

Das war 1990. Er lebte in Cannes, ich in Hamburg.

 

Kamen Sie durch solche persönlichen Kontakte auch an Dokumente für Ihr Archiv?

Es waren Glücksfälle, wenn mir Interviewpartner wie Dr. Schulz-Köhn Fotos von Louis Armstrong in Deutschland oder Dokumente überließen. Die Journalistin Eva Windmöller schenkte mir Duplikate ihrer Fotos von Elvis in Deutschland. Sie war die Reporterin, die ihn bei seiner Ankunft in Bremerhaven begrüßte und dann später interviewte.

 

Was haben Sie auf Flohmärkten gefunden?

Von den 90er Jahren bis in die frühen 2000er Jahre waren Flohmärkte noch ergiebig. Gefunden habe ich zum Beispiel eine Capitol 10-Inch von „Rhapsody In Blue“ mit dem Orchester Paul Whiteman aus den frühen 50er Jahren in einem typographisch gestalteten Firmencover, auf dem gedruckt steht, man könne eine „Kunstdruck-Bildertasche“ – das heißt ein Bildcover – in Nortorf bei der Teldec bestellen. Oder ein Fotoalbum von Philips aus den frühen 50er Jahren mit Fotos von einer PR-Bustour der Firma durch die Bundesrepublik. Das ist heute unvorstellbar. Ein Riesenbus mit Anhänger fuhr 1951 von Stadt zu Stadt. Ein erster Bus war schon 1949 nach der Währungsreform unterwegs gewesen. In den lokalen Zeitungen wurden die Orte und Termine angekündigt. Im Bus wurde die ganze Produktpalette von Philips präsentiert: Rasierer, Radios, Fernsehgeräte, Schellackplatten. Das Fotoalbum hat Philips für Geschäftspartner zusammengestellt.

 

Wo haben Sie noch Funde gemacht?

Secondhand-Plattenläden waren in den 90ern für mich die Hauptfundgrube. Gedrucktes spielte in diesen Läden für die Besitzer nicht so eine große Rolle. Aber auch in Buchantiquariaten war es möglich, etwas zu entdecken. In einem Hamburger Antiquariat habe ich den RCA-Katalog aus den USA gefunden, in dem 1949 die ersten Singles – eine Erfindung der RCA – vorgestellt wurden. Außerdem versorgen mich Freunde manchmal mit Material, das sie entdeckt haben.

 

Wo lohnt heutzutage die Suche?

Bei eBay taucht immer wieder etwas auf. Allerdings muss man sich mit unrealistischen Preisvorstellungen auseinandersetzen. Oft spielt der Zufall eine Rolle, wenn man im Gespräch hört, dass jemand auf „altem Zeug“ sitzt. Was ich nicht mache, aber was auch Ergebnisse bringen kann, ist, Suchanzeigen aufzugeben.

 

Was steht auf Ihrer Suchliste?

Frühe Kataloge, zum Beispiel einer mit Platten der Firma London von 1956. Ist bisher noch nicht aufgetaucht. Es ist nicht so, dass ich noch spezielle Dinge im Fokus habe, die mir fehlen. Aber wenn etwas auftaucht, das mein Archiv ergänzt, bemühe ich mich darum.

 

Ihr umfangreiches Archiv war nie Selbstzweck. Neben „Roll Over Beethoven“ konnten Sie auch bei weiteren Veröffentlichungen davon profitieren.

Für das bei Bear Family erschienene und von mir, Heinz-Günther Hartig – dem Herausgeber des „Rock’n’Roll Musikmagazins“ –, und zwei weiteren Autoren verfasste „London-Label-Lexikon“ konnte ich das Material für die Einleitung nutzen, das heißt für die Teldec-Geschichte und die zeitgeschichtliche Einordnung der deutschen London-Platten; natürlich auch für die Musikerporträts. Ebenso für die in meinem eigenen Voodoo Verlag veröffentlichten Bücher „La Paloma – Das Jahrhundert-Lied“ und „Live In Germany“ mit Geschichten über Live-Auftritte amerikanischer und englischer Interpreten in Deutschland war es hilfreich. Oder für „John Fogerty und das Drama Creedence Clearwater Revival“, das ich mit meinem Sohn Mark geschrieben habe, und das Buch „Songs For Everyone“, das Mark über John Fogerty geschrieben hat. Über CCR und Fogerty hatte ich schon früh für meinen Sohn eine Sammlung angelegt, der seit seiner Kindheit Fan ist. Zu den Buchveröffentlichungen kommen noch Radiosendungen, Beiträge für die Magazine „GoodTimes“ und „Golden Boy Elvis“ und Leihgaben für die Ausstellungen „The Hamburg Sound“ in Hamburg und „Elvis in Deutschland“ im Haus der Geschichte in Bonn.

 

Sammeln Sie heute auch noch Schallplatten?

In Grenzen. Nach wie vor steht bei mir amerikanische Musik im Vordergrund, hauptsächlich 50er bis 70er Jahre – Rock, Soul, Country. Wenn ich da etwas Interessantes sehe ...

 

Rüdiger Bloemekes Buch „Roll Over Beethoven“ ist antiquarisch erhältlich. Das „London-Label-Lexikon“ über Bear Family Records; ein Interview über das Buch mit dem Mitautor Heinz-Günther Hartig findet sich hier. Die im Eigenverlag erschienenen Bücher von Rüdiger und Mark Bloemeke sind über den Voodoo Verlag zu beziehen. Bei „Spiegel Online“ veröffentliche Artikel von Rüdiger Bloemeke gibt’s hier.

 

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So

11

Okt

2015

Black Canyon – Faszination Vinyl

Wenn ein ernst zu nehmender Plattensammler keine Zeit hat, sich auf einer Plattenbörse herumzutreiben oder zu Hause seine Regale zu sortieren oder seine Platten zu reinigen oder seine Platten wenigstens zu hören – dann schaut er sich vielleicht gerade eine DVD an. Beispielsweise „Black Canyon – Faszination Vinyl“. Eine wunderbare Doku mit „Geschichten von Menschen, die mit und von Vinyl leben“, so Initiator, Autor und Regisseur Frank Lechtenberg.

 

Herr Lechtenberg, in Ihrem Leben spielen Musik und Medien eine wichtige Rolle: Sie sind Professor für Crossmedia-Journalismus an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe in Lemgo, Chefredakteur des Hi-Fi-Magazins „HiFi-Stars“, Radiomacher für den NDR und ByteFM und machen auch selbst Musik. Jetzt haben Sie einen Film über Vinyl gedreht – wie entstand die Idee dazu?

Die Idee kam von mir, Februar 2013. Ich war auf dem Weg zu unserer norwegischen Partnerhochschule in Volda, in der es den Studiengang Dokumentarfilm gibt. Auf dem Flug hatte ich mir „Last Shop Standing“ angesehen, eine Dokumentation über die letzten britischen Plattenläden. Diesen Film fand ich sehr inspirierend, zumal viele meiner musikalischen Vorbilder wie Johnny Marr oder Billy Bragg mitwirken. In Norwegen habe ich dann mit einem dortigen Kollegen darüber gesprochen, ob wir für einen Film zum Thema Vinyl zusammenarbeiten könnten – er sagte zu. Gleichzeitig hatte ich schon mein späteres Team kontaktiert und gefragt. Alle waren sofort mit dabei.

 

Das Team sind Dominik Junker, Michael Tillmann und Jürgen Backhaus, drei Studenten Ihrer Hochschule, die für Kamera, Ton und Produktion zuständig waren und den Film zum Abschlussprojekt ihres Studiums machten. Zunächst brauchten Sie aber ein Drehbuch.

Es gab vor Drehbeginn ein sehr gut ausgearbeitetes Manuskript, an dem wir etwa drei Monate gearbeitet haben. Das beinhaltete sowohl Drehorte als auch Einstellungen und Ideen für die Audio-Ebene. Es war auch sehr gut, die Bildideen vorab zu formulieren. So konnten wir unsere Interviewpartner schnell davon überzeugen, dass wir keine Anfänger sind. Wir haben dann zum Record Store Day im April 2013 angefangen und rund fünf Monate lang gedreht. Die Postproduktion begann parallel zum Dreh und hat nochmals drei bis vier Monate in Anspruch genommen. Im Dezember 2013 war Premiere in Bielefeld. Die DVD erschien im April 2014.

 

Wie wurde der Film finanziert?

Rund 95 Prozent durch Crowdfunding; es kamen noch ein paar Euro durch kleinere Förderungen hinzu.

 

In „Black Canyon“ reisen Sie durch Deutschland, Norwegen, England und begegnen dabei den verschiedensten Protagonisten, die aber alle eines gemeinsam haben: die Liebe zur Vinylschallplatte. Wer macht in dem Film mit und wie kam die Auswahl zustande?

Helmut Brinkmann ist Hersteller hochwertiger Audio-Elektronik; neben Plattenspielern hat er auch diverse Verstärker im Angebot. Ihn kannte ich schon aus der Hi-Fi-Szene und wir haben Kontakt seit Jahrzehnten. Der Kontakt zu Rainer Horstmann kam über die Analogue Audio Association. Er ist ein echter Fan des Mediums Vinyl und hat einen High-End-Plattenspieler selbst entwickelt. Er beschäftigt sich vor allem mit der Frage, wie man den Antrieb des Plattentellers möglichst kraftvoll und störungsfrei umsetzen kann. Bela B., Schlagzeuger und Sänger der Ärzte, haben wir in seinen Hamburger Lieblingsplattenladen begleitet. Ihn habe ich durch seine Managerin überzeugen können. Ich kenne sie über meinen Freund Wayne Jackson, der eine Bela-B.-Platte produziert hat und Mitglied seiner Band war. Blank & Jones – Kölner Produzenten- und DJ-Duo – und Frank Goosen habe ich bei der jeweiligen Agentur angefragt. Frank Goosen wurde mal „der deutsche Nick Hornby“ genannt, weil er in seinen Büchern zahlreiche Anspielungen auf Platten und Plattenläden macht, vor allem in „Liegen lernen“. Rembert Stiewe von der Plattenfirma Glitterhouse Records hatte ich während meiner Zeit als Journalist kennen gelernt. Etwas schwieriger war es, ein Interview mit Jan Erik Kongshaug zu bekommen. Er ist Toningenieur und Besitzer des Rainbow Studios in Oslo, das vor allem durch seine Jazzaufnahmen für die Labels ECM und Ozella bekannt geworden ist. Geholfen hat mir dabei Dagobert Böhm, der Chef von Ozella Records.

 

Nicht zu vergessen: Sie haben im Presswerk Pallas und in Plattenläden in Berlin, Oslo, London gedreht. Zusätzlich gibt’s auf der DVD auch noch Bonusmaterial.

Der reguläre Film dauert 47:20. Im Bonusmaterial sehen wir das Ritual „Platten waschen“ mit einem Sammler und ehemaligen Händler, der Tausende Platten besitzt und dazu eine hochwertige Plattenwaschmaschine. Hinzu kommt noch ein Interview mit Siegfried Amft von der Firma T+A.

 

Jetzt – nach Fertigstellung – fehlt Ihnen etwas im Film?

Ich würde eventuell noch in ein Masteringstudio gehen.

 

Zu einem Film über Vinyl gehört natürlich die Frage, was besser klingt: Vinyl oder CD. Jan Erik Kongshaug vom Rainbow Studio hat Ihnen dazu eine Antwort gegeben.

Er hat klar gemacht hat, dass eine sorgfältige Aufnahme sowohl auf Vinyl als auch auf CD gut klingt und er in seinem Studio nicht für jedes Medium ein unterschiedliches Master anfertigen muss. Allerdings sieht er den Bedarf für verschiedene Master im Normalfall schon, denn viele Digitalproduktionen haben seines Erachtens auf Vinyl technische Probleme, etwa bezüglich Phase oder Amplitude.

 

Wie ist Ihre Antwort?

Wenn die Musik gut ist, dann kann das Medium Vinyl bei der „Verkostung“ noch das i-Tüpfelchen setzen. HiRes-Downloads haben auch etwas für sich, vor allem im Jazz mag ich das. CD ist ebenfalls völlig in Ordnung, lediglich Datenraten von 256 kbps und weniger strengen mich ein wenig an.

 

Was macht für Sie den Reiz von Vinyl aus?

Der Album-Gedanke und das Artwork. Ich sitze dann tatsächlich die 20 Minuten pro Plattenseite vor der Anlage, nehme mir das Cover in die Hand, blättere gegebenenfalls im schön gestalteten Beibuch – Booklet klingt zu klein – und kann wirklich entspannen. Und es ist ein Gewinn, ein gut zusammengestelltes Album auch in der korrekten Reihenfolge der Stücke genießen zu können.

 

Und was steht in Ihren Plattenregalen?

Ich nutze Musik auf allen Medien. Gezählt habe ich die Platten in letzter Zeit nicht. Ich tippe mal auf schlanke 500 bis 600 Vinyls, knapp 2000 CDs und einige HiRes-Audios auf Festplatte. Mein Musikgeschmack ist in den 80er Jahren von Bands wie The Smiths, The Cure, Lloyd Cole And The Commotions, Depeche Mode, New Order oder Big Country beeinflusst worden. Heute höre ich aber auch gerne Steven Wilson, Martin Tingvall, Helge Lien, Elbow, Beach House, Tim Bowness, BirdPen oder Archive.

 

Die drei Studenten aus dem Filmteam sind altersmäßig eher mit Downloads aufgewachsen. Hören und kaufen die auch Vinyl?

Vinyl eher selten, aber Musikhörer sind sie natürlich auch.

 

Möchten Sie mit dem Film Digitalhörer zum Vinyl bekehren?

Bekehren wollen wir niemanden, aber vielleicht auf den Geschmack bringen.

 

Eine ketzerische Frage zuletzt: Woher kommt die Musik, mit der „Black Canyon“ unterlegt ist: von Vinyl oder digital?

Ganz ehrlich? Digital. Der Film liegt in der Endfassung ausschließlich digital vor und wird über digitale Abspielgeräte angeschaut. Hier einen Umweg über die Digitalisierung der entsprechenden Vinyl-Tracks zu gehen, erschien uns wenig sinnvoll. Und ich glaube, ein knisternder Soundtrack in so einer Doku mag auf den einen oder anderen Zuschauer auch anbiedernd wirken.



Einen Ausschnitt aus dem Dreh bei der Plattenfirma Glitterhouse Records gibt’s hier.


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So

26

Jul

2015

C30 C60 C90 Go!

Am 17. Oktober ist Cassette Store Day. Richtig gelesen: nicht Record Store Day, sondern Cassette Store Day. Die Kompaktkassette gilt nämlich wieder als cool – ein bisschen zumindest. Da lohnt es doch, ein altes Radiointerview auszugraben, in dem Medienjournalist Reginald Rudorf 1977 den Tod der Schallplatte prophezeit hatte – weil die MC der Tonträger der Zukunft sei.

 

1977, das war das Jahr, in dem „100 Jahre Erfindung des Tonträgers“ gefeiert wurden. 100 Jahre nachdem Thomas Alva Edison die erste Schallaufzeichnung gelungen war. Der Titel des knapp 25-minütigen Gesprächs im Österreichischen Rundfunk „100 Jahre Schallplatte. Der Tod der Schallplatte durch die Kassette?“ war insofern nicht korrekt gewählt. Die Schallplatte – 1887 von Emil Berliner erfunden – war damals erst 90 Jahre alt. Die Gesprächspartner: Ernst Grissemann vom ORF und Reginald Rudorf (1929-2008), deutscher Journalist, Gründer des Medieninformationsdienstes „rundy“, Mitautor eines Schmähbuches über Dieter Bohlen und – wenigstens in diesem Radiobeitrag – mit missionarischem Eifer Kassettenfürsprecher.

 

Natürlich war Rudorf damals nicht alleine mit seiner Begeisterung. Die Kompaktkassette verbreitete sich in den 70ern rasant. Mixtapes waren in, Schallplatten kaufen wurde überflüssig, die MC lief zu Hause, im Auto, auf dem tragbaren Kassettenrekorder, ab 1979 im Walkman. Laut Rudorf überholten 1976 die Umsätze für bespielte und unbespielte Kassetten die der Schallplatte. Für 1977 prognostizierte er eine Fortsetzung des Trends mit einem Umsatzplus von 20 bis 50 Prozent. Die Kassette habe sich am Markt als „der bessere Tonträger“ durchgesetzt. Sie sei „total unempfindlich“, während die Schallplatte verschleiße. Noch besser: Man könne das Band löschen, neu aufnehmen, sei damit sein eigener Schallplattenproduzent. Ein „demokratischer Tonträger“ mit dem man machen könne, was man will. Nach den „jüngsten Tests der drei Marktführer“ könne man dolbyisierte Chromdioxydbänder sogar „unbeschränkt“ löschen und neu bespielen.

 

Bei Teenagern und angehenden Twens bestehe das Marktpotenzial darin, dass systematisch Leerkassetten gekauft und Langspielplatten oder bespielte Musikkassetten darauf kopiert würden. Kassettenkopiergeräte könne man schon für wenige Tausend Mark kaufen und damit einen kleinen Gewerbebetrieb eröffnen, „zumal das von den Behörden kaum geahndet wird“. Nun erkennt Rudorf ebenso, wohin die ganze Freiheit führen kann. Die Leerkassette sei urheberrechtlich nicht geschützt. Komponisten, Textautoren, Interpreten, Musikverlegern entgehe eine Menge Geld durch die kostenlose Verbreitung ihrer Musik. Das sei nur durch eine Abgabe auf Leerkassetten zu ändern. Schließlich sei es der Verbraucher selbst, der sich durch die Leerkassette schädige: „Wenn die schöpferischen Kräfte der Musikindustrie nichts verdienen, wird die Musik immer ärmlicher und dümmlicher und alles wird eine Massenfließbandware.“ Dass den Plattenfirmen durch das Kopieren ebenso beträchtliche Einnahmen entgehen, findet Rudorf übrigens nicht erwähnenswert.

 

Für ihn ist die Schallplatte eh am Aussterben. Das bekommt auch eine zugeschaltete Hörerin zu spüren, die gar nicht so gut auf die Kassette zu sprechen ist. Denn die erreiche bei Weitem nicht die Tonqualität einer Schallplatte, zu wenig Höhen, zu wenig Tiefen, okay für Unterhaltungsmusik, Schlager, aber nicht für E-Musik. Entscheidend sei natürlich ein hochwertiges Abspielgerät, so Reginald Rudorf, der ein solches nicht bei der Dame vermutet. Ansonsten: „Die modernen Chromdioxydbänder bringen alle Frequenzen, die für Sie hörbar sind, gnädige Frau.“

 

Und wann werde es der Schallplatte endgültig an den Kragen gehen, fragt der Interviewer noch. Rudorfs ziemlich treffsichere Antwort: „1985 wird die Schallplatte ein begehrtes Objekt von Museen sein.“ Eine „Laserstrahlkassette“ werde die Musikkassette dann auf das Niveau des elektronischen Zeitalters bringen. Auch diese Vorhersage war nur knapp daneben – Laserstrahl ja, Kassette nein.

 

Auch wenn der gute Herr Rudorf 38 Jahre später eingestehen müsste, dass die Schallplatte doch den längeren Atem hatte – sein unerschütterlicher Glaube an das neue Medium Kassette und sein Lästern über die „Schallplattenbosse“, die mal wieder den Trend verkannt hätten, sind als Zeitdokument so aufschlussreich wie amüsant und hier nachzuhören.

 

Dass die MC jetzt tatsächlich ein Revival wie das Vinyl erlebt – das ja auch nur ein winziges Revival ist – sollte man nicht erwarten. Trotz Cassette Store Day, der sinnigerweise in Record Stores begangen wird. Trotz unzähligen Labels, die auf Kassetten setzen. Trotz Metallica, die ein altes Demo-Tape von 1982 jetzt neu veröffentlicht haben – auf Tape. Trotz Vinyl Junkie Thurston Moore von Sonic Youth, der behauptet nur noch Kassetten zu hören. Sogar trotz Bow Wow Wow, deren „C30 C60 C90 Go!“ von 1980 immer noch ein perfektes Kampflied fürs Home Taping hergibt: „A bit bam-boogie and a booga-rooga – My cassette’s just like a bazooka.“

 

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Mo

13

Apr

2015

Das London-Label-Lexikon

Es gibt wenige Plattenlabel, die eine so magische Ausstrahlung besitzen, dass Sammler sich jede einzelne ihrer Veröffentlichungen ins Regal stellen wollen. Für Heinz-Günther Hartig gehört das deutsche London-Label zu diesen besonderen Labels. Vor allem, weil es eine der Hauptquellen war, aus der sich die deutsche Jugend in den 50er und 60er Jahren mit echter Rock’n’Roll-Musik versorgen konnte. Jetzt hat Heinz-Günther Hartig – Herausgeber des „Rock’n’Roll Musikmagazins“ – zusammen mit drei weiteren Autoren die ultimative Sammlerbibel zu diesem Thema geschrieben: das „London-Label-Lexikon“.

 

Zum Einstieg, Herr Hartig: Können Sie kurz die Entstehungsgeschichte des deutschen London-Labels skizzieren?

Die englische Decca Gramophone Company gründete 1934 eine Zweigfirma in den USA. Kriegsbedingt wurde diese 1939 verkauft. US-Decca baute dann mit US-Künstlern ein eigenes Repertoire auf. Als die britische Decca nach dem Krieg 1947 wieder auf den US-Markt wollte, konnte sie den Namen Decca nicht mehr verwenden. So gründete sie 1947 London Records. Fortan kamen in England produzierte Decca-Platten in den USA auf London heraus, bekanntestes Beispiel dürften die Rolling Stones sein. Im Gegenzug sammelten die US-London-Mitarbeiter Lizenzen von kleinen unabhängigen US-Labels und brachten diese in England auf dem englischen London-Label heraus. Hiervon profitierten ab 1954 auch deutsche Käufer, als die ersten Schallplatten auf dem zur Teldec – der Schwesterfirma der britischen Decca – gehörenden deutschen London-Label erschienen. Das Label existierte bis 1974. 1980 ging die Marke London an die Polygram und über weitere Stationen an Warner Music.

 

London Records fungierte also nur als Vertrieb für andere US-Label? Oder hatte London auch selbst Interpreten unter Vertrag?

London war in der Tat nur Vertriebslabel. Allerdings haben einige US-Künstler wie Pat Boone, Marcie Blaine oder Roy Orbison speziell für Deutschland produzierte Platten auch in deutscher Sprache veröffentlicht.

 

Die bekanntesten Namen bei London?

Jerry Lee Lewis von Sun Records, Billy Vaughn und Pat Boone von Dot Records, Little Richard von Specialty, die Everly Brothers von Cadence, Fats Domino und Ricky Nelson von Imperial.

 

Auf welchen Labels kamen die anderen großen Rock’n’Roll-Interpreten heraus?

Elvis Presley erschien auf dem ebenfalls zur Teldec gehörenden RCA-Label, Bill Haley auf Brunswick, Buddy Holly auf Coral, das wie Brunswick zur Deutschen Grammophon Gesellschaft gehörte, und Gene Vincent und Wanda Jackson erschienen auf Capitol, das zur Electrola gehörte. Zu Bill Haley muss man ergänzen, dass sein Frühwerk in den USA auf Essex, bei uns auf London erschien. Seine Hits wurden in den USA auf US-Decca, hierzulande auf Brunswick veröffentlicht.

 

Die einflussreichste Zeit des London-Labels war Mitte 50er bis Mitte 60er, also die Zeit des Rock’n’Roll. Heißt das, mit dem Aufkommen des Beat wurden britische Label wichtiger?

Ja, zum einen gab es im Gegensatz zur „British Invasion“ in den USA nur wenige Beatbands, die London in Deutschland hätte veröffentlichen können, zum anderen hatten sich neue Vertriebswege ergeben oder durch Aufkäufe andere Zuständigkeiten. So war zum Beispiel Imperial an Liberty verkauft worden, das hierzulande zur Electrola gehörte. Fortan erschienen ehemalige London-Interpreten wie Fats Domino, Ricky Nelson oder The Ventures auf dem deutschen Liberty-Label.

 

London steht aber nicht nur für Rock’n’Roll.

Mengenmäßig war Easy Listening mit den Orchestern von Billy Vaughn, Edmudo Ros, Bob Moore, Roger Williams oder Lawrence Welk und mit Künstlern wie The Clark Sisters, The Chordettes, Fontane Sisters et cetera ebenfalls stark vertreten. Die Grenzen sind sehr oft fließend. Was für den einen noch Rock’n’Roll ist, ist für andere Easy Listening. Außerdem muss man einen Großteil der Platten wohl schlichtweg unter Pop einordnen.

 

Wie viele Platten veröffentlichte London insgesamt?

Zwischen 1954 und 1974 erschienen rund 900 Singles, rund 85 EPs, von den 25-cm-LPs rund 80, von den 30-cm-LPs rund 230. Diese Zahlen sind etwas vage, da es spezielle Pressungen für Buchclubs gab, von denen uns aber keine exakten Zahlen vorliegen. Es sind keinesfalls weniger, eher mehr. Außerdem wissen wir von einigen Labelnummern nicht, ob die Platten tatsächlich erschienen sind.

 

Wie entstand die Idee, ein Buch über das London-Label zu machen?

Die Idee entstand bereits Ende der 70er Jahre. Werner Voss – der mit der NDR-Radiosendung „Rock’n’Roll Museum“ bekannt wurde –, Wilfried Burtke – Mitbegründer des „Rock’n’Roll Musikmagazin“ und später Macher des Schallplattenversands „Wilburt’s Records“ – und ich hatten schon etliche London-Singles in unseren Sammlungen, aber keiner hatte einen Überblick über die gesamten Veröffentlichungen. Man tauschte Listen aus, schrieb die Teldec an und bat um Ergänzungen. Da andere Sammler das gleiche Problem hatten, entstand die Idee, ein Buch zu machen, das möglichst alle Veröffentlichungen und viele Abbildungen enthalten sollte.

 

Dazu kam es aber erstmal doch nicht. Außer Ihnen sind die Autoren des aktuellen Buches nun andere.

Das Thema war nie weg, aber erst vor zirka drei Jahren wurde das Projekt von Ulrich Schlieck wieder angeschoben. Ulrich Schlieck hat sich vor allem auf das Sammeln von Singles mit Bildhüllen spezialisiert und schreibt für das „Rock’n’Roll Musikmagazin“ seit vielen Jahren die Serie „Exoten auf 45“, in der er seltene Singles und EPs vorstellt. Die anderen Autoren: Richard Weize, er ist der Kopf von „Bear Family Records“, weltweit führend in der Wiederveröffentlichung von Künstlern und Künstlerinnen der 50er Jahre und darüberhinaus. Rüdiger Bloemeke ist Journalist und hat unter anderem das Buch „Wie der Rock’n’Roll nach Deutschland kam“ veröffentlicht.

 

Platten sammeln sie alle vier, aber speziell das deutsche London-Label nur Sie.

Das stimmt, London spielt in deren Sammlungen eine eher untergeordnete Rolle. Während ich den Titel „The Fool“ von Sanford Clark unbedingt auf dem deutschen London-Label haben musste, war anderen die gleiche Aufnahme auf dem US-Label Dot Records völlig ausreichend, oder es reichte sogar eine Wiederveröffentlichung auf CD.

 

Die Arbeit an dem Buch lief über drei Jahre. Wie waren die Aufgaben verteilt?

Von mir stammen die ursprüngliche London-Liste von Singles, EPs und LPs sowie Texte zur Geschichte des Labels. Ulrich Schlieck hat Cover gesammelt und einen Rohentwurf für das Buch fertiggestellt. Rüdiger Bloemeke hat die Geschichte und Vorgeschichte des Labels geschrieben und Biografien vieler Künstler erstellt. Richard Weize hat vom Presswerk und von der Nachfolge-Plattenfirma der Teldec die Originalunterlagen erhalten und daraufhin die Listen noch einmal neu eingegeben und komplettiert. Es haben uns aber auch eine ganze Reihe von Sammlern, die alle im Vorwort erwähnt werden, mit Kopien von Covern und mit Informationen versorgt.

 

Sie sprachen gerade von Originalunterlagen aus dem Presswerk und von der Teldec.

Es handelt sich dabei um die Karteikarten und Kopien davon. Leider keine Produktionszahlen, das wäre sicherlich hochinteressant gewesen.

 

Können Sie ungefähre Zahlen nennen, in welchen Auflagen produziert wurde?

Ja, das wäre schön. Nein, kann ich leider überhaupt nicht. Herr Bloemeke hat vor Jahren ehemalige Mitarbeiter der Teldec gefragt. Die haben ihm bestätigt, dass eine Platte überhaupt nur gepresst wurde, wenn mindestens 300 Abnahmen durch Großhändler garantiert wurden.

 

Konnten Sie sich bei dem Buchprojekt auf Vorarbeiten stützen?

Die Vorarbeiten haben wir Ende der 70er selbst geleistet. Die von uns erstellten Listen wurden in den 80er Jahren in zwei Fanzines abgedruckt, ohne EPs und LPs und auch lückenhaft. Später tauchten die Listen dann mit Ergänzungen auch auf Internetseiten auf.

 

Das Buch beginnt mit einem einführenden Essay. Wovon wird hier erzählt?

Es geht um die Vorgeschichte und die Geschichte des Labels, die Zusammenhänge Decca-London et cetera, alles eingeordnet in die Situation des Musikmarktes im Nachkriegsdeutschland.

 

Es geht weiter mit 45 Künstler-Biografien.

Es sind wohl die wichtigsten Interpreten des Labels, aber auch die wichtigsten aus der Sicht der Rock’n’Roll-Begeisterten. Es handelt sich um mehr oder weniger kurze Biografien, Lebensdaten, musikalische Entwicklung, größte Erfolge.

 

Herzstück des Buches bildet die Diskografie, in der mehr als die üblichen Angaben wie Interpret, Titel, Erscheinungsjahr, Katalognummer, Cover-Abbildung zu finden ist.

Es sind immer, wenn vorhanden, auch zusätzliche Infos, die auf dem Label stehen, abgedruckt. Beispielsweise Hinweise, aus welchem Film der Song stammt oder mit welchem Orchester er begleitet wird. Außerdem finden sich Fußnoten, wenn es zu der Platte weiteren Erklärungsbedarf gibt. So steht bei einigen Singles in den Originalunterlagen, dass die Platten nicht veröffentlicht wurden. Das heißt, dass Karteikarten angelegt wurden, dass sie geplant waren, aber dann nicht gepresst wurden. Außerdem wird zu jeder Platte das Original-US-Label genannt.

 

Noch mehr Infos stehen in den Einleitungen zu den einzelnen Kapiteln: Single, EP, LP.

Hier kann man unter anderem nachlesen, welche Label- oder Hüllenvarianten, was für Arten von Promotionveröffentlichen es gab, ob es spezielle Pressungen für Buchclubs oder für die amerikanischen PX-Läden in Deutschland gab.

 

Wie schwierig war es, die Cover-Abbildungen zu beschaffen?

Wir haben uns bemüht, möglichst alle Hüllen und auch verschiedene Hüllenvarianten zu zeigen. Uns war aber klar, dass nach Erscheinen des Buches weitere Varianten auftauchen werden. Das Grundproblem ist, dass es keine Unterlagen gibt, aus denen ersichtlich ist, ob eine Platte überhaupt eine Hülle bekommen hat. Bis heute wissen wir zum Beispiel nicht, ob die Nr. 20 891 – „Cissy Strut“ mit The Meters – überhaupt ein Cover erhalten hat. Logisch wäre es, da zu der Zeit alle anderen Singles mit Hülle erschienen. Aber wir haben noch nie eine gesehen und kennen auch keinen Sammler, der die Platte mit Cover hat. Bei den EPs fehlt uns eine Abbildung der EP RE 3008 mit dem Australian Jazz Quartet. Hier wissen wir nicht einmal, ob die Platte überhaupt erschienen ist. Es gibt die passenden Unterlagen dazu, die Platte ist aber noch nicht aufgetaucht. Gerade bei den Singles gibt es in Einzelfällen von der gleichen Platte bis zu vier Hüllenvarianten, zum Beispiel von „Pretty Woman“ mit Roy Orbison. Das Sammeln der Hüllen hat sich über Jahre hingezogen. Bei den LPs sind längst nicht alle Hüllen abgebildet, vor allem die späteren Nummern fehlen. Auch hier gibt es häufig Covervarianten, die teilweise abgebildet sind.

 

Die London-Etiketten hatten keine Angabe, welcher Titel A- oder B-Seite war. Konnten Sie das klären?

Eine Unterscheidung in A- und B-Seiten wurde in den 50er Jahren auf den Etiketten bei vielen Firmen nicht gemacht. Für unser Buch waren die Originalunterlagen sehr hilfreich, diese machten die Unterscheidung.

 

Nennen Sie auch die nicht regulär erschienen Platten: Musterpressungen, Weißpressungen, Fehlpressungen?

Die sind natürlich auch genannt. Muster- und Weißpressungen wurden auch beispielhaft abgebildet. Fehlpressungen spielen eine untergeordnete Rolle und lassen sich in der Regel nicht abbilden, wenn etwa Label vertauscht wurden oder sogar auf einer Seite eine falsche Matritze benutzt wurde.

 

Sie gehen sogar auf Feinheiten wie die Veränderungen der Single-Mittelstücke ein. Haben Sie diese Informationen aus den Archiven?

Das ist leider nicht dokumentiert. Wir haben das durch Vergleiche mit anderen Sammlern herausgefunden.

 

Und was blieb ungeklärt?

Es gibt immer wieder Gerüchte, dass es von Chuck Berry die Titel „You Can’t Catch Me“ / „Havana Moon“ als Single 20 085 gegeben hat, beweisen konnte es bislang niemand. Die Single 20 017 „So High, So Low, So Wide" von den Lancers, Rückseite „Bettina" von den Hilltoppers wurde laut Unterlagen gesperrt und von uns als nicht erschienen kommentiert. Tatsächlich haben wir nach Veröffentlichung des Buches aber Farbkopien der Platte bekommen, sie ist also doch zumindest in kleiner Stückzahl hergestellt worden.

 

Sind das Fragen, die nur Insider interessieren? Oder glauben Sie, dass das Buch sich auch für jene lohnt, die keine speziellen London-Sammler sind?

Sammler werden es vor allem als Nachschlagewerk benutzen, aber es ist sicher auch für jeden anderen Musikbegeisterten eine spannende Lektüre.

 

Haben Sammler – außer in Ihrem Buch – noch andere Möglichkeiten, sich über das deutsche London-Label zu informieren?

Es gibt das „Rock’n’Roll Schallplattenforum“ im Internet, hier sind ebenfalls Listen veröffentlicht und Label sowie Hüllen abgebildet.

 

Wie sieht es in Ihrer eigenen London-Sammlung aus? Noch viele Lücken?

Also mir fehlen immer noch 35 Singles. Gerade die ganz frühen sind nur in geringen Stückzahlen gepresst worden.

 

Selten heißt auch teuer?

Viele der frühen Ausgaben sind im Laufe der Jahrzehnte kaputt gegangen, entsorgt worden. Die sind selten, aber nicht unbedingt teuer, da sie musikalisch uninteressant sind. Wer möchte schon für die „Ragtime Annie“ mit Del Wood am Klavier viel Geld ausgeben? Wenn diese Platten aber auch musikalisch oder musikhistorisch interessant sind, sieht das schon anders aus. Selten und teuer sind zum Beispiel „The Fool“ mit Sanford Clark oder „Stranded In The Jungle“ mit den Cadets. Aber auch die tauchen hin und wieder bei eBay auf und erzielen dann entsprechende Preise. Wenn die Platte „You Can’t Catch Me“ mit Chuck Berry tatsächlich irgendwann einmal als deutsche Pressung auftauchen sollte, dann ist dies wahrscheinlich die seltenste und auch die teuerste.

 

Zum Schluss: Ihre Lieblingsplatte von London?

Ganz schwere Frage. Die Jayne-Mansfield-Aufnahme „As The Clouds Drift By“ / „Suey“ mit Jimi Hendrix an der Gitarre ist sicherlich ein Highlight. Aber auch die deutschsprachige Single mit Roy Orbison „Mama“ / „San Fernando“ muss ich dazuzählen – ist übrigens auch selten und teuer.

 

Rüdiger Bloemeke, Heinz-Günther Hartig, Ulrich Schlieck, Richard Weize: London-Label-Lexikon, 2014 erschienen bei Bear Family Records, 216 Seiten, 34,90 Euro.

 

Mehr über seine Sammelleidenschaft – nicht nur für London Records – erzählt Heinz-Günther Hartig im Buch „Plattensüchtig“.

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So

21

Dez

2014

Ein Hörspiel täglich muss sein

Märchenplatten sind was für Kinder. Oder für Plattensammler wie den 1969 geborenen Jörg Ingenthron. Bevor er mit sieben Jahren seinen ersten Phonokoffer geschenkt bekam, entdeckte der Karlsruher Sozialpädagoge die Welt der Hörspiele mit Musikkassetten. Zum richtigen Sammler von Hörspielen wurde er aber erst vor drei Jahren, als er seine „Kindheitsrückholaktion“ startete.

 

Herr Ingenthron, wie oft legen Sie eine Hörspielplatte auf?

Täglich! Beim Kochen, beim Basteln in der Werkstatt, beim Einschlafen oder bei einer Fußballübertragung im Fernsehen: den oftmals unerträglichen O-Ton der Kommentatoren aus und dann ein Hörspiel auf den Plattenteller – perfekt! Ich lasse im Grunde keine Gelegenheit aus.

 

Klingt so, als hätten Sie in jedem Zimmer einen Plattenspieler stehen.

Wir haben in der Tat in jedem Zimmer – außer im Bad – einen Plattenspieler. Im Wohnzimmer, im Arbeitszimmer und in der Werkstatt sogar jeweils zwei. Da sind mit dem Technics SL 1210 MKII von meinem Junior und der Dual-KA-320- und der Dual-HS-152- Kompaktanlage ein paar alte, aber sehr feine Geräte im Einsatz, die ich alle nicht missen möchte. Einer meiner Freunde meinte, dass man bei meinen inzwischen 20 Plattenspielern – von denen 10 ständig in Betrieb sind – nicht mehr von „Die-hab-ich-mal-so-eben-im-Vorbeigehen-mitgenommen“ reden könne. Da stecke wohl ein ganz bestimmter Vorsatz dahinter.

 

Wie viele Hörspiele besitzen Sie?

Ich habe – neben meinen fast 3000 Musiktonträgern – zirka 2100 Tonträger mit Hörspielen aus den Jahren 1950 bis 1990, die ich im Verlauf der letzten drei Jahre zusammengetragen habe. Es sind etwa 1700 Langspielplatten, 170 Singles, 15 Schellacks und 220 MCs. Dazu kommen noch ein paar CDs auf denen ich nur Hörspielproduktionen neueren Datums habe, die nie auf Vinyl erschienen sind und vermutlich auch nie auf Vinyl erscheinen werden. Leider! Vor allem eine Serie hat es mir angetan: „Mark Brandis: Weltraumpartisanen“ von dem Label Folgenreich. Als kleiner Bub habe ich die Bücher zu dieser Science-Fiction-Serie verschlungen.

 

Mit dem Aufkommen der CD ziehen Sie also eine zeitliche Grenze?

Anfang der 90er wurden keine Platten mehr hergestellt, das ist die Deadline nach oben. Mit dem neuen Hörspiel- oder Hörbuchkram kann ich nichts anfangen. Bis auf die bereits erwähnte „Mark Brandis“-Serie sind mir die meisten neueren Produktionen entweder zu schrill oder zu weichgespült. Besonders Neuvertonungen von Klassikern wie „Der Räuber Hotzenplotz“ oder eben diese unsäglichen Lesungen von Kinderbüchern laufen mir so gar nicht rein. Mein Schwerpunkt liegt eindeutig auf den 12-Inch-Vinyl-Scheiben, was zum einen wohl daran liegt, dass ich die als Kind schon gesammelt habe, zum anderen aber auch daran, dass die heute auf Flohmärkten noch am ehesten zu kriegen sind. Singles finde ich sehr faszinierend. Eine Geschichte komprimiert auf so eine kleine Scheibe mit limitierter Spielzeit zu bannen und dabei noch Spannung zu erzeugen – das hat schon was.

 

Sie haben auch einige Schellacks in der Sammlung.

Als ich vor zwei Jahren meine erste Hörspielschellack ergattern konnte, war ich sofort Feuer und Flamme für dieses Medium. Allein die Aufmachung mit einem mehrseitigen Buch als Beilage war schon ein Knaller. An den Schellackplatten, die oftmals Grundlage für die ersten Singleveröffentlichungen waren, fasziniert mich auch der Gedanke, dass das vor 60 Jahren mal ein Kind glücklich gemacht hat. Leider sind Schellacks inzwischen extrem selten. Auf dem Flohmarkt kam ich bei der Begutachtung eines alten Grammophons mal mit einem älteren Herrn ins Gespräch, der mich fragte, was ich denn für Schellacks sammle. Als ich ihm antwortete, dass ich unter anderem ein Augenmerk auf alte Märchen habe, nickte er wissend und meinte, er habe davon noch über 200 zu Hause rum stehen und ... ach ja ... was aus denen wohl mal werde. Und schwupp, weg war er, bevor ich von der Schnappatmung wieder in den Normalmodus umschalten konnte. Da habe ich eine echte Chance vermasselt.

 

Sammeln Sie vorwiegend bestimmte Labels, Sprecher, Autoren?

Ich nehme im Grunde die Platten von allen größeren, bekannten Labels mit. Autoren, Regisseure oder Sprecher spielen dabei keine Rolle. Hauptsache, ich habe die Scheibe noch nicht. Aber Hörspiele nach Vorlagen von Karl May, Astrid Lindgren, Michael Ende, Otfried Preußler, Enid Blyton, James Fenimore Cooper oder Jules Verne habe ich besonders im Fokus. Da dürfen auch mal Veröffentlichungen kleinerer, unbedeutender Labels mit nach Hause.

 

Sind die Hörplatten ausnahmslos in deutscher Sprache?

Ich habe ein paar Hörspiel-LPs in englischer Sprache und ein paar holländische und spanische Singles. Aber ich suche nicht explizit danach. Das waren Zufallsfunde auf dem Flohmarkt.

 

Und literarische Hörspiele oder sonstige Sprachplatten?

Die sammle ich nicht zielgerichtet. Wenn ich mir aber mein Regal anschaue, dann scheine ich auf dem Flohmarkt an denen auch nicht vorbeigehen zu können. Da stehen „Faust“ Teil 1 und 2, „Der brave Soldat Schwejk“, „Die Dreigroschenoper“, Weizsäckers Rede vom 8. Mai 1985, Kinskis „Rimbaud“, Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“, Karl Valentin, Heinz Erhardt, eine Platte vom Ohnsorg-Theater. Ein Sammelsurium an Platten jenseits kindlicher Hörgewohnheiten.

 

Sind Sie eher mit Hörspielen oder mit Kinderbüchern aufgewachsen?

Da gab es keinen Unterschied. Lesen und Hören waren gleichermaßen große Leidenschaften von mir.

 

Ist es also die Erinnerung an die Kindheit, die Sie an den Hörspielen so begeistert?

Inzwischen fasziniert mich bei einem Großteil der Vertonungen einfach, wie es ein Produktionsteam geschafft hat, eine Geschichte auf vierzig bis fünfzig Minuten zu komprimieren und dennoch den Zuhörer zu fesseln. Da sind schon echte Perlen dabei, an die kein Hörbuch rankommt. Aber am Anfang meines Sammelns standen die Kindheitserinnerungen im Vordergrund.

 

Wann war der Anfang?

Als es um die Frage ging, was ich meinem Junior zu seinem 18. Geburtstag schenke, wurde von seiner Seite ziemlich schnell klar, dass es mein alter Plattenspieler sein musste: Ein Dual Plastikbomber, der zu dem Zeitpunkt seit 15 Jahren in einem Altbaukeller sein Dasein fristete und den ich zu meiner Konfirmation bekommen hatte. Mit diesem Geburtstagsgeschenk hat es ein paar wenige Schallplatten aus dem Keller gespült. Die Hörspiele konnte ich noch fast Wort für Wort auswendig aufsagen. Die „Kindheitsrückholaktion“ hat genau an diesem Geburtstag begonnen. Als hätte man einen Vorhang weggezogen und Licht in meine Erinnerungen gelassen.

 

Ihre „Kindheitsrückholaktion“ beschränkt sich nicht nur auf Hörspiele.

Sobald mir etwas aus meiner Kindheit begegnet, das ich noch nicht habe, bekomme ich ein Kribbeln in den Fingern und ehe ich blinzeln kann, hat es mich schon erwischt. Da sind Sachen dabei, die aus Sicht eines Erwachsenen ganz schön gruselig sein können. Im Regal stehen Kinder- und Jugendbücher, wie die Schneider-Bücher – „Schreckenstein“, „Commander Perkins“ –, Karl-May-Bücher, Enid-Blyton-Serien – „Fünf Freunde“, „Rätsel um . . .“, die „Abenteuer-Serie“– sowie diverse Science-Fiction-Bücher wie „Mark Brandis“. Dazu passt konsequenterweise auch, dass ich alte Zeichentrick-TV-Serien auf DVD anhäufe: „Biene Maja“, „Heidi“, „Wickie“, „Captain Future“, „Herr Rossi“, „Sindbad“, „Pinocchio“, „Marco“, aber auch Serien wie „Raumschiff Enterprise“, „Muppets“ und natürlich die Laurel und Hardy-Filme. Darüber hinaus habe ich noch eine ausbaufähige Comicsammlung und eine wundervolle Kiste mit View-Master-Scheiben. Und wenn ich irgendwann einmal viel Geld habe, werde ich mich auf Massefiguren à la Preiser, Timpo Toys oder Britains stürzen.

 

Besaßen Sie in Ihrer Kindheit viele Hörspiele?

Ich hatte am Ende meiner Kindheit etwa 50 Hörspiel-LPs und 20 MCs. Ein Großteil ging verloren. Allerdings konnte ich dank Flohmärkten und Tauschpartnern inzwischen fast alle wieder ergattern. Von den LPs sind mir fünf besonders in Erinnerung: „Gullivers Reisen“ unter der Regie von Konrad Halver, erschienen bei PEG; „Wildtöter“ von Benno Schurr in der Fassung des Labels Maritim mit dem Cover von Helmut Preiss; „Der Pfadfinder“ von Anke Beckert; „Das Gespensterschiff“, erschienen bei dem Label Europa; schließlich der zweite Teil der „Hotzenplotz“-Geschichten – seitdem bin ich wohl ein Fan von Bratwurst mit Sauerkraut.

 

Sind Flohmärkte Ihre wichtigste Quelle, um Hörspiele zu finden?

Flohmärkte und ein Pfennigbasar, der einmal im Jahr stattfindet. Dort konnte ich mal auf einen Schlag etwa 250 Hörspielschallplatten für 80 Euro mitnehmen. Einige Scheiben konnte ich auch in Sozialkaufhäusern ergattern. Auf Plattenbörsen und in unseren lokalen Plattenläden sind Hörspiele eher selten zu finden. eBay hat sicher ein reichhaltiges Angebot, wenn man sich den Preisen beugt. Da sind zum Teil so abgefahrene Summen am Werk, dass sich mir die Nackenhaare aufstellen. Ganz verschließen kann ich mich dem jedoch nicht. Vor allem, seitdem der Umfang meiner Sammlung enorm zugenommen hat, wird das Internet für mich immer interessanter. Aber außer eBay gibt es ja noch andere Anbieter, die vom Preis her nicht selten interessanter sind. Am schönsten finde ich aber den Tausch mit meinen Hörspielfreunden, die über ganz Deutschland verteilt sind.

 

Hörspielplatten, die durch Kinderhände gingen, sehen sicher nicht immer wie neu aus. Wie wichtig ist Ihnen eine gute Erhaltung?

Da ich nicht darauf erpicht bin, mir meine Nadeln zu ruinieren, spielt der gute Zustand der Platten schon eine wichtige Rolle. Ich habe daher reichlich Vinyl in meiner Sammlung, dessen Zustand einfach umwerfend gut ist. Allerdings lasse ich Hörspielschallplatten, die ich noch nicht habe, auch in minderwertigem Zustand nicht liegen. Die unterziehe ich erstmal einer gründlichen Reinigung und spiele sie ausschließlich auf einem alten Dual-1210-, beziehungsweise Dual-1010-Plattenspieler ab. Deren Nadeln sind robust und mit der hohen Auflagekraft schaffen die auch wellige Scheiben.

 

Haben Sie bestimmte Genres an Hörspielen, die Sie verstärkt sammeln?

Nein, eigentlich sammle ich so ziemlich alles, was jemals auf Vinyl gepresst wurde: das klassische Märchen, die Westernadaption, Nacherzählungen aus dem Sagenschatz, Witze für Kinder, Science-Fiction-Geschichten oder Erzählungen, die einen pädagogischen Hintergrund haben – und das sind nur einige Beispiele. Ich glaube, dass generell das Sammeln nach Genres nicht so ausgeprägt ist wie das Sammeln nach Labels, nach Regisseuren, Sprechern, Serien – vielleicht gibt es Schwerpunkte bei Science Fiction oder Karl May. Und dann wären da noch die Leute, die einfach nur das sammeln, was ihnen gefällt, ohne Rücksicht auf Label, Genre, Seltenheit.

 

Spezialisieren sich die Labels auf bestimmte Genres?

Nein, Unterschiede gibt es eher in der Machart oder durch eine Festlegung auf bestimmte Regisseure oder Sprecherensembles. Eigentlich hat jedes Label die Bereiche Märchen, Abenteuer und so weiter abgedeckt. Vielleicht kann man das Label Poly hervorheben. Die haben, stärker als andere, Hörspieladaptionen nach Vorlagen von TV-Serien für Kinder auf den Markt gebracht. Ich muss aber gestehen, dass ich einen Großteil davon für unterirdisch halte. Die haben meistens einfach nur die originale Tonspur ohne irgendwelche Zusätze übernommen, wodurch zum Beispiel grauenhafte Logiklöcher entstanden sind.

 

Was sind Ihre liebsten Hörspiele in der Sammlung?

„Ali Baba und die vierzig Räuber“, eine Schellack von Sándor Ferenczy, mit der Musik von Erich Bender, inklusive Begleitbuch erschienen bei Polydor, dazu gibt es eine Single in der gleichen Ausstattung. „Die Abenteuer des Simplicissimus“ von Kurt Vethake, erschienen bei Bunny – mit zirka 50 Euro die teuerste Hörspielplatte, die ich je gekauft habe. Eine Adaption des Märchens „Vom Fischer und seiner Frau“ mit Henry Vahl, erschienen bei Maritim. „Winnetou I - III“ in der Bearbeitung von Ruth Scheerbarth, erschienen als 3-LP-Box inklusive Puzzle bei Metronome. Die Hörspiele von Kurt Stephan, die eine historische Begebenheit beziehungsweise Biographien berühmter Menschen zum Thema haben. „Ein Herz und eine Seele“ wäre noch unbedingt zu nennen – herrlich subversiv und politisch unkorrekt wie die TV-Serie.

 

Ihre liebsten Serien?

Die wichtigste Serie schlechthin ist für mich die Karl-May-Edition „Grüne Serie" von Maritim. Die „Intercord Goldene Märchenserie“, erschienen bei Saphir, halte ich ebenso für sehr gelungen, da sind schon einige Märchenperlen dabei. Die Adaptionen des Detmolder Landestheaters zählen zu den besten, die ich kenne. Außerdem wäre da noch „Wunderland der schönsten Märchen" von Bastei. Die 24 Märchenadaptionen wurden als Singles, die mit 33 Umdrehungen laufen, veröffentlicht, inklusive einem großformatigen, 24-seitigen Heft, in dem der gesamte Text reich bebildert abgedruckt ist. Von den Serien, die ich komplett besitze, zählen die „Hotzenplotz"-Erzählungen, erschienen bei Philips/Fontana und die „Rätsel um...“-Serie von Europa zu meinen absoluten Favoriten.

 

Ordnen Sie Ihr Regal auch nach Serien?

Ich habe mal meiner Frau zuliebe meine Platten nach Genres, innerhalb dieser Genres alphabetisch und dann nach Labels sortiert. Für sie war das gigantisch. Wenn sie eine Platte für unsere Kleinen suchen musste, brauchte sie zum Beispiel nur bei den Märchen nach „Dornröschen“ zu schauen. Welche der vielen Adaption letztendlich auf dem Plattenteller landete, wurde dann weitgehend durch das Cover bestimmt. Mich hat das irgendwann irre gemacht. Inzwischen sortiere ich Vinyl-LPs, Vinyl-Singles und Schellack getrennt voneinander. Dann nach Labels, wobei die umfangreichen – Europa, Philips/Fontana, Maritim und so weiter – so stehen, dass sie sofort ins Auge fallen. Innerhalb der Labels ordne ich alphabetisch von A bis Z, wobei Serien nicht auseinander gerissen werden und unter ihrem Anfangsbuchstaben – des Serientitels oder eines von mir definierten Überbegriffs – einsortiert werden. Innerhalb der Serien wiederum geht’s nach Folgen oder alphabetisch. Kompliziert ist das System bei den Hörspielen, die ich selbst als eine Art Serie zusammengefasst habe, etwa bei den Adaptionen nach Vorlagen von Michael Ende, Astrid Lindgren, Otfried Preußler oder Jules Verne. Hier muss man zum Beispiel wissen, dass „Die Kinder des Käpt'n Grant" von Jules Verne ist und unter V neben den anderen Hörspielen nach seinen Erzählungen steht. Bei Karl May gibt es noch die Besonderheit, dass ich hier nach einem Mischmasch aus Werkverzeichnis und Alphabet geordnet habe. Deswegen kommt bei mir der Orientzyklus am Anfang aller unter M stehenden May-Hörspiele.

 

Können Sie ein paar Titel nennen, die bei Sammlern besonders begehrt sind?

„Die Miller Story“, eine Promo-LP, welche die Geschichte des Labels Europa zum Thema hat, aber anscheinend nur an Händler ausgeliefert wurde. „Geheimwaffe Dombolt“ von Poly, sehr selten, soviel ich weiß, aber grottenschlecht. Auch der „Simplicissimus“ des Labels Bunny gehört zu den gesuchten Sammelexemplaren. Und dann wäre da noch der Hype um „Die drei ???“ von Europa, den ich bis zum heutigen Tag nicht nachvollziehen kann.

 

Und was steht auf Ihrer persönlichen Suchliste oben?

Inzwischen hat jedes Hörspiel auf Schellack Priorität. Bei den Vinyl-Scheiben steht ganz oben auf meiner Wunschliste eine Platte, von der ich noch nicht mal weiß, ob es sie gibt: eine „Winnetou"-Adaption – vermutlich von Kurt Stephan, zumindest spricht das Ensemble dafür –, von der bislang anscheinend keine Vinylausgabe bekannt ist, was ich jedoch für unwahrscheinlich halte. Ebenfalls auf meiner Wunschliste stehen aus der Karl May „Grüne Serie" von Maritim „Old Surehand II", „Im Reich des Silbernen Löwen" und „Das Vermächtnis des Inkas". Damit wäre diese Serie mit 30 Alben, die ich schon in meiner Kindheit vollständig haben wollte, komplett. Drei weitere Platten wären die „Winnetou"-Erzählungen, die bei Märchenland/OPP erschienen sind.

 

Eine letzte Frage, die kurz vor Weihnachten natürlich kommen muss: Ihr Lieblingsweihnachtshörspiel?

Vielleicht „Weihnachten im Märchenland“, 1968 bei Telefunken erschienen.

 

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Do

18

Sep

2014

Die fast normale Plattensammlung von Jimi Hendrix

Am 18. September 1970, also heute vor 44 Jahren, starb Jimi Hendrix. Jeff Gold meint, er könne ihn vielleicht wieder zum Leben erwecken, könne ihn zumindest klonen, schließlich besitze er seine DNA, genauer gesagt, eine Schallplatte, in deren Rillen die Blutstropfen von Jimi Hendrix eingetrocknet sind. Gold, ehemals Manager bei Warner Bros. Records und A&M Records, jetzt Betreiber des Platten- und Memorabilienhandels Recordmecca und selbst Sammler, hat 2001 in einer Versteigerung des britischen Auktionshauses Bonhams 21 Platten aus der persönlichen Sammlung von Hendrix erstanden: für zusammen 1800 Dollar. Die Platten stammten von Kathy Etchingham, Freundin von Hendrix in seinen Londoner Jahren. Darunter auch die LP mit dem Blut: Dylans „Highway 61 Revisited“. Laut Etchingham hatte sich Hendrix an einem Weinglas geschnitten, als er sie hörte.

 

Neben Golds 21 Platten besitzt das EMP-Museum in Seattle zusätzliche 45 Stücke aus der Sammlung von Hendrix. Von mindestens 45 weiteren Titeln, die er sich zugelegt hatte, kann man lesen, sie sind aber scheinbar verschollen. In einem Interview mit Etchingham ist die Rede von „close to 100“. Wie viel Vinyl Jimi Hendrix also insgesamt um sich hatte, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich waren’s mehr Platten als die bekannten 111. Bestimmt waren’s weniger als man bei einem Rockstar vermuten würde.

 

Hendrix war jedenfalls kein wirklicher Sammler. Keiner, der systematisch kaufte. Aus Neugier habe er im Plattenladen zugegriffen, impulsiv, meint Etchingham. „Two Virgins“ von John Lennon & Yoko Ono sei so eine Platte gewesen, vor allem wegen des skandalträchtigen Nacktfotos habe er sie haben wollen. „Often he’d go through the record racks, look at something for a moment, and buy it. Then he’d listen to it once and never play it again.” Einige Platten bekam er von befreundeten Musikern. Giorgio Gomelsky, Manager und Produzent der Yardbirds, schenkte ihm Robert Johnsons „King Of The Delta Blues Singers“. Die norwegische Band „The Dream“ schickte Hendrix eine Kopie ihrer LP „Get Dreamy“ mit dem Song „Hey Jimi“, eine Anspielung auf das gerade erschienene „Hey Joe“. Dream-Gitarrist Terje Rypdal, der später als Jazzgitarrist Karriere machte, hinterließ ein paar Zeilen auf dem Cover: „With all the respect we can give a fellow musician, we wrote `Hey Jimi`as a tribute to you. We hope you like it and enjoy the rest of the LP too. On behalf of the Dream, Terje Rypdal.“

 

Jeden Sammler packt das kalte Grausen, wenn er erfährt, wie Hendrix seine Platten behandelte. „He was terrible – never put the records back in the sleeves,” berichtet Etchingham. „They were all over the floor, and that’s why they were all so damaged.“ Kratzer und Fingerabdrücke auf dem Vinyl und entsprechend sehen auch die Cover aus: Flecken und angestoßene Ecken auf Dylans „Highway 61“ oder John Lee Hookers „Drifting Blues“, Kritzeleien – „psychedelic doodling“, wie Jeff Gold sie nennt – auf Dylans „Greatest Hits“.

 

Dass Hendrix seine Platten nicht bei Zimmerlautstärke abspielte, kann man sich denken. War aber auch kein Problem. Nachbarn hatten Hendrix und Etchingham nicht. Sie konnten die Anlage also bis zum Anschlag aufdrehen, mehr als gut für sie war, weswegen sie auch ständig die Membranen der Boxen reparieren lassen mussten. Bei seinem Bang & Olufsen-Plattenspieler musste Hendrix laut Kathy Etchingham „stick a ha’penny with cellotape onto the turntable arm, because the balance wasn’t quite right. Otherwise it would jump up and down the louder it got.” Die restliche Anlage: Verstärker: Leak 70; Lautsprecher: Lowther, 30 Watt; Tonbandgerät: Bang & Olufsen.

 

Ein „bluesman“ sei Hendrix gewesen, erzählt Etchingham, Blues habe er am liebsten und am meisten zu Hause aufgelegt: Elmore James, Muddy Waters, Jimmy Reed, Leadbelly, Albert King, Howlin’ Wolf, fünf Alben alleine von Lightnin’ Hopkins. Aber auch die neuen Vertreter des Blues sind zu finden: Canned Heat mit ihrer ersten LP, John Mayalls „Blues Breakers With Eric Clapton” – letztere auch als Anhörungsmaterial über den ehemaligen Londoner Gitarrengott. Viele Platten hat er sich wohl zu diesem Zweck zugelegt: Mal hören, was die Kollegen gerade so machen. „Sgt. Pepper’s“ gehörte logischerweise dazu, „Their Satanic Majesties Request“, das Pendant der Stones, „Fresh Cream“ von Cream, „The Twain Shall Meet“ von den Animals oder „Music From Big Pink“ von The Band. Ganz vorne stand Dylan, von dem er ebenfalls fünf LPs besaß. Nicht die frühen Folksachen, sondern von der 1965er „Highway 61“ über „Blonde On Blonde“, „John Wesley Harding“, „Nashville Skyline“ bis zu „Greatest Hits“ von 1969 – sogar „The Hollies Sing Dylan“ oder eine Joan Baez-Platte mit Dylan-Covers gehörten in die Sammlung. Dylan verehrte er. Von etlichen Dylan-Songs spielte er Coverversionen.

 

Dazu Elvis, Little Richard, Richie Havens, Roy Harper, Tim Buckley, Johnny Cash, James Brown, aber auch Ravi Shankar darf nicht fehlen, total angesagt damals, wie Hendrix beim Monterey Pop Festival und bei Woodstock. Einige Jazzplatten, Django Reinhardt, Wes Montgomery, Roland Kirks „Rip, Rig And Panic” oder The Free Spirits, die 1967 mit „Out Of Sight And Sound“ Jazz und Rock zusammenführten. Im Grunde hörte Hendrix das, was damals alle in seinem Alter hörten – in England, in den USA oder in Deutschland. Es sind überwiegend Klassiker, die nach wie vor auf allen Bestenlisten stehen.

 

Wie in jeder ordentlichen Sammlung war aber auch in der von Jimi Hendrix Platz für Exoten. Aus heutiger Sicht betrachtet zumindest. Mitte, Ende der 60er, vor allem unter Musikerkreisen, wurden auch Namen gehandelt, die heutzutage kaum einer mehr kennt. Von dem französischen Komponisten Pierre Henry etwa die Platte „Le Voyage“, statt Melodie und Rhythmus merkwürdige elektronische Klangcollagen, die, basierend auf dem Tibetischen Totenbuch, die Reise zwischen Tod und Wiedergeburt symbolisieren. Keine gewagte These, dass Hendrix sich zu einigen abgedrehten Gitarrensounds inspirieren ließ. Obskur auch The Zodiac, „Cosmic Sounds”, Konzeptalbum, psychedelischer Rock mit Sitar, Cembalo, einem der ersten Einsätze des Moog-Synthesizers und Texten über Astrologie, die zur Musik gesprochen wurden. Ebenso aus dem Jahr 1967 „The Parable Of Arable Land“ von Red Crayola (with the Familiar Ugly), psychedelischer Garagenpunk und wilder Krach, der mit „Free Form Freakout“ ganz gut bezeichnet wird. Nicht unbedingt rechnen würde man mit Bee Gees „1st“, die Harmonien der Songs hätten es Hendrix angetan, eine der ersten Platten in seiner Sammlung sei sie gewesen, sagt Kathy Etchingham. Wir mögen es nicht glauben, aber Etchingham wird’s wohl wissen, wenn sie uns schließlich verrät, was „Jimi’s absolute favorites“ waren: die Comedy-Alben von Bill Cosby „I Started Out As A Child“ und „Revenge“.

 

Mehr über die private Sammlung von Hendrix: bei Jeff Gold – hier und hier, inklusive Abbildungen von originalen Covern; in einem Auszug aus einem Interview, das Kathy Etchingham 1996 der Zeitschrift Guitar Player gab; in einem Artikel des Musikjournalisten Jas Obrecht.

 

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So

13

Jul

2014

Eine Frage der Authentizität

Dass Joachim Bung nach Originalauflagen sucht und Nachpressungen lieber links liegen lässt, unterscheidet ihn nicht von anderen Plattensammlern. In einem Punkt ist er aber konsequenter als die meisten: Für ihn muss auch die Anlage, über die er sein altes Vinyl abspielt, authentisch sein. Mittlerweile stehen bei dem in Schmitten im Taunus lebenden Sammler nicht nur 8000 Schallplatten aus den Jahren 1950 bis 1965 im Regal – von Rock’n’Roll bis Easy Listening –, sondern auch noch eine ganze Galerie von raren Plattenspielern und HiFi-Verstärkern aus den 50er und 60er Jahren.

Foto mit freundlicher Genehmigung von Joachim Bung
Foto mit freundlicher Genehmigung von Joachim Bung

Herr Bung, sind die Liebhaber von HiFi-Anlagen auch Plattensammler?

Nicht unbedingt – das sind zwei verschiedene Interessengebiete. Es gibt glühende High-End-Fans mit Plattenspielern im fünfstelligen Preisbereich, die nicht mehr als 100 audiophile LPs im Schrank haben – von Interpreten, die außerhalb ihrer Szene niemand kennt.

 

Und die Plattensammler, die viel Geld für rare Scheiben ausgeben und auf kleinste Kratzer achten – würden Sie sagen, dass die auch die Zusammenstellung einer guten Anlage sehr wichtig nehmen?

Wer für Platten viel Geld ausgibt und auf kleinste Kratzer achtet, legt normalerweise schon Wert auf eine gute Anlage – oder zumindest eine, die er dafür hält. Einer meiner Sammlerkollegen glaubt, mit seinem Reloop-Plattenspieler ein Top-Gerät zu haben. Dabei ist der Klang des Diskothekengeräts zum Weglaufen und für den Heimbereich nicht so geeignet. Man sollte meinen, dass ein Plattenexperte sich auch für die richtige Pflege und Abspieltechnik interessiert, doch das ist oft nicht der Fall. Mal eben eine Nadel am Tonabnehmer auswechseln und das war’s dann auch schon. Viele Sammler haben leider keine Affinität zur Technik oder nur Halbwissen. Sie spielen die Platten zum Beispiel mit viel zu geringer Auflagekraft ab und meinen, ihren Scheiben damit etwas Gutes zu tun. Dabei schaden sie ihnen damit mehr, als wenn sie den Tonabnehmer an der oberen Grenze des erlaubten Auflagedrucks betreiben würden. Bei mir ging das HiFi-Interesse mit dem Plattensammeln immer Hand in Hand.

 

Wieso schadet zu geringe Auflagekraft?

Die Fähigkeit eines Tonabnehmers, auch schwierige Modulationen einer Schallplatte sauber abzutasten, nimmt mit der Auflagekraft zu. Wichtig ist, dass die Nadel niemals den schlüssigen Kontakt zur Plattenrille verliert. Bei zu geringer Auflagekraft ist die Fähigkeit der Nadel den Auslenkungen zu folgen beschränkt. Trifft sie dann auf komplexe, schwer abzutastende Passagen einer Schallplatte, wie sie von wuchtigen Beckenschlägen, dem spitzen Klang eines Triangel oder von angerissenen Gitarrensaiten verursacht werden, verliert die Nadel den kontrollierten Kontakt zu den Rillenflanken und wirkt wie ein Meißel. Das traurige Ergebnis hat jeder schon mal erlebt, wenn er die auf einer Plattenbörse gekauften Scheiben zum ersten Mal zu Hause abspielt und feststellt, dass Stimmen heiser klingen oder bei größerer Lautstärke sogar krächzen. Das kann an einer abgenutzten Nadel, zu geringer Auflagekraft, oder beiden Faktoren liegen. Es lohnt sich die Anschaffung einer Testplatte, mit der man feststellen kann, bei welcher Auflagekraft ein Tonabnehmer mit dem gegebenen Tonarm noch sauber abtastet.

 

Neben Schallplatten sammeln Sie auch Geräte aus der HiFi-Frühzeit, den späten 50ern und den 60ern. Was genau markiert diese zeitliche Begrenzung?

Die Zeitspanne beginnt 1958 mit der Einführung der Stereo-Langspielplatte, die wesentlich höhere Anforderungen an die Abspieltechnik stellt und nach hochwertigen Plattenspielern verlangt. Verstärker und Tuner für Rundfunkempfang arbeiteten damals ausschließlich mit Elektronenröhren. Mit der ersten großen HiFi-Messe in Düsseldorf 1968 begann die Transistorzeit. Damit war diese ungefähr zehn Jahre dauernde „goldene HiFi-Ära“ mit Röhren abgeschlossen.

 

Was war bei den Transistorverstärkern der technische Fortschritt?

Die Übertragungsdaten sind besser – zumindest auf dem Papier. Die Geräte sind nach dem Einschalten sofort betriebsbereit. Sie wiegen auch weniger und brauchen viel weniger Strom.

 

Sie bevorzugen aber die alten Röhrenverstärker.

Man sagt, sie klängen musikalischer und wärmer, nicht so hart und metallisch wie Transistorverstärker. Aber das ist weniger mein Motiv, Röhrenverstärker zu betreiben, sondern die Tatsache, dass Rock’n’Roll in seiner Glanzzeit nur über Röhren gehört wurde, weil es nichts anderes gab. Also eine Frage der Authentizität. Als ich 1969 meine erste Stereoanlage kaufte, war die Röhrenzeit allerdings gerade vorbei. Heute gibt es im High-End-Bereich wieder zahlreiche Röhrenverstärker zu kaufen.

 

Was war Ihre erste Anlage?

Die war komplett von Dual: Plattenspieler CS 1015, Verstärker CV 40, Boxen CL 40. Alle jungen Leute träumten damals von einer Heimanlage von Dual. Behalten habe ich die aber nicht lange. Nach drei Monaten versagte die Automatik des Plattenspielers. Ich litt Höllenqualen während der drei Wochen, in denen der Dual repariert wurde und ich keine Platten hören konnte. Das sollte mir nie wieder passieren. Seit dieser Zeit betreibe ich immer zwei Plattenspieler an meiner Anlage. Am Verstärker ärgerte mich bald, dass dieser keinen Kopfhöreranschluss hatte. Meine Eltern nervten mich immer mehr, ich solle meine Musik leiser drehen. Ich kaufte daher einen Kopfhörer, den ich umständlich an den Lautsprecherausgängen an der Rückseite des Dual anschließen musste – das konnte es nicht sein. Ungefähr 1970 kaufte ich dann einen japanischen Kenwood-Verstärker mit einem Kopfhöreranschluss auf der Frontplatte – dort, wo so ein Anschluss hingehört. Außerdem einen Kenwood-Tuner, einen Lenco-L-75-Plattenspieler und Wharfedale-Boxen.

 

Welche Geräte stehen aktuell in Ihrer Sammlung?

Meine Plattenspielersammlung umfasst Modelle von Thorens, Garrard, Acoustical, Braun, Telefunken und Elac, insgesamt über 20. Dazu kommen drei Vorverstärker, ein Preceiver – das ist eine Kombination aus Tuner und Vorverstärker –, fünf Endstufen und vier Vollverstärker, alle aus den USA von Fisher, Marantz und McIntosh und alle in Röhrentechnik, sowie sechs japanische Vollverstärker von Kenwood und Sony, die mit Transistoren arbeiten.

 

Wieso nur Verstärker aus den USA und Japan?

Die USA waren in den 1960er Jahren zusammen mit Großbritannien im Verstärkerbau führend, Japan dann in den 1970er und 1980er Jahren. In diesen Ländern markieren jeweils nur maximal fünf Marken die Weltspitzenklasse.

 

Ihr Lieblingsverstärker?

Röhrenverstärker X-1000 der amerikanischen Fisher Corporation mit 2 x 55 Watt Dauertonleistung und Halleinrichtung „Space Expander“. Optisch wie neu und technisch voll restauriert sowie intern auf 230 Volt umgestellt. Gebaut von 1961 bis 1965. Mit einem Ladenpreis von damals knapp 2400 DM in Deutschland praktisch unverkäuflich. Diesen Fisher, der heute nur ganz selten auftaucht und wenn überhaupt, dann meist in schlechtem Zustand, würde ich nie hergeben. Ein wunderschönes Gerät mit seiner goldenen Front. Stilvoll das Fisher-Logo: eine elegante Schwalbe mit einem Notenschlüssel im Schnabel.

 

Lautsprecher sammeln Sie nicht?

Lautsprecher sind kein vergleichbares Sammelgebiet. Es gilt auf dem HiFi-Gebiet der Grundsatz, dass sich der technische Fortschritt am schnellsten bei den Schallwandlern vollzieht. Eingangsseitig sind das die Tonabnehmer von Plattenspielern, die mechanische Schwingungen der Abtastnadel in elektrische Ströme umwandeln. Ausgangsseitig sind dies die Lautsprecher, welche die vom Verstärker verstärkten elektrischen Signale wieder in mechanische Schwingungen, also Schallwellen umwandeln. Ein 50 Jahre alter Lautsprecher genügt in der Regel heutigen Ansprüchen an die Klangqualität nicht mehr. Meine aktuellen Lautsprecher stammen von der ältesten Lautsprecherfabrik der Welt, von der bereits 1926 gegründeten schottischen Firma Tannoy, deren Prestige-Serie hervorragend klingt. Äußerlich sehen die Boxen im englischen Landhausstil aus wie aus den 1960er Jahren und passen damit zu meinen anderen Geräten perfekt.

 

Über die Klangqualität einer Anlage entscheiden vor allem die Schallwandler?

Ja, eine Regel besagt, die Hälfte des Anlagenpreises für den Tonabnehmer im Plattenspieler und die Lautsprecher auszugeben. Eine Regel, die ich natürlich nicht einhalte, da bei mir noch andere Faktoren eine Rolle spielen.

 

Wie wichtig ist für Sie die Optik der alten Geräte? Finden Sie diese schöner als die aktuellen?

Absolut! HiFi-Spitzenklassegeräte der 1960er Jahre sind allein durch ihre Ausstattungsvielfalt eine Wucht: bis zu acht Eingänge, davon zwei für Plattenspieler mit Magnettonabnehmer, Rausch- und Rumpelfilter, auftrennbare Vor- und Endstufe, Anschlussmöglichkeiten von bis zu drei Lautsprecherpaaren sowie einem zusätzlichen Lautsprecher, um das „Stereoloch“ in der Mitte auszugleichen, Höhen- und Tiefenregler als Stufenschalter, mit der sich einmal gefundene Einstellungen exakt reproduzieren lassen, variable gehörrichtige Lautstärkekorrektur, stufenlose Regelung für die Stereo-Basisbreite von Mono über Stereo bis zu Stereo breit und Stereo extrabreit, Phasenumkehrschalter, variable Phonoentzerrung, Betriebsartenwahlschalter mit bis zu sieben Einstellungen: Stereo, Stereo vertauscht, Mono, rechter oder linker Kanal auf beide Lautsprecher, Summensignal auf rechten oder linken Lautsprecher. Hinter all diesen vielen Schaltmöglichkeiten steckte damals aufwändige Mechanik, welche die Geräte teuer machte. Man konnte also anhand der Zahl der Features durchaus Rückschlüsse auf die Wertigkeit ziehen. Einfache Verstärker hatten eben weniger Schaltungsmöglichkeiten. Aktuelle High-End-Verstärker haben meist nur drei Hochpegeleingänge und einen Lautstärkeregler mit Fernbedienung. Klangregler für Höhen und Tiefen, gehörrichtige Lautstärkekorrektur und Monotaste? Alle Fehlanzeige. Damit wäre ich nicht glücklich.

 

Weshalb sind diese neuen Geräte so sparsam ausgestattet?

Weil nach der reinen Lehre der High-End-Jünger die genannten Regelmöglichkeiten einem möglichst kurzen Signalweg durch den Verstärker im Weg stehen. Moderne Verstärker von McIntosh, welche viele der Features noch haben, beweisen aber das Gegenteil. Also auch eine Frage der Weltanschauung.

 

Hören Sie eine Platte aus den 50ern nur auf einem Plattenspieler aus den 50ern?

Ja, gemäß meiner Devise: Einheit von Hard- und Software.

 

Das heißt, jedes Glied der Kette – auch das Lautsprecherkabel, die Steckdosenleiste – muss authentisch sein?

Nein, diese Dinge stammen bei mir nicht aus der betreffenden Zeit. Sie spielten damals aber auch keine besondere Rolle. Die Verstärker, egal wie hochwertig, hatten winzige Terminals und waren durch Klingeldraht mit den Lautsprechern verbunden. Den Herstellern war völlig egal, wie herum man den Stecker in die Steckdose steckte. Selbst in den Bedienungsanleitungen teurer Geräte fand sich dazu kein Hinweis.

 

Aber hätten Sie’s nicht lieber 100-prozentig original alt?

Nein, denn ich mache da gar nicht viele Kompromisse. Manche der heutigen Hilfsmittel sind nützlich, vieles ist aber auch Voodoo aus meiner Sicht. Mein einziges Zugeständnis an den Zeitgeist ist der Betrieb meiner Lautsprecher mit guten Kabeln im Bi-Wiring-Modus, bei dem Hochton- und Tieftonlautsprecher der Box wegen des besseren Klangs getrennt am Verstärker angeschlossen sind. Das gab es früher nicht.

 

Eine Top-Anlage von 1964 und eine Top-Anlage aus dem Jahr 2014 – kann man die Unterschiede im Sound in Worte fassen?

Die aktuelle Anlage klingt wahrscheinlich differenzierter, hat ein breiteres Klangspektrum. Ob man das mag, muss jeder für sich entscheiden. Wichtiger sind mir ein ordentlicher Bass und fetter Sound, wie ihn meine alten McIntosh-Verstärker erzeugen. Die heute üblichen extrem schlanken Boxen mit winzigen offenen Basschassis würden mich allein optisch schon stören. Allerdings: Mit etwas mehr Rauschen und Brummen der alten Geräte muss man leben. Obwohl diese Störgeräusche unter Praxisbedingungen nicht oder kaum hörbar sind, wenn die Schätze ordentlich restauriert sind. Als Sammelobjekte in Frage kommen aber keine Durchschnittsgeräte, sondern solche, die damals zur Weltspitzenklasse zählten. Die aufwändig restauriert sind, um auch heutigen Ansprüchen zu genügen.

 

Wo finden Sie diese Vintage-Geräte?

Früher tauchte das eine oder andere interessante Gerät in den Kleinanzeigen der HiFi-Zeitschriften auf, jetzt praktisch nicht mehr. Umso größer ist heute die Auswahl bei eBay, wenn man die Spreu vom Weizen zu trennen vermag.

 

Was muss man bei der Suche beachten?

Zunächst muss man warten können, um bei der richtigen Gelegenheit Geräte in technisch und optisch möglichst sehr gutem Basiszustand zu erwerben. Was die Verstärker betrifft, sammle ich ja vornehmlich in den USA gebaute Geräte, die damals am Weltmarkt als die besten galten. Einige wenige Modelle konnte man als 220-Volt-Version auch in Deutschland kaufen. Doch die waren hier so teuer, dass die Verkäufe gegen null gingen. Man hat es bei den Angeboten also fast immer mit Geräten für 117 Volt Betriebsspannung zu tun. Man muss auch beträchtliches Geld in die Hand nehmen – es sind ja begehrte Sammlerstücke. Zum hohen Kaufpreis bei eBay USA können bei einer 30 Kilogramm schweren Röhrenendstufe bis zu 500 Dollar Luftfrachtkosten hinzukommen. Der deutsche Zoll berechnet Einfuhrabgaben und Mehrwertsteuer in Höhe von zusammen rund 25 Prozent auf den Kaufpreis und leider auch auf die Frachtkosten. Es ist aber nicht nur ein teures, sondern auch riskantes Vergnügen: Sollte ein geliefertes Gerät der Beschreibung nicht entsprechen, erhält man über den PayPal-Käuferschutz zwar den Kaufpreis samt Frachtkosten erstattet. Die Rücksendekosten muss man jedoch selbst tragen. Die beim Zoll entrichteten Einfuhrabgaben und Steuern erhält man, wenn überhaupt, nur in einem wochenlangen, nervenaufreibenden Tauziehen, bei dem man Fachkenntnisse aus der Speditionsbranche braucht, wieder zurück.

 

Wer übernimmt die Restaurierung?

Auf angeblich schon in den USA erledigte Arbeiten kann man sich nicht verlassen. Meine Sammlerstücke wurden von einem renommierten Spezialbetrieb in Hannover intern auf 230 Volt umgestellt und vollständig restauriert: Außen zum Beispiel durch spezielle Polier- und Reinigungstechniken, Neubedruckung von Skalen und Frontplatten im Siebdruck und andere Maßnahmen. Innen durch den Ersatz zahlreicher gealterter Bauteile durch bessere, moderne Typen, Nachbehandlung kalter Lötstellen sowie neuen Abgleich. Danach erreicht ein 50 Jahre altes Gerät wieder die Daten vom Tag seiner Auslieferung und erhält von der Firma ein Jahr Gewährleistung. Kostenpunkt: plus minus 1000 Euro, je nach Gerät.

 

Wenn Sie die freie Wahl haben: Welche Komponenten bilden Ihre ideale Anlage aus dem Jahr 1960 und aus dem Jahr 1969?

1960: Thorens TD 124 mit Tonarm Ortofon RMG 309, Tonabnehmer Ortofon SPU, Tonarmlift Ortofon Hi-Jack, Verstärkerkombination C 20/MC 240 von McIntosh und Lautsprecher AR-3 von Acoustic Research. 1969: Garrard 401 mit SME-Tonarm 3009 und Tonabnehmer Shure V-15, Verstärker Kenwood KA-6000 oder Sony TA-1120 und Lautsprecher Wharfedale Dovedale III.

 

Könnte man diese Anlagen heute problemlos bekommen?

Nur mit viel Geduld, wenn man auf Top-Erhaltung Wert legt.

 

Was müsste man zahlen?

Die Anlage von 1960 dürfte restauriert bereits im fünfstelligen Bereich liegen. Die 69er ist restauriert schon für etwa 2500 Euro zu haben.

 

Gibt es eine große Sammlergemeinde für Vintage-HiFi?

Ja, die gibt es, und sie tummelt sich vor allem in den einschlägigen Internetforen. Ich beteilige mich weniger daran, weil viele Teilnehmer Schnäppchenjäger und Bastler mit bescheidenen Ansprüchen sind.

 

Wollen Sie Ihre Sammlung noch ausbauen?

Da der Raum bei mir beschränkt ist, sehe ich die Sammlung als ziemlich abgeschlossen an. Was nicht ausschließt, bei einem interessanten Angebot doch wieder schwach zu werden. Längerfristig denke ich daran, das eine oder andere Gerät auch wieder zu verkaufen. Das ist wie mit den Schallplatten: Reizvoll ist vor allem die Suche. Wenn das Objekt der Begierde einmal im Haus und restauriert ist, ist die Begeisterung darüber nicht mehr ganz so groß.

 

Eine spezielle Leidenschaft von Ihnen gilt dem Plattenspieler Thorens TD 124. Was macht ihn so besonders?

Es ist ein mit außergewöhnlicher Präzision gefertigtes, nahezu unverwüstliches Modell. Außerdem hat der TD 124 zwei Besonderheiten, die kein anderer Plattenspieler für den Heimbereich vorweisen kann. Erste Besonderheit: Der Plattenteller ist zweiteilig. Er besteht aus einem 4,5 Kilogramm schweren gusseisernen Schwungrad über dem auf 6 Gumminoppen ein leichter Aluminiumteller mit Gummimatte von nur 500 Gramm Gewicht liegt. Dank der Zweiteilung lässt sich der Plattenteller anhalten, ohne die Schwungmasse dafür abbremsen zu müssen. Umgekehrt erreicht der Plattenteller praktisch aus dem Stand heraus die Solldrehzahl. Der ununterbrochene Lauf des Schwungrads und der Antriebsorgane sichert optimale Temperatur- und Schmierungsbedingungen und damit maximale Beständigkeit der Geschwindigkeit. Außerdem garantiert er hohe Lebensdauer des Laufwerks. Bei anderen Reibradspielern – zwangsläufig allen mit Automatikfunktion – sind häufiges Anlaufen des Tellers die Hauptursache von Abnutzung und Formveränderung des Antriebs. Die zweite Besonderheit: Der TD 124 ist ein so genanntes Plattenlaufwerk, bei dem die Auswahl eines der separat erhältlichen Tonarme dem Besitzer überlassen bleibt. Dieser Plattenspieler gilt heute zu Recht als weltweit von Sammlern und Schallplattenliebhabern verehrtes Kultobjekt des goldenen HiFi-Zeitalters.

 

Wie viele Thorens, wie viele Thorens 124 haben Sie?

Einen cremefarbenen TD 124 der ersten Serie – 1957-65 – und zwei graue der zweiten Serie – 1966-68. Außerdem drei TD 121 von 1962. Das war die nur in den USA und in geringer Zahl verkaufte Sparversion ohne Stroboskop und zweiteiligen Kuppelteller sowie nur mit der Geschwindigkeit 33 1/3 Umdrehungen pro Minute. Sehr selten. Der TD 121 hat einen nicht auf die Stromspannung in Europa umstellbaren Motor. Für die Restaurierungen in der Schweiz musste ich deshalb Motoren von 124ern besorgen. Schließlich habe ich noch einen Telefunken 220 studio. Das ist im Prinzip ein TD 135 mit zusätzlicher Automatikfunktion, den Thorens in der Schweiz für Telefunken in Deutschland als Auftragsfertigung hergestellt hat. Auch sehr selten.

 

Was muss man anlegen, um einen Thorens TD 124 zu bekommen?

Die Preisspanne reicht von 500 bis 2000 Euro, je nach Zustand und Ausrüstung sowie nicht restauriert. Eine komplette Top-Revision beim Spezialisten Schopper in der Schweiz mit neu produzierten Ersatzteilen kostet zusätzlich knapp 1000 Franken. Der TD 124 ist eines der ganz wenigen HiFi-Geräte, die heute gebraucht mehr kosten als früher als Neugerät. Ende 1967, als die Produktion eingestellt wurde, kostete er 520 DM.

 

Sie haben 2005 ein Buch über Thorens-Plattenspieler mit dem Titel „Schweizer Präzision“ verfasst. Worum geht’s darin genau?

Natürlich in erster Linie um den TD 124 und die anderen von Thorens in der Westschweiz von 1957 bis 1967 gebauten Modelle, darunter auch der seltene Plattenwechsler TD 224. Weiter um Tonarme und Tonabnehmer von SME, Ortofon und Shure, die typischerweise auf dem TD 124 Verwendung fanden. Die Konkurrenten des TD 124 werden vorgestellt. In Großbritannien waren das Garrard 301 und der Nachfolger 401. Schließlich beschreibe ich, wie das in Deutschland mit der High Fidelity begann und stelle damit die vorgestellten Geräte in den Zeitzusammenhang. Wohlgemerkt: Entsprechend meinen musikalischen Interessen geht es in dem Buch nur um die 1950er und 1960er Jahre. Nicht um die später produzierten, riemengetriebenen Thorens-Plattenspieler aus Lahr, und auch nicht um Trichtergrammophone aus der Vorkriegszeit, die Thorens ebenfalls hergestellt hat.

 

Ihr Buch ist 2008 in einer erweiterten zweiten Auflage erschienen. Weshalb in englischer Sprache?

Wegen der vielen Anfragen aus dem Ausland, die ich nach dem Erscheinen der deutschen Erstauflage erhielt. Dazu muss man wissen, dass der Thorens TD 124 hauptsächlich in Nordamerika und in den Commonwealth-Ländern verkauft wurde, weniger in Deutschland, der Schweiz und dem übrigen Europa.

 

Eine Neuauflage in deutscher Sprache ist aber auch geplant.

Das dürfte noch etwa zwei Jahre dauern. Vor mir liegt noch eine Sisyphusarbeit mit dem Auswerten hunderter alter HiFi-Magazine aus dem In- und Ausland sowie von historischen Fachbüchern, die ich in den letzten Jahren über eBay kaufen konnte. In diesem Buch beschreibe ich nicht nur die Kindertage der High Fidelity in Deutschland, sondern auch in den USA und in Großbritannien, wo die Bewegung ihren Anfang nahm.

 

 „Schweizer Präzision“, das Buch von Joachim Bung über den TD 124 und andere Thorens-Plattenspieler, ist in der deutschen Ausgabe nur noch antiquarisch erhältlich. Die englischsprachige Ausgabe ist für 71 EUR inkl. MwSt. und versichertem Versand erhältlich über: info@td-124.de – mehr zum Buch hier und hier.

 

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Fr

18

Apr

2014

Von Babyblau bis Blutrot

Von seiner absoluten Lieblingsband, den Red Hot Chili Peppers, besitzt Dario Vorusso eine ansehnliche Memorabilien-Sammlung: Goldene Schallplatten, Platin-Schallplatten, Auszeichnungen wie den MTV Award, Bühnenjacke von Anthony Kiedis, handgeschriebene Briefe. Aber, was natürlich auch nicht im Regal fehlen darf, sind Exemplare der beiden einzigen in farbigem Vinyl erschienenen LPs der Band. Denn da sind wir bei der anderen großen Leidenschaft des im Kraichgau lebenden Sammlers: LPs in farbigem Vinyl. 500 Stück hat er inzwischen zusammengetragen.

 

Dario, gibt es für farbiges Vinyl eine eigene Sammlerszene?

Die gibt es bestimmt. Aber ehrlich gesagt, beschäftige ich mich nicht groß damit. Ich präsentiere zwar meine Farbvinylplatten auf meiner Homepage – www.darios-vinyl.de –, aber ich kontaktiere selbst nur Leute, die ein Exemplar verkaufen, das ich haben möchte.

 

Wo machst du deine Funde?

Plattenläden und Börsen sind weniger mein Ding. Ich habe auch noch keinen Plattenladen gefunden, der farbiges Vinyl separat präsentiert. Da ich doch recht speziell sammle und eine genaue Vorstellung habe, was ich möchte, bewege ich mich fast nur im Internet, bei eBay und Discogs.

 

Wie ging’s bei dir mit dem Plattensammeln los?

Alles hat 1980 angefangen mit dem Kauf meiner ersten Platte, „Highway To Hell“ von AC/DC. Das war als Bon Scott, der legendäre AC/DC-Sänger, starb. Da war ich zwölf. Es war für mich damals das Größte, wenn ich 20 Mark zusammen hatte und mir eine LP kaufen konnte. Nach „Highway To Hell“ kam „Back In Black“, dann die ganzen „New Wave of British Heavy Metal“-Bands: Iron Maiden, Judas Priest, Saxon, Motörhead und so weiter. Aber Ende der 80er war erst mal Schluss mit der LP. Mit der CD konnte ich mich nie wirklich anfreunden.

 

Was steht aktuell in der Sammlung?

Zirka 1000 LPs, wenige EPs, ungefähr die Hälfte sind farbige Platten. Meine CDs habe ich vor Jahren alle verkauft. Natürlich habe ich sie vorher digitalisiert, das reicht mir. Zu Hause höre ich eh nur Vinyl. Musikrichtung Rock, Hardrock, Heavy Metal. Red Hot Chili Peppers, Police, 3 Doors Down, aber auch Typen wie David Bowie, Frank Zappa, Kultbands wie Kraftwerk, viele alte Bands natürlich, Beatles, Stones, Pink Floyd, Led Zeppelin, Doors. Ein zweiter Sammelbereich sind Soundtracks, Filmmusik.

 

Die erste farbige Platte?

„Highway to Hell“ gab es ja damals schon als deutsche Pressung in orangefarbenem Vinyl. Ich war total fasziniert, hatte aber selbst nur die normale schwarze Version. Meine erste Colored Vinyl habe ich mir aber erst 1988 gekauft, „Release From Agony“ von Destruction in weißem Vinyl.

 

Nicht jede farbige Platte ist einfarbig. Was sind die Unterschiede?

„marbled“ sind meistens gemischt farbige Platten, die aussehen wie Marmor. Sie können aber auch einfarbig sein und man erkennt die Marmorierung nur, wenn man die Platte gegen das Licht hält. Platten, die aussehen, als wären Farbspritzer drauf, nennt man „splatter“. Bei „multicolor“ sind es mehrere Farben, die aber nicht unbedingt ineinander laufen. Bei „swirled“ laufen die Farben ineinander. „split“ heißen Platten, bei denen auf einer LP-Seite zwei voneinander getrennte Farben sind. Es gibt aber auch Varianten, bei denen eine Split-LP Splatter mit drin hat oder Swirled mit Splatter.

 

Deine Favoriten?

Ich mag sehr die marmorierten Scheiben, vor allem sehen die zum Teil auch edel aus, wie einige bernsteinfarbene Platten, die ich habe. Aber auch Splatter Vinyl, Multicolor und die einfarbigen – ich mag sie alle.

 

Gibt es auch Alben, die auf jeder Seite verschieden farbig sind?

Gute Frage, da wurde nämlich vor wenigen Wochen die erste LP hergestellt. So hat es zumindest das Label Waxwork Records verkauft. Es geht um den Soundtrack von „Rosemary’s Baby“, eine Seite Babyblau und die andere Seite Blutrot. Es wurden nur 200 Stück in dieser Version gepresst. Anfangspreis 20 Euro, nach acht Wochen im Internet nicht mehr unter 150 Euro zu bekommen. Ich habe zwar eine Laurel-und-Hardy-LP, die auf der einen Seite gold und auf der anderen Seite silbern ist, das sind aber Folien, also das gleiche Prinzip wie bei Picture Discs.

 

Was ist für dich wichtiger: Musik oder Aussehen der Platte?

Zu 95 Prozent sammle ich, was ich wirklich gerne höre. Ich habe aber auch ein paar Platten, die ich nur wegen des Aussehens gekauft habe.

 

In den 70er Jahren war eine Hochphase für farbiges Vinyl. Wie viel wird heute produziert?

In den letzten Jahren waren die farbigen Platten schwer im Kommen, vor allem als stark limitierte Sammlerstücke. Es gibt zehn bis zwölf Labels, die sich darauf spezialisiert haben.

 

Wie hoch sind die Stückzahlen?

Normalerweise werden zwischen 200 und 2000 in Farbe gepresst und dann geht es in schwarz weiter. Ausnahme zum Beispiel die Soundtrack-LP zu „Inception“ mit Leonardo Di Caprio und den Kompositionen von Hans Zimmer. Die wurde 1000-mal in klarem Vinyl veröffentlicht und das war es, keine weiteren schwarzen Exemplare. Für diese Scheibe muss man im Internet inzwischen 400 bis 500 Euro hinlegen.

 

Kannst du ein paar Labels aufzählen?

Music On Vinyl produzieren zwischen 500 und 2000 Stück in farbigem Vinyl, bevor in schwarz gepresst wird. Richtig gute Sachen, vor allem auch in einer hervorragenden Pressqualität. Das italienische Label Night of the Vinyl Dead presst nur, was vorher noch nie auf Vinyl erschien, zirka 300 bis 400 Stück, die sind sehr begehrt. Nuclear Blast machen farbige LPs, die zum Teil auf nur 100 Exemplare limitiert sind. Weitere Labels: Mondo, Waxwork Records, Back On Black oder High Roller Records, um nur einige zu nennen.

 

Gerade bei Bootlegs wird sehr viel in farbigem Vinyl raus gebracht. Das ignorierst du aber komplett.

Ich sammle nur Platten, die bei einem Interpreten in der offiziellen Diskografie stehen. Bootlegs gibt es in Massen, auch in farbigem Vinyl, da geht für mich der Reiz verloren, ganz zu schweigen davon, dass die Soundqualität oftmals sehr zu wünschen übrig lässt.

 

Hast du von den farbigen Platten zusätzlich eine Ausgabe in schwarzem Vinyl?

Selten. Gibt es zwei Versionen von einem Album, das mich interessiert, habe ich immer die Farbversion.

 

Weshalb wird eigentlich überwiegend in schwarz gepresst?

Weil man dabei recyceltes Vinyl verwenden kann. Bei einer farbigen Platte muss immer reines Vinyl verwendet werden. Natürlich kommen wir hier zu dem Thema: Klingt eine schwarze Vinylplatte besser, weil zum Beispiel das schwarze Vinyl ölhaltiger ist und sich somit besser von der Presse lösen lässt?

 

Und? Klingen die Schwarzen besser?

Hier gibt es meiner Meinung nach die abenteuerlichsten Geschichten. Ich sage dazu nur, dass es schlechte schwarze und gute farbige Pressungen gibt und umgekehrt. Bei Picture Discs ist das was anderes, die klingen definitiv schlechter, aber auch da gibt es natürlich Unterschiede.

 

Welche Picture Discs sammelst du?

Nur Soundtracks. Ich habe alle 12-Inch-Picture-Discs von Disney und von Laurel und Hardy. Ansonsten nur welche von den ganz großen Filmen, von denen es keine farbigen Vinylplatten gibt, wie „Jurassic Park“ oder „E.T.“. Die einzige Picture Disc, die nichts mit einem Soundtrack zu tun hat, ist die bekannte „Medusa“.

 

Soundtracks sind ein wichtiger Teil deiner Sammlung.

Genauso wie ich großer Musikfan bin, bin ich auch großer Filmfan. Gerade die Soundtracks von den großen Komponisten wie Hans Zimmer, John Williams, Marco Beltrami, John Barry, Howard Shore und so weiter sind sehr schön anzuhören. Das Bedauerliche ist, dass es von den größten Blockbustern den Soundtrack nicht auf Vinyl gibt, sondern nur auf CD.

 

Ein paar Highlights aus deiner Sammlung mit Filmmusik?

„The Great Gatsby“, zwei LPs, nicht aus Vinyl, sondern aus Metall, eine vergoldet, eine mit Platin überzogen, aber keine Awards, verpackt in einer aufwändigen Holzbox, davon wurden 100 Stück gemacht. „Cinderfella“ mit Jerry Lewis von 1960 in Multicolor Vinyl, ist sehr begehrt.

 

Von den Soundtracks abgesehen – auf welche Platten bist du besonders stolz?

Da gibt es einige. Ich kaufe mir lieber eine teure seltene Platte, als für das gleiche Geld mehrere normale Scheiben. Das ist auch der Grund, warum in meiner Sammlung „nur“ zirka 1000 Platten stehen. Ein paar Beispiele: Rolling Stones, „Sticky Fingers“, als tschechische Nachpressung vom Label Globus International in grünem Splatter Vinyl. Ich habe mal von einem ehemaligen Mitarbeiter der Plattenfirma die inoffizielle Mitteilung bekommen, dass von dieser Variante nur 50 Stück gepresst wurden. Meine rote kolumbianische Pressung vom Ozzy-Osbourne-Album „Ultimate Sin“ ist ebenfalls ultra rar. Die Led-Zeppelin-Box „The Song Remains The Same“ mit vier weißen Vinylplatten gibt es auch nur 200-mal.

 

Was steht auf der Suchliste?

Die beiden Metallica-Boxen „Death Magnetic“ und „Black Album“ in weißem Vinyl. Von jeder Box wurden nur 50 Stück gemacht. Das AC/DC-Album “If You Want Blood You’ve Got It” als holländische Splatter-Vinyl-Pressung aus den 70ern, davon wurden 500 Stück gepresst. Irgendwann möchte ich die einzige Farbvinylplatte von Michael Jacksons „Thriller“ haben, eine weiße Pressung aus Ecuador.

 

Zu den Preisen von farbigen Platten: Welche werden am höchsten gehandelt?

„The Wall“ von Pink Floyd als orangefarbene italienische Pressung bekommt man nicht unter 3000 Euro. Auch für einige kolumbianische Pressungen in blauem Vinyl von Pink Floyd oder Queen muss man teilweise sogar fünfstellige Eurobeträge hinblättern. Schwedische farbige Pressungen von verschiedenen U2-Alben kosten auch mehrere Tausend Euro.

 

Und was kostet eine neue farbige Platte im Vergleich zu einer schwarzen?

Bei Neuerscheinungen gibt es keinen großen Preisunterschied. Da liegen die Platten zwischen 20 und 30 Euro. Ist die farbige aber nur auf wenige Exemplare limitiert, muss man bei einer Neuerscheinung auch schon mal das Fünffache bezahlen.

 

Wird man eigentlich von anderen Sammlern belächelt mit diesem Sammelgebiet?

Bestimmt, aber das ist mir egal. Was zählt ist doch die Leidenschaft und die Freude, die man damit hat, egal was jemand sammelt. Ich bin mir sicher, dass viele auch meine Sammlung cool finden.

 

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Di

24

Dez

2013

No More Christmas Blues

Nein, es ist überhaupt nicht peinlich, Weihnachtsplatten zu sammeln. Schließlich geht’s auch ohne Bing Crosby und George Michael. Man muss nur eine Weile graben, um auf die unglaublichsten Nummern zu stoßen. Die Frage ist nämlich nicht: Wer hat schon alles eine Weihnachtsplatte aufgenommen?, sondern: wer nicht? Die folgende Auswahl ist deshalb total willkürlich, schnell zusammengestellt, aber alle Platten sind dermaßen gut oder wenigstens abartig genug, dass sie unbedingt auf den nächsten Wunschzettel gehören. Wer keine 365 Tage warten will, kann sich bis dahin alle Titel auf YouTube anhören.

 

1) Alan Vega, „No More Christmas Blues“

Gleich mal Angst einjagen. Vegas hypnotisches, schönes, gespenstisches, irres Sprechgesinge treibt wenig Aufwand mit maximalem Ergebnis. Ein Song für einen David-Lynch-Soundtrack.

 

2) Johnny Moore’s Three Blazers, „Merry Christmas, Baby“

Klassiker. Oft gecovert, ziemlich klasse von Chuck Berry. Aber noch eine Spur relaxter das Original von 1947.

 

3) Sufjan Stevens, „Do You Hear What I Hear?“

Hübsche Gesangsmelodie, aber ein cooler Indiesong darf nicht zu nett sein, denkt sich Sufjan Stevens und ballert aus allen Ecken mit seinem Synthie dagegen, dass es fast weh tut. Fast. Ein Stück aus seinem Weihnachtswerk, das bisher 100 Songs auf 10 EPs in 2 Boxen umfasst, 2006 und 2012 erschienen.

 

4) Siouxsie And The Banshees, „Il Est Né Le Divin Enfant“

Ein altes französisches Weihnachtslied. Nicht das, was man sonst von Siouxsie kennt. Mais très charmant.

 

5) The Five Keys, „It’s Christmas Time“

Ach, Männer können keine Gefühle zeigen? Dann mal genau hinhören, wie diese Doo-Wop-Artisten „ding-dong, ding-dong“ schmachten.

 

6) James Chance, „Christmas With Satan“

10 Minuten lang ist der Teufel los. Das Saxofon geht einem wunderbar auf die Nerven, die kecken Mädchenstimmen grooven, Free Jazz, Punk, Funk, Krach, frohes Fest.

 

7) Michel Warlop Et Son Orchestre, „Christmas Swing“

Jetzt komm ich, sagt Michel Warlop nach einer halben Minute zu Django Reinhardt und startet ein rasendes, fiebriges, furioses Violinensolo. Die Aufnahme entstand drei Tage vor Heiligabend 1937.

 

8) Lou Reed, „Xmas In February“

Es geht nicht wirklich um Weihnachten in diesem traurigen Lied, sondern um Vietnamveteranen und Einsamkeit, enttäuschte Hoffnungen und diese ganzen unangenehmen Sachen, und dann, na ja, dann doch irgendwie um Weihnachten. Sei’s drum. Es sind drei Gedenkminuten für einen Meister.

 

9) Jimi Hendrix, „Little Drummer Boy/Silent Night/Auld Lang Syne“

In einem YouTube-Kommentar erzählt jemand, dass er an Weihnachten regelmäßig mit seinem Bruder zusammen ein paar Acids eingeworfen hätte. Einmal sei dabei auch dieses Stück im Radio gelaufen und: „it definitely enhanced our trip“. Das wäre also der eine Grund, sich diesen Titel anzuschaffen. Der andere: Jemand sammelt Weihnachtsplatten.

 

10) The Marcels, „Merry Twist-Mas“

1961 twistete jeder. Auch an Weihnachten. Fragen wir deshalb nicht, wie einfallsreich der Song ist, sondern einzig und alleine, ob wir still sitzen können, wenn er läuft.

 

11) Tom Waits, „Christmas Card From A Hooker in Minneapolis“ / Interzone, „Karl“

Die Spendenbereitschaft steigt an Weihnachten. Hat sich auch Charleys Ex gedacht, schickt ihm eine rührselige Karte und hätte gerne, dass er ihr auch was schickt: nämlich Dollarscheine. Auf Deutsch heißt Charley Karl, und der Song heißt auch so, und er ist auch genauso brillant wie der von Tom Waits, vorgetragen von den leider kolossal unterschätzten Interzone aus Berlin.

 

12) Chuck Billy, „Silent Night“

Die gleiche Engelsstimme wie Tom Waits, aber halt Thrash Metal – Motto: Wir kotzen auf euren Festtagsbraten.

 

13) Vince Guaraldi Trio, „O Tannenbaum“

Wer achtete schon auf die Hintergrundmusik, wenn die Peanuts im Fernsehen liefen? Fehler. Vince Guaraldi bringt sogar den Tannenbaum dezent und elegant zum swingen. Erschienen 1965 auf dem Soundtrack „A Charlie Brown Christmas“, eingespielt für das gleichnamige TV-Special.

 

14) The Wailers, „Christmas Is Here“

So hört sich’s an, wenn der Duft von Tannenzweigen und Ganya sich mischen und Bob Marley noch nicht nach Bob Marley klingt.

 

15) The Fall, „Jingle Bell Rock“

Eigentlich könnte man prima drauf abrocken, wenn’s nicht schon nach 69 Sekunden zu Ende wäre. Ein Schnipsel aus den zahllosen Peel Sessions, die The Fall eingespielt haben.

 

16) Keith Richards, „Run Rudolph Run“

Wegen der Zeile: „All I Want for Christmas Is A Rock’n’Roll Electric Guitar“. Wegen Keith Richards, der vor ein paar Tagen 70 geworden ist.

 

17) Bertha „Chippie“ Hill, „Christmas Man Blues“

Einen Mann, einen ausgewachsenen Mann möchte sie geschenkt haben – und sonst gar nichts. Kein besonders origineller Weihnachtswunsch, auch nicht besonders originell dargeboten. Aber wie dieses arme Mädel have mercy fleht, geht ans Herz, und das ist schließlich das einzig Wichtige beim Blues.

 

18) Daniel Johnston, „Rock Around The Christmas Tree“

Drummer völlig daneben, Gesang völlig daneben, Gitarre, Text, alles daneben, Daniel Johnston, Genie und Wahnsinn.

 

19) Hasil Adkins, „Santa Claus Boogie“

Noch so ein wahnsinniger Amateur. Einer, der kapiert hat, dass guter Rock’n’Roll böse sein muss.

 

20) Josh T. Pearson, „O Holy Night“

Das ist wahrlich kein Spaß, was dieser texanische Folksänger uns verkündet. Es sind qualvoll lange Minuten voller Schwermut und Seelenpein. Und ein super Rausschmeißer, mit dem man den Gästen schnell beibringt, dass die Weihnachtsparty beendet ist und sie sich jetzt gefälligst in die eiskalte, mitleidlose Heilige Nacht aufmachen sollen.

 

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Mi

30

Okt

2013

She stole my record collection und andere Katastrophen

Immer wieder gern gehört, die Geschichten, wie jemand mit Energie, Glück, Wahnsinn, viel Geld und viel Zeit eine Neid einflößende Plattensammlung zusammenträgt. Die Geschichten, wie jemand seine Platten wieder loswird, sind aber auch nicht übel.

 

Ed Vulliamy, britischer Journalist, vertraute beispielsweise sein Vinyl einer Umzugsfirma und United Airlines an, um es von England in die USA bringen zu lassen. Nur, mit den Frachtpapieren ging irgendwas schief, und seine 1600 Schallplatten und 3000 Bücher wurden vom Zoll in Phoenix, Arizona nicht an ihn, sondern auf die Müllkippe weitergeleitet. Wie er alle Hebel und etliche Dollar und Pfund in Bewegung setzt, um sich die raren Auflagen von Colosseum, Son House, Buffalo Springfield oder Hendrix neu zu beschaffen, kann man hier nachlesen.

 

Eine kleine, aber feine Sammlung von 78ern übergab Elvis Presley 1968 seinem Gitarristen Scotty Moore. 26 Platten von Brownie McGhee über Hank Snow bis zu Sammy Davis Junior, die frühen Einflüsse von Elvis. Moore sollte die Musik auf Tonband überspielen. Nachdem die Pläne für eine Europatour scheiterten, sahen sich die beiden nie wieder. Die Platten wurden vergessen, Elvis habe sie nie zurückgefordert, sagt Moore. 2010 ließ er sie in London versteigern: für 75.000 Dollar.

 

Lange vergessen waren auch 7000 bis 8000 Vinylalben, hunderte Kassetten mit massenweise unveröffentlichtem Material und Masterbänder von J Dilla, Hip-Hop-Musiker und Produzent so berühmter Namen wie A Tribe Called Quest, Busta Rhymes, De La Soul. Die Sammlung hatte er wegen eines Wassereinbruchs in seinem Keller in Detroit in ein Lagerhaus gebracht, kurz bevor er nach Los Angeles umzog. Zwei Jahre später, 2006, starb J Dilla erst 32-jährig an einer Autoimmunkrankheit. An das Plattenlager denkt danach keiner mehr, die Miete wird nicht gezahlt. 2012 kauft der Betreiber eines Plattenladens alles auf, ohne Ahnung, wer der Vorbesitzer war. In den Kisten findet er Briefe mit dem Namen James Yancey, googelt, merkt, dass James Yancey J Dilla ist, was für einen Schatz er da gehoben hat. Er fängt an das Vinyl in seinem Laden zu verkaufen, die Sache wird publik, Angebote aus aller Welt laufen ein, schließlich meldet sich J Dillas Mutter bei ihm, er stoppt den Verkauf und überlässt den gesamten Fund letztendlich ihr. Einen Teil der Platten inseriert sie bei eBay, die wichtigsten Stücke der Sammlung sollen in ein Hip-Hop-Museum übergehen.

 

Zwei Randnotizen zu zwei Hurrikans: Fats Domino verlor 2005 durch Hurrikan Katrina nicht nur dutzende Gold- und Platin-Schallplatten, sondern sein komplettes Haus inklusive drei Pianos und unzählige weitere Erinnerungsstücke an seine Karriere. Kleiner Trost: 20 der Goldenen Schallplatten wurden als Reproduktionen angefertigt und Fats Domino 2007 überreicht. Ein verwackeltes Filmchen zeigt, was Hurrikan Sandy 2012 im Büro von Matthew T. Kaplan, Anwalt für Musiker und Labels, anrichtete: 2000 Alben und „20 feet of singles ... jazz singles, ska, reggae and the complete Two Tone singles collection“ standen unter Wasser.

 

Verheerender noch als solche Naturkatastrophen können sich allerdings die Urteile einer strengen Justiz auf Schallplatten auswirken. Von dem im Süden von Wales lebenden Karl Wiosna wird berichtet, dass er Cher und U2 zu oft und zu heftig aufgedreht hat. Krach, unerträglich, wie die Nachbarn fanden. Wiosna bekommt eine Verwarnung, macht aber nicht leiser, und das Gericht macht ernst. Eine Geldstrafe wird fällig, CD-Sammlung und Stereoanlage werden beschlagnahmt und – sollen nicht etwa einem guten Zweck zugeführt, sondern zerstört werden.

 

Storys über das Klauen von Schallplatten dürfen nicht fehlen. Erster Fall: Das Opfer: Lola Chambers, Frau von Lester Chambers, Sänger der „Time Has Come Today“-Chambers Brothers. Die Beute: Eine umfassende Sammlung der Aufnahmen ihres Mannes, mehr als 60 Alben und 100 Singles. Der Verlust der vielen außerhalb der USA erschienen Pressungen wiegt dabei besonders schwer. Sie sollten den Chambers als Beweis dienen, dass Columbia Records jahrelang keine Lizenzen für diese Veröffentlichungen zahlte.

 

Wie ein wahrer Sammler reagiert, wenn ihm Platten gestohlen werden, zeigt eine andere Meldung: Der arme Kerl wurde im britischen Sussex brutal überfallen, danach fehlten ihm Handy, Schlüssel, Bargeld, eine Tasche mit Soul-Singles und ein Zahn. „the victim ... is upset about the loss of his record collection“, gibt die Polizei zu Protokoll. Die Schrammen im Gesicht und der ausgeschlagene Zahn scheinen ihm weniger auszumachen.

 

Zum Schluss sei ein Song erwähnt über das Ende einer Beziehung – zur Freundin und zur Plattensammlung. Mit der ist die Freundin nämlich abgehauen. Bleibt auch hier die Frage, wem der Betroffene mehr nachtrauert. Wer sich das Drama anhören möchte, sucht bei YouTube nach „She Stole It“ von Ian McLagan & The Bump Band.

 

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Di

13

Aug

2013

Jello Biafra’s Incredibly Strange Record Collection

Ich bräuchte mal jemand, der wieder Ordnung in meine Plattensammlung bringt, sagt sich Jello Biafra, Punkrocker, Politaktivist, berühmt geworden als Frontmann der Dead Kennedys. Ich bräuchte mal ein paar Dollar, um meine Miete hier in San Francisco zu zahlen, sagt sich Rokko, Wiener Journalist und Macher des Kulturmagazins „Rokko’s Adventures“. „Eine sehr coole Lady“ bringt die beiden Herrn zusammen, der Job ist geritzt und weil nach einigen Monaten die Platten akkurat einsortiert sind, gibt Jello Biafra auch gerne ein Interview für „Rokko’s Adventures“: über Wesley Willis, über Metal-Bands, deren Sänger Pitbulls oder ein Papagei sind, über die wirklich obskuren Stücke seiner Sammlung.

 

Aber noch mal von Anfang an, Rokko: Was hast du in San Francisco gemacht? Wie kam die Verbindung mit Jello Biafra genau zustande?

Ich hab in San Francisco hauptsächlich Interviews gemacht, mit Leuten wie V. Vale, Monte Cazazza, Meri St. Mary, Lisa Carver, Mark Pauline von den Survival Research Laboratories, James Williamson und Steve Mackay von den Stooges – und dann auch eins mit Jeri Cain Rossi, die in Bands wie Your Funeral und Black Cat Bone spielte und auch Shows von GG Allin und Joe Coleman veranstaltet hat. Außerdem hat sie Bücher geschrieben, sie gilt sozusagen als „weiblicher Bukowski“ und arbeitet heute für Ron Turner und seinen Verlag Last Gasp – eine sehr coole Lady. Ich hab mich gut mit ihr verstanden und mich öfter mit ihr getroffen. Irgendwann hab ich ihr gesagt, dass meine Wohnsituation grade ziemlich beschissen ist und es stellte sich heraus, dass bei ihr grade ein Zimmer frei war. Das gehörte ab da mir. Als die Miete zu zahlen war, fragte sie mich vorausschauend, ob ich einen Job suche – dann hat sie Jello angerufen und ich bin mich sozusagen vorstellen gegangen.

 

Jello Biafra war also auf der Suche nach jemandem, der ihm beim Ordnen seiner Platten hilft?

Jeri hatte diese Tätigkeit vor mir auch mal gemacht, um sich am Wochenende ein bisschen Geld dazuzuverdienen. San Francisco ist eine ziemlich teure Stadt geworden, seitdem der Tech-Boom dort eingezogen ist.

 

Was hast du im ersten Moment gedacht, als sie dir das vorschlug?

Let’s give it a shot!

 

Wie war die erste Begegnung mit ihm? Was sagte er, was du genau tun sollst?

Am Anfang hieß es erst mal Abschnuppern, aber nachdem er dann merkte, dass ich Platten wertschätze und wir ein paar Gemeinsamkeiten haben, ich meinen Hausverstand benutze et cetera, war das dann recht unkompliziert. Er zeigte mir mal seine Platten und ich fing dann an, die Singles, die noch nicht eingeordnet waren, zu sortieren.

 

Hatte er kein Problem, jemand Fremdes an seine Platten zu lassen? Viele Sammler sind da ja extrem eigen.

Nein, der merkte dann schon, dass ich Platten zu schätzen weiß und sie nicht durch die Gegend schmeiße. Und ich kannte Jeri schon ganz gut, die versicherte ihm, dass ich kein Hallodri wäre.

 

Nach welchem System sollte geordnet werden?

Also die alphabetische Reihenfolge hatte sich scheinbar bei Jello schon in den letzten Jahrzehnten seiner Sammeltätigkeit als sinnvoll erwiesen, jetzt sollte ich einfach so weitermachen. Der hat da ganz genaue Vorstellungen. Anfangs wurden noch so kleine Details abgeklärt: Hasil Adkins unter Adkins – aber Iggy Pop unter Pop oder Iggy oder gar Stooges? Wie soll man Splits und Sampler einordnen? Solche Fragen gab es zu klären. Aber da bekommt man den Dreh auch bald raus. Und im Zweifel lieber fragen, denn sonst hat Jello seine Platte zum letzten Mal gesehen. Ich hatte mich um die neuen, ungeordneten Kisten zu kümmern, um Platten, die er erst gekauft hatte, und die sozusagen in die bestehende Ordnung zu integrieren waren, beziehungsweise diese Ordnung umzukrempeln, wenn es nicht anders ging. Die Formate – Vinyl: 12“s, 10“s, 7“s und CDs – sind getrennt, alles andere ist alphabetisch geordnet. Naja, und dann hat er noch ein paar obskure Kisten, Genre-Musik, wo etwa Hypnose-Platten drin sind: Platten zum mit dem Rauchen aufhören, Platten zum Gewicht abnehmen. Für so Sonderfälle hat er eigene Kisten – und von denen gibt es einige.

 

Gab’s so was wie geregelte Arbeitszeiten?

Die Arbeitszeiten waren über Monate hinweg sehr flexibel. Ich war auch mal zwei Wochen nicht in der Stadt, dann war nichts los, dann fünf Tage durcharbeiten und so weiter. Aber das verlief ganz korrekt, die Stunden wurden immer mitgeschrieben. Es war kein Job, mit dem man reich wird, aber die Entlohnung war doch so, dass man sich nicht verarscht vorkommt.

 

Das klingt auch nicht nach einem Nine-to-Five-Job.

Jello ist ein astreiner Nachtmensch, das heißt, vor 14 Uhr braucht man nicht kommen – dafür geht er auch erst ins Bett, wenn andere aufstehen. Das war alles immer recht kommod, wir nahmen uns gewisse Tage vor und dann kam ich entweder so um 15 Uhr herum zu ihm oder ich rief ihn vorher an und fragte, wie sein Tagesplan ausschauen würde, sagte ihm, wann ich konnte. Alles war immer sehr flexibel und je nach Bedarf und Laune. Oft arbeitete er nebenbei, machte Zeug für sein Label Alternative Tentacles, fixierte Studiotermine für seine Band The Guantanamo School of Medicine, beantwortete Presseanfragen oder was auch immer anfiel. Wenn er grad nicht telefonierte, böllerten wir gern Musik durchs Haus, die uns in die Hände fiel oder wo er meinte: „Wenn du das magst, dann solltest du mal das hören!“ Da waren gerade neue Nachbarn eingezogen, die das nicht so cool fanden, wenn wir mitten in der Nacht noch YBO2 durch seine Boxen jagten, aber er meinte zu denen: „That’s my profession!“ Dann hatte er auch Erledigungen außer Haus zu tun und ich blieb alleine mit seiner Katze dort und arbeitete weiter. Alles unkompliziert. Manchmal fuhr ich auch mit, holte mir was zu essen. Und das sollte ich auch sagen: Jello Biafra hört sich jede CD von den Bands selbst an, die sich bei Alternative Tentacles bewerben, und zwar im Auto – das ist die einzige Situation, wo er Zeit dafür hat. Ich war da manchmal sogar ungeduldiger als er, weil er hörte sich wirklich durch so scheißlangweilige Hardcore-Bands, wo ich schon nach dem ersten Ton meinte: pffffff … schon tausendmal gehört. Auf die Frage, ob er jemals ein Demo bekommen hatte, wo er dann meinte, das muss er rausbringen, antwortete er grinsend mit einer Story über Wesley Willis. Dann saß ich bescheiden nickend da und hörte mich mit ihm durch ein paar weitere Demos.

 

In deinem Interview erfährt man viel über seine ausgefallenen Platten, aber was steht sonst noch in seiner Sammlung?

Alles, von GG Allin über Howlin’ Wolf über Yma Sumac über Nicodemus über … Auch einige Industrial-Perlen, österreichische Punkbands wie Dirt Shit. Techno fällt ziemlich raus. Die Plattensammlung ist buntest durchmischt, aber im Interview wollte ich ihn dann nicht nach den offensichtlichen Platten und Bands wie Devo oder den Sex Pistols fragen, sondern eher nach den obskureren, wo man vielleicht auch überrascht ist, dass sie ihm gefallen.

 

Bist du beim Ordnen schnell vorwärts gekommen oder hält man da ständig inne und schaut sich die Cover an und legt die Platten auf?

Doch, bei manchen Exemplaren bin ich schon länger hängen geblieben und wenn’s gepasst hat, hab ich sie auch gleich aufgelegt, weil ich neugierig war, was da drin war.

 

Kam dir öfter der Gedanke, dieser Jello Biafra hat aber einen komischen Geschmack?

Das ging gut, ich hab auch einen komischen Geschmack.

 

Du sammelst selbst?

Ja, ich sammle schon. Ich kauf so gut wie keine CDs, eigentlich nur Vinyl, aber trotzdem geht es mir auch um die Musik. Im Amiland hab ich viel Exotica-Zeug gekauft, das man dort ungefähr so billig kriegt wie bei uns Heino oder Scorpions, auch wenn die Preise in den Thrift Stores da ein bisschen angezogen haben, nachdem V. Vale von RE/Search Publishing seine „Incredibly Strange Music“-Bücher veröffentlicht hat und da mal eine breitere Zuhörerschaft auf diese Phänomene aufmerksam machte. Neben Yma Sumac und Martin Denny werden in den Büchern auch Sammler wie die Cramps und eben Jello Biafra ausführlich interviewt – sehr zu empfehlende Lektüre.

 

Im Interview sprichst du von Abermillionen Platten in seinem Haus – wie viele sind’s wirklich?

Ich bin ein schlechter Schätzer, sagen wir: Stockwerke.

 

Wie sind die Platten aufbewahrt?

Ganz verschieden, ein paar in Hüllen, ein paar ohne, ein paar in selbstgebauten Regalen, andere in gekauften Plastikkisten. Er passt auf jeden Fall auf seine Platten auf, hat zum Beispiel verschiedene Nadeln für verschiedene Plattenzustände, aber er ist kein Snob.

 

Ihm geht’s wohl auch mehr um die Musik, die auf einer Platte ist, als darum, irgendeine rare Erstpressung im Regal zu archivieren.

Er ist ein Jäger und Sammler, das schon, aber er ist da nicht abgehoben. Es geht ihm um die Musik. Er hört sich die Platten auf jeden Fall an, die schimmeln nicht einfach dahin.

 

Im Interview spricht er auch davon, dass er oft nach Bauchgefühl kauft, ohne zu wissen, was für Musik auf einer Platte ist.

Genau, wenn er was nicht kennt und es ihn anlacht, dann ist es schon in der Tasche. Ihn treibt die Neugier, kein abstrakter Sammelwahn.

 

Wie endete der Job?

Ja, am letzten Tag im Juli dieses Jahres war er außer Haus und ich schichtete die letzten Platten ein. Ich räumte dann noch ein bisschen um, damit der Platz in den Kisten von A bis Z wieder eher gleichmäßig verteilt ist, über mehrere Regale in mehreren Räumen. Stehleiter rauf, Packen runter, dort rein. Dann war das auch fertig, er noch immer nicht zurück, jetzt hab ich Kaffee getrunken, Musik gehört, mich auf sein Sofa gesetzt und durch ein paar seiner Bücher geblättert. Wie an einem Arbeitsplatz eigentlich nicht zu empfehlen, bin ich dann eingeschlafen. Als er zurückkam, sagte ich, es wäre ein ziemlich unproduktiver Tag gewesen und ich wäre zufrieden, wenn er mir dafür zwei, drei Platten geben würde, die ich doppelt gefunden hatte. Darunter war eine Esquivel, damit war ich schon glücklich. Ich komm wieder zurück, wenn er wieder ein paar einzuordnende Kisten hat, war die Abmachung. Aber derweil ist er auf Europa-Tournee, also sehen wir uns vorher in Wien.

 

Das Interview „Jello Biafra’s Incredibly Strange Record Collection“ aus der aktuellen Ausgabe Nummer 13 von „Rokko’s Adventures“ kann man hier nachlesen. Texte über die oben genannten Monte Cazazza hier und Joe Coleman hier. Die kompletten Magazine in gedruckter Form kann man sich hier vor Ort besorgen oder hier bestellen.

 

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Mo

03

Jun

2013

Cover-Lover

Grob gesagt, sind Plattencover nichts als Versprechungen, Reklame halt. Aber auf die fallen wir ja alle gerne mal rein. Eine Platte kaufen, bloß weil die Hülle einen anmacht, ist schließlich der wahre Kitzel. Jasowas, denken wir dann daheim, wenn sich die schlaffe Punkscheibe dreht, jasowas, die Jungs zeigen doch alle den Stinkefinger auf dem Cover. Aber: no risk no fun. Und egal wie dröge die Musik auf der Platte auch sein mag – das verheißungsvolle Cover bleibt. Als eine von Plattensammlers Lieblingsbeschäftigungen gilt deshalb: Plattencover ansehen und überlegen, ob sich’s lohnt, zuzuschlagen. Das geht im Internet am allerbesten, weil’s da am allermeisten Cover zu betrachten gibt.

 

Wer sich erst mal einen Einblick in die Anfänge der Covergestaltung verschaffen möchte, findet auf einer Seite, die sich mit dem Label Remington Records befasst, einen einleitenden Text inklusive verschiedener Beispiele von Alex Steinweiss und anderen frühen Designern. Dass Steinweiss, wie oft behauptet, Erfinder des gestalteten Plattencovers ist, wird allerdings an anderer Stelle widerlegt (siehe Vortrag mit Abbildungen vom 22. Mai 2010 von Mike Biel: Illustrated Record Album Covers Before Steinweiss).

 

Wer sich lieber gleich eine Überdosis Hüllen abholen möchte, klickt bei der Datenbank rateyourmusic.com auf Album Cover Themes: The Master List, wo die abseitigsten Kategorien aufgeführt sind: Cover, die High Heels, Teddybären, Che Guevara, den Vollmond, das Peace-Zeichen, Toiletten oder den Teufel abbilden, weiße, pinke oder „zu farbige“ Cover. Album Cover Artists: The Master List versammelt die Macher der Hüllen, recht umfangreich, wenn auch so berühmte Namen wie Reid Miles oder Malcolm Garrett fehlen.

 

Die Kategorien, nach denen auf lpcoverlover.com sortiert wird, gehen von Chicks with Guitars oder Records and Players über Hüllen von Soundtracks und Hüllen mit Superhelden bis zu Drogenplatten. Im Gegensatz zu Rate Your Music ab und an auch mit ein paar Infos zu den Platten. Außer den LP-Hüllen gibt’s Hunderte von 45ern sowie Tipps wie man schmutzige oder beschädigte Cover restauriert und wie man ein Cover optimal fotografiert.

 

Der schwedische Jazz-Platten-Versand Birka Jazz hat ein Archiv von Cover-Abbildungen online gestellt, geordnet nach Labels (USA) und Ländern (Europa), ergänzt mit „some notes about labels, designers, photographers, and the music itself in a historical perspective.“ Allein die Beispiele mit deutschen Jazzalben-Cover lohnen oder die wunderbaren Illustrationen von David Stone Martin aus den 50ern oder die Blue-Note-Sachen. Apropos Blue Note: Auf der Seite The Font Feed findet sich eine spannende Gegenüberstellung von Coverdesigns – und eines Musikvideos –, die sich an Blue-Note-Cover anlehnen.

 

Wer das Thema Schriftgestaltung auf Plattenhüllen vertiefen möchte, bleibt noch eine Weile auf The Font Feed und liest die Platten-Besprechungen bei My Type of Music oder schaut sich 50 Years of Typography in Album Covers an.

 

Höchstes Vergnügen beim Stöbern in Plattencovern bereiten die – meist unabsichtlich – schlecht gestalteten, grotesken, kuriosen, hässlichen Hüllen. Drei Empfehlungen: auf Hub Pages die Sammlung von Bizzare Record Album Covers (hier Teil 1, Teil 2, Teil 3) und bizzarerecords.com, wo die Merkwürdigkeiten sich fortsetzen. Zu den Abbildungen liefern beide Seiten Textinfos, Soundbeispiele, Videos. So erfahren wir etwa, dass der US-Soulsänger Jerry „Swamp Dogg“ Williams nicht nur auf Ratten reiten kann, sondern auch ganz ordentliche Musik macht. Ein bisher 130-seitiger Thread im Forum des Rolling Stone hält ebenfalls, was sein Titel verspricht: Real Strange Cover Artwork.

 

An der Grenze zwischen schlecht gemacht und Kult sind viele Hüllen aus der Abteilung Hip-Hop. Probate Zutaten bei The 100 Worst Hip-Hop Album-Covers of all Time: Sex und Gewalt. Noch mehr Sex gibt’s bei Awesome Borderline Pornographic Album Covers. Im Grunde macht die beste Reklame für eine Platte sowieso erst jene Hülle, die – für die Hüter der Moral – so anstößig ist, dass sie zensiert wird. Die jeweils verbotene und erlaubte Version zeigen diese 20 Beispiele, darunter Klassiker wie „Virgin Killer“ von den Scorpions oder Bowies „Diamond Dogs“.

 

Ausklappbare Cover – die Königsdisziplin des Coverdesigns – werden im Forum des Rolling Stone gezeigt: Berühmtheiten wie die nackten Mädchen in der UK-Version von „Electric Ladyland“ von Hendrix oder „Black Moses“ von Isaac Hayes, Unbekannteres wie Killing Jokes erste LP oder das Panoramafoto von „Paul’s Boutique“ von den Beastie Boys – mehr über die Entstehung des Fotos findet man hier.

 

Die Liste mit Links könnte kreuz und quer ewig weitergehen: mit Reggae-

oder Bossa-Nova-Covern, mit Covern von asiatischen Pop-Platten der 60er und 70er oder mit Covern, die Motorräder abbilden – hier und hier – oder mit der für Sammler sehr hilfreichen, nach Labels geordneten Auflistung von Single-Lochcovern.

 

Spannend auch, wenn jene, die ein Cover gestaltet haben, selbst über ihre Arbeit sprechen. Peter Saville etwa, der ein paar Hintergründe zu seinen legendären Entwürfen für Joy Division und New Order offenlegt. William Stout, der über seine Illustrationen für die Bootlegs des Labels Trade Mark of Quality erzählt (hier Teil 1, Teil 2, Teil 3).

 

Wer immer noch nicht genug hat, schaut in die Bücherliste zum Thema. Aber ehrlich gesagt, könnte man jetzt auch mal wieder eine Platte auflegen.

 

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Fr

29

Mär

2013

Squoodge Records: schöne Platten

Schlecht gepresstes Vinyl und hingeschluderte Cover kann Roland Schulz gar nicht leiden. Als Sammler nicht und nicht als Labelmacher. Der 32-jährige Berliner führt deshalb Squoodge Records als Ein-Mann-Betrieb, do it yourself, mit absoluter Kontrolle über den gesamten Herstellungsprozess. Ergebnis: ein Label, das für schrägen Rock’n’Roll steht, Singles, die kleine Kunstwerke sind, eine wachsende Squoodge-Records-Sammlergemeinde und ein Haufen Arbeit.

Foto: Harry Schnitger; Quelle: Sqoodge Records
Foto: Harry Schnitger; Quelle: Sqoodge Records

Erste Frage, Roland Schulz: Wie viel Musik passt auf eine 2-inch-Single?

Auf der 2-inch von Squoodge Records ist ein Song der Schweizer Band The Monsters, ein Cover von „Züri brännt“, einmal als Studioversion mit 22 Sekunden und auf der B-Seite zweimal live: 9 Sekunden und 11 Sekunden. Ein Noise-Gewitter, irre laut und brutal.

 

Ungewöhnliche Formate gehören zum Konzept deines Labels.

Ich stehe total auf obskure Formate, 5-inch, 6-inch, im Moment 8-inch, da werde ich noch ein paar machen. Am liebsten sind mir Picture Shapes.

 

Eine sehr besondere Single hast du auch von der Punkband EA80 veröffentlicht.

Die A-Seite der EA80 Mixtape ist eine Double Groove, sie hat also zwei nebeneinander liegende Rillen mit zwei Stücken. Es fehlt die klassische Einlaufrille, so dass man per Zufall den einen oder anderen Song abspielt. Die Idee mit der „scratched b-side“ hatte ich schon lange. So was gibt es aber öfter. In die Mutterschallplatte wird statt Musik ein Bild geschnitten, geritzt, gekratzt oder gelasert. In diesem Fall wurden mit Zahnarztwerkzeug der Bandname und sich wiederholende Totenköpfe eingeritzt. Die EA80 Mixtape ist auch mein All-Time-Favorite von allen meinen Veröffentlichungen.

 

Genau das, wonach Sammler lechzen, richtig?

Von jeder Produktion bringe ich solche speziellen Versionen raus: Siebdruckcover, farbiges Vinyl, Testpressungen mit abweichenden Cover, signierte Platten. 20 Prozent der Käufer möchten dann auch alle Versionen haben. Die Veröffentlichungen sind auch oft sehr limitiert, auf 30 bis 500 Stück.

 

Wird das Artwork manchmal wichtiger als die Musik?

Ja, bei vielen Platten ist die Gestaltung so gut, dass die Musik zur Nebensache wird. Bei Auflagen ab 300 Stück lasse ich die Cover im Offset drucken, auf 300-Gramm-Karton, gerne inside-out oder glänzend lackiert. Geringere Auflagen werden digital gedruckt. Siebdruckcover mache ich meistens bei Auflagen bis 100 Stück. Teilweise habe ich sie bei pressurepressure.de oder bei slowboy.de in Auftrag gegeben. Dieses Jahr werde ich mir hier aber selbst eine Siebdruckwerkstatt einrichten und die Kosten mit ein paar Grafikern teilen. Die Stoffcover wurden von meiner Freundin genäht und bestickt oder besiebdruckt.

 

Für so eine Platte muss man auch ein paar Euro mehr hinlegen, oder?

Die Leute, die sich eine Platte aus einer 100er-Auflage für 17 Euro kaufen, wissen schon, dass das eigentlich noch sehr, sehr günstig ist.

 

Du veröffentlichst ausschließlich auf Vinyl – wo lässt du die Platten pressen?

Im Moment arbeite ich nur mit deutschen Presswerken: Pallas in Diepholz; Optimal in Röbel/Müritz; Ameise in Hamburg. Ameise macht zum Beispiel die ganzen Kleinstauflagen für mich, das dauert zwar ewig, dafür bin ich immer zufrieden.

 

Künstlerische Cover, besondere Pressungen – kennst du viele Labels, die ihr Programm darauf ausgerichtet haben?

Es gibt ein paar, vor allem im Noise-, Metal-, Doom-Bereich. In der Musikrichtung, die ich produziere, bin ich alleine. Verschiedene Versionen von Covern sieht man oft, unterschiedliche Vinylformate oder Schnitte eher selten. Ich bewege mich schon in einer Nische.

 

Zurück auf Anfang: Wie ging das los mit dem Label?

Sammler bin ich seit meinem 14. Lebensjahr. 1997/98, also mit 16, 17, habe ich mein erstes Label gegründet, mit einem Freund zusammen, ein reines Punklabel, da bin ich aber nach drei Jahren ausgestiegen. 2003 brachte ich dann eine 77er-Punkplatte der Schweizer Band Jack & The Rippers heraus, die sich sehr gut verkaufte. Die erste Veröffentlichung auf Squoodge Records war 2005 von Bloodshot Bill, den ich bei einem Konzert im Berliner Wild at Heart gesehen habe. Ich fand ihn großartig, kaufte mir seine erste LP, kam mit ihm ins Gespräch, schrieb ihn dann an, ob er Lust hätte mit mir für ein Label, das ich plane, eine 7-inch zu machen. Ein paar Wochen später hatte ich ein Tonband mit den Songs im Briefkasten. Die Platte ist jetzt ein gesuchtes Stück.

 

Hast du das Label schon immer alleine gemacht?

Von Anfang an. Ich kümmere mich um den ganzen Ablauf von der Produktion bis zum Vertrieb und mache sehr viel selbst. Bei den Kleinstauflagen schneide, nute, klebe ich die Cover per Hand, ich lasse Stempel anfertigen und stemple die Innenhüllen oder die Whitelabels von Platten, zum Beispiel bei Testpressungen, teilweise habe ich auch Cover selbst gesiebdruckt, ich packe die Pakete, biete die Platten in den Plattenläden an und lasse mir auch von keinem anderen helfen. Mein DIY ist auch eine Selbstkontrolle.

 

Das kostet Zeit.

6 bis 8 Stunden pro Tag, 6 Tage die Woche.

 

Kann man davon leben?

Ich verdiene mit Squoodge schon Geld, aber es reicht hinten und vorne nicht. Da müsste ich mehr und vor allem andere Sachen produzieren, aber ich will meine Seele nicht an den Kommerz verkaufen. Ich werde mir dieses Jahr noch einen Job suchen, mit dem ich etwas dazuverdienen kann.

 

Was du selbst gerne hörst und was du produzierst – geht das in die gleiche Richtung?

Ich höre genau die Musik, die ich produziere und in meinem Webshop auch von anderen Labels verkaufe: Garage, Rock’n’Roll, Rockabilly, Blues, Punk, Surf, One-Man-Bands.

 

Die erfolgreichsten Namen auf Squoodge?

EA80, Billy Childish, Reverend Beat-Man, Bloodshot Bill.

 

Melden sich viele Bands, die bei dir veröffentlichen wollen?

Ich bekomme durchschnittlich 15 Anfragen pro Monat. Das meiste interessiert mich aber nicht. Ich suche mir die Künstler eher selbst aus, ich sehe sie auf einem Konzert oder habe schon Platten von ihnen im Schrank und spreche sie dann an. Es gibt auch welche, die nur mit mir zusammenarbeiten wollen. Das ehrt mich sehr, aber ich bin der Meinung, dass es besser ist, wenn die Bands auf vielen kleinen und großen Labels verteilt ihre Platten veröffentlichen. Da jedes Label einen anderen Vertriebsweg hat, ist es so einfacher noch unbekannte Bands an die Öffentlichkeit zu bringen.

 

Verkaufst du deine Platten weltweit?

Die meisten Kunden kommen aus Nordamerika und Europa: hauptsächlich aus Frankreich, England, Belgien, Niederlande, Schweiz, Norwegen – in Deutschland bleiben gerade einmal 25 Prozent der Platten.

 

Wie viele Veröffentlichungen gibt’s inzwischen von deinem Label?

Mit den Sammlerclubs – ABC-Club und DVT-Club – und dem Squoodge-Records-Unterlabel Luna Sounds, bei dem die LPs erscheinen, sind’s über 150 Veröffentlichungen. Wie schon gesagt, gibt es von jedem Release aber verschiedene Versionen. Es sind also insgesamt einige Hundert.

 

Wie funktionieren diese Sammlerclubs? Was hat’s beispielsweise mit dem DVT-Club auf sich?

DVT steht für Digital-Vinyl-Trash. Es sind 5-inch-Platten, auf der A-Seite Vinyl mit Musik drauf, auf der B-Seite ein Video auf Super Video CD. Produziert wurden 9 DVTs, jeweils limitiert auf 33 Stück. Die DVT-Teile sind mittlerweile sehr gesucht und werden für 50 Euro aufwärts gehandelt, wenn überhaupt einmal eine auftaucht. Um so eine DVT zu bekommen, musste man Clubmitglied werden, das heißt, für mindestens sechs Monate – in denen drei Platten erschienen – im Voraus zahlen.

 

Das Prinzip dieser VinylDiscs hast du selbst erfunden?

Ich habe sie 2006 bei der Firma Duophonic entwickeln lassen. Die stellten auf einer Erfindermesse einen Rohling vor und 2007 meldete das Unternehmen Optimal Media ein Patent darauf an. Ich selbst hatte damals nicht das Geld, ein Patent anzumelden, habe aber auch nicht daran geglaubt, dass die VinylDisc als kommerzieller Tonträger eine Chance hat, weil sie nicht auf allen DVD- oder CD-Playern abspielbar ist. Verschiedene Firmen haben dann ein paar Platten raus gebracht, aber die Presse hat zu wenig darauf reagiert. Ich hatte damit auch nichts mehr zu tun, habe kein Geld dafür gesehen.

 

Sind weitere Sammlerclubs geplant?

Im Moment mache ich eine Battle-Serie, angelehnt an Comic-Sammlungen. Niklas Coskan, der auch schon Sachen für Pearl Jam gemacht hat, zeichnet mir alle Artworks. Es sind immer zwei Bands mit jeweils einem Song und jede dieser 7-inches gibt’s in zwei limitierten Versionen mit unterschiedlichen Covern. Aber es ist kein klassischer Club wie der ABC-Club oder der DVT-Club, bei denen man eintreten und im Voraus bezahlen musste. Bei der Battle-Serie kommen die Platten unregelmäßig, aber immer im gleichen Stil und jeder kann sie im Webshop kaufen.

 

Und was kann man in Zukunft von Squoodge Records erwarten?

Anfangs war Squoodge ein Traum. Ich wollte 4 Singles pro Jahr produzieren. Jetzt ist der Traum wahr geworden und es erscheinen etwa 20 Platten pro Jahr. Meine nächsten Ziele sind die 10-Jahre-Party oder ein 10-Jahres-Buch mit den besten Artworks und Geschichten. Ändern soll sich nichts, die Plattenveröffentlichungen sollen einfach nur noch schöner und besser werden.

 

Kannst du noch ein paar Sätze zu deiner eigenen Sammlung sagen?

Ich dürfte etwa 6000 Singles haben, 2500 LPs und etwa 200 CDs, hauptsächlich von Bear Family. Vor allem sammle ich D-Punk der Jahre 1978/79 bis ’89 – Hamburg, Berlin, München, DDR, Österreich, Schweiz –, Garage, Trash, Rockabilly und One-Man-Bands. Einen großen Teil machen Jerry Lee Lewis, Johnny Cash, Billy Childish, Hank Williams und Reverend Beat-Man aus. Ich höre auch jeden Tag Schallplatten, mehrere Stunden.

 

 

Beispiele aus dem Programm von Squoodge Records

Titel aus dem DVT-Club
Titel aus dem DVT-Club

Titel aus der Battle-Serie
Titel aus der Battle-Serie

 

Squoodge Records: Homepage / Facebook

 

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Sa

02

Feb

2013

Nummer-1-Hits

Die laut Ankündigung „vielleicht furchterregendste Schallplatten-Sammlung Deutschlands“ kann man zwischen 9. Februar und 9. März im Berliner Rumpsti Pumsti (Musik) – Plattenladen und Galerie – anschauen und anhören: nämlich alle 430 Platten, die in den deutschen Charts von 1953 bis 1993 ganz oben standen. Wie man auf die Idee zu so einer Sammlung kommt und was es mit jener Nummer 1 auf sich hat, die überhaupt nicht existiert, fragt man am besten den Berliner Mario Passarotto – er hat die Platten innerhalb von 15 Monaten zusammengetragen.

 

Also, Mario Passarotto, weshalb gerade die deutschen Charts?

Auf die Idee sind Daniel Löwenbrück, der Besitzer von Rumpsti Pumsti (Musik), und ich gekommen, als wir im Oktober 2011 mit einem anderen Freund zusammen bei ihm im Laden saßen. Ich hatte schon immer Interesse an der Musikhistorie und habe dann deutsche Nummer-1-Hits angespielt, die sie erraten sollten. Da hat Daniel gefragt, ob ich nicht eine Ausstellung zu dem Thema machen wollte.

 

Gab’s damals so was wie einen Grundstock von Platten?

Keine einzige, habe komplett bei null angefangen.

 

Welchen Zeitraum deckt die Sammlung ab?

Die erste Nummer 1 waren die Kilima Hawaiians mit „Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand“, Dezember 1953. Von 1953/54 habe ich alle Titel in Schellack und Vinyl, bis auf zwei, die ich nur als Schellackplatten habe. Die letzte von mir präsentierte ist Haddaway mit „What Is Love“, Nummer 1 des Jahres 1993, das war die Zeit, als es von Vinyl auf CD überging.

 

An welchen Chartlisten hast du dich orientiert?

Es sind die deutschen Single-Charts. Bis Mai 1959 die Boxen-Parade der Zeitschrift „Automatenmarkt“, bei der gezählt wurde, wie oft ein Titel in den Musikboxen gespielt wurde. Ab Juni 1959 bis 1977 die Zeitschrift „Musikmarkt“, bei der die Verkaufszahlen ermittelt wurden. Ab 1977 dann Media Control. Das waren zu ihrer Zeit immer die jeweils wichtigsten Charts.

 

Waren das wöchentliche Hitlisten?

Bis 1965 wurden sie monatlich ermittelt, ab 1965 bis 1970 halbmonatlich, danach wöchentlich. Die wöchentlichen Charts wurden immer montags veröffentlicht. In den 90er Jahren gab es irgendwann den Wechsel zu freitags.

 

Wie lief die Suche nach den Platten ab?

Als erstes hat mein ganzer Bekanntenkreis die komplette Liste bekommen, um die eigenen Sammlungen durchzusehen. Dann habe ich mit der Suche auf den Berliner Flohmärkten begonnen, danach kamen die Secondhand-Plattenläden dran. Zuletzt Shops im Internet, Discogs, eBay. Große Unterstützung bekam ich in den letzen zehn Monaten von meinem Onkel Luigi Passarotto, der häufig auf Flohmärkten unterwegs ist und den eBay-Markt verfolgt. 15 Monate hat es gedauert, alle ausfindig zu machen.

 

Fast alle – da gibt’s doch diese Geschichte mit der verschollenen Nummer 1.

Es wird in allen deutschen Chartlisten ein Titel genannt, der angeblich vom 2. bis zum 15. Februar 1957 den führenden Platz innehatte, ein Titel, der aber nie existiert hat: „Sei zufrieden“ vom Lukas Trio. Das Lukas Trio hat dieses Lied nie aufgenommen. Das große Mysterium. Zur gleichen Zeit gab es den Titel auch vom Rodgers-Gesangs-Duett, das ebenfalls damit auf Platz 1 der Charts war, und vom Roland-Trio. Als Ersatz für das Lukas Trio habe ich die Platte vom Roland-Trio gekauft und zusätzlich die Platte, die vom 2. bis zum 15. Februar 1957 auf Platz 2 der Charts war: Gitta Lind mit „Weißer Holunder“.

 

Sind alle Platten die originalen Pressungen oder sind auch Reissues dabei?

Zu Beginn habe ich ab und zu eine Nachpressung gekauft, um die Platte erstmal überhaupt zu besitzen. Mittlerweile habe ich sie aber alle in der Originalausgabe.

 

Welche war am schwierigsten zu beschaffen?

„Schuster bleib bei deinen Leisten“ von Werner Dies aus dem Jahr 1954 ist für mich die seltenste. Das ist eine der beiden, die ich nur als Schellack besitze. Nach langer Internetrecherche habe ich einen Plattenhändler ausfindig gemacht, der eine Liste unsortierter Platten hatte, in der ich endlich auf diesen Titel gestoßen bin. Sehr schwierig zu bekommen waren auch die Platten aus den Jahren 1992/93, weil die in Deutschland fast gar nicht mehr auf Vinyl veröffentlicht wurden. Die meisten habe ich in England gekauft.

 

Die teuerste?

„Komm gib mir deine Hand“ von den Beatles habe ich mit Bildcover für 25 Euro erworben, was noch relativ günstig ist. „I Want To Hold Your Hand“ mit dem Bildcover aus Italien hat mein Onkel besorgt, den Preis habe ich nicht erfahren. Aber diese Ausgabe kostet meistens um die 50 Euro.

 

Welche Interpreten führten besonders oft die Charts an?

Es sind genau 430 Platten, die zwischen 1953 und 1993 auf Nummer 1 waren. Von insgesamt 306 Interpreten – falls ich mich nicht verzählt habe. Die Top 5 mit den meisten Nummer-1-Hits: Beatles, vierzehnmal; Freddy Quinn, zehnmal; ABBA, neunmal; Boney M. und Sweet, jeweils achtmal. Danach folgen Roy Black und die Rolling Stones mit je sechs Spitzenplätzen.

 

Du hörst aber nicht nur Beatles und Freddy Quinn?

Hauptsächlich höre ich Industrial, Avantgarde, Neofolk, Power-Electronics, Dark Ambient, Electro-Acoustic, Modern Classical, Musique Concrète, Sound-Poetry, Ritual und Noise Musik. Aber mich interessieren auch andere Genres wie Rock, Pop, Hip-Hop.

 

Und was hat der Rest der Welt zu diesem Projekt gesagt?

Wenn ich auf dem Flohmarkt eine Kiste mit 500 Singles durchgewühlt und nach einer Stunde freudestrahlend dem Verkäufer die fehlende Heintje-Platte für einen Euro abgekauft habe – da erntet man schon schiefe Blicke. Aber mir hat’s Spaß gemacht, ich mag dieses Recherchieren gerne. Und viele Leute aus meinem Bekanntenkreis hatten auch ihren Spaß. Es war ständiges Gesprächsthema. Mir wird bestimmt etwas fehlen, wenn die Ausstellung vorbei ist. Vielleicht sollte ich die restlichen Nummer-1-Hits ab 1994 auch noch sammeln ...

 

 

Die Ausstellung ist vom 9. Februar bis 9. März 2013, Mi-Fr 15-20 Uhr, Sa 13-18 Uhr zu sehen, Vernissage am 9. Februar von 16-20 Uhr. Rumpsti Pumsti (Musik), Plattenladen und Galerie, Weserstraße 165, 12045 Berlin (Neukölln).

 

Foto: Rumpsti Pumsti (Musik)
Foto: Rumpsti Pumsti (Musik)
Foto: Rumpsti Pumsti (Musik)
Foto: Rumpsti Pumsti (Musik)
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Fr

07

Dez

2012

Sleeveface

Ein Promo-Poster, das 1971 zur Stones-LP Sticky Fingers erschien, zeigt Mick Jagger nackt, fast nackt. Nur die Plattenhülle hält er so vor sich, dass es aussieht, als habe er den darauf abgebildeten Teil einer Jeanshose selbst an. Keith Richards, der mit dem Rücken zu uns neben ihm steht, verdeckt mit der Coverrückseite – sie zeigt die Jeans von hinten – seinen Po.

 

Simple, aber schöne Idee, die irgendwie lange in der Versenkung verschwunden zu sein schien. Bis vor ein paar Jahren, als unter dem Schlagwort „Sleeveface“ damit ein ziemlicher Hype im Internet ausgelöst wurde. Sleeveface deshalb, weil vorzugsweise Plattenhüllen mit Musikerköpfen vors Gesicht gehalten werden. Wenn man das sehr exakt macht, die Perspektive stimmt, die Kleidung dem Original angepasst wird, eine coole Pose dazukommt, dann wird daraus eine perfekte und witzige Täuschung, bei der Coverabbildung und reale Person verschmelzen.

 

Das Foto der Inszenierung schickt man an sleeveface.com, die Seite von John Rostron und Carl Morris, Freunde aus Cardiff, die zusammen ein Label betreiben und den Trick 2007 beim Auflegen in einer Bar vorführten, Fotos davon online stellten und die Sache damit ins Rollen brachten. Auf sleeveface.com, auf Flickr und Facebook oder auch im Buch „Sleeveface – Sei deine Schallplatte“ zeigen mittlerweile Tausende Sleevefacer ihre Werke. Eine gute Auswahl findet sich hier. Anfängern hilft eine Video-Anleitung – How To Sleeveface –, in der es allen mal wieder gesagt wird: eine Plattensammlung kann nie zu groß sein: more vinyl means more sleeveface – this is good! Die Dylan, Madonna, Bowie oder Elvis Lookalikes sind logischerweise in der Überzahl, weil Dylan, Madonna, Bowie oder Elvis auch in jedem zweiten Regal stehen. Recht beliebt bei Pärchen: Double Fantasy von John Lennon und Yoko Ono. Aber so richtig lustig wird’s erst bei Barry Manilow, Rudolf Schock oder Ivan Rebroff – in diesem Sinne schon mal: Frohe Weihnachten!

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Di

23

Okt

2012

For The Records

Robert Plotnik, alias Bleecker Bob, scheint nicht immer der einfachste Typ gewesen zu sein, als er noch hinterm Tresen seines Plattenladens stand. Viele erlebten ihn als ruppig, übellaunig, unberechenbar. Aber wer den Stoff hat, hinter dem alle her sind, wer die heißen Importe aus UK beschaffen kann, wer einen Riecher hat für das, was das nächste große Ding wird, bei wem sich Robert Plant, David Bowie oder Patti Smith mit Vinyl eindecken, der darf sich auch den Fiesling erlauben.

 

1967 startete Plotnik den New Yorker Plattenladen Bleecker Bob’s Golden Oldies, 2012 könnte die Geschichte enden. Dem Laden im Greenwich Village 118 West 3rd Street geht’s nicht gut. 2001 erlitt Bob Plotnik eine Hirnblutung. Bleecker Bob’s existierte weiter, verlor aber seine treibende Kraft, seine Seele. Mehr und mehr gingen auch die Kunden verloren, die für rares Vinyl noch Geld ausgeben. Im Januar dieses Jahres verbreitete die New York Times die Meldung, Bleecker Bob’s müsse schließen, weil die steigenden Mieten nicht mehr zu bezahlen seien. Aktuell sieht’s wohl so aus, dass der Vermieter Aufschub gewährt hat, bis der passende Nachmieter gefunden wurde. Bleecker Bob’s sucht eine neue Bleibe, ein Umzug in eine Gegend mit günstigeren Mieten könnte ihn vielleicht noch retten.

 

„For The Records“, ein Film von Emily Judem und Hazel Sheffield, erzählt von Bleecker Bob’s, von einem Stück vergangenes New York, vom Staub, der sich auf die Regale und die guten alten Zeiten gelegt hat, vom Personal des Ladens, dem kauzigen Chris Weidner, der heute das Geschäft am Laufen hält, an Musik aber kein Interesse mehr hat, vom coolen Javier, der sich nicht wundert, dass der Plattenladen einer düsteren Zukunft entgegensieht, wenn er auf eine altertümliche Registrierkasse statt auf eine Computerdatenbank setzt, von Bobs Freundin Jennifer – und vom kranken Bleecker Bob selbst, der hinter der rauen Fassade seinen Humor aufblitzen lässt und der sich sicher ist, dass er den Leuten schon die Platten verkaufen würde, die sie brauchen, ob sie wollen oder nicht, wenn er denn nur könnte ...

 

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So

30

Sep

2012

Knigge für Plattensammler

Plattensammeln war immer schon eine ernst zu nehmende Angelegenheit. 1961 beispielsweise. Da erschien „Wir sammeln Schallplatten“, ein Ratgeber, der klipp und klar sagt, was man bei diesem „Steckenpferd“ tun und lassen soll.

 

Was gar nicht geht, hört sich darin so an: „Es ist barbarisch und zeugt von wenig Liebe, wenn Schallplatten ohne Hülle aufeinandergelegt werden.“ Oder so: „Schon wenn die Hausfrau kurz zuvor an einer bestimmten Stelle mit dem Bügeleisen hantierte und hinterher auf den gleichen Platz eine Platte gelegt wird, kann es passieren, daß sie sich verzieht.“ Wer also denkt, Plattensammeln ginge mit links, darf sich hier Seite für Seite eines Besseren belehren lassen. Abgehandelt wird alles, was der Sammler wissen muss: die Entstehungsgeschichte der Schallplatte; die Frage wo man sich Platten besorgt; wie man seine Schätze ordnet, katalogisiert, pflegt; welche Sammlertypen es gibt; welche Platten aus welchen musikalischen Genres empfehlenswert sind, wobei das für Plattensammler 1961 nicht gerade unwichtige musikalische Genre Rock’n’Roll scheinbar gar nicht empfehlenswert ist und deshalb nicht vorkommt.

 

Geschrieben hat das Buch Jan Herchenröder, der die ebenso bemerkenswerten Ratgeber „Happy Enten. Eine kleine Ehelogie“ (1954) und „Rum ist in der kleinsten Hütte. Eine neue Schnapsologie“ (1955) verfasst hat und sein dabei erworbenes Wissen in einen Warnhinweis zum vorsichtigen Aufsetzen des Tonarms einfließen lässt: „Es kann dem Material auch schon schaden, wenn eine Hand leise zittert infolge zu starken Alkoholgenusses oder ehelichen Ärgers, wodurch vielleicht die Nadel quer über zwei, drei Rillen geführt wird.“ Nicht minder schlimm, „wenn die Jugend so heftig Rock’n’Roll tanzt, daß der Fußboden bebt“, denn da könne es passieren, „daß der Saphir mitzutanzen beginnt“.

 

Das klingt natürlich so lustig wie eine angestaubte Platte aus dem Jahr 1961, von der Mausefalle „Pigalle“ bis zum „Babysitter Boogie“. Aber an trüben Tagen legt man so was ja auch mal auf. Einen wirklich guten Rat kann „Wir sammeln Schallplatten“ einem heutzutage nicht geben, das kapiert man schnell. Aber der Sound des Buches hat schon was. Gerade wenn’s um Ordnung und Sauberkeit und Anstand geht – das A und O im Leben eines Plattensammlers. Alleine um wunderbare Worte wie „liederlich“ wiederzuentdecken, kann man die Lektüre empfehlen – Originalton Herchenröder: „Wer so liederlich mit seinen Platten umgeht, sie überall herumliegen läßt, auf die Heizung oder sonnenwarme Fensterbank legt, darf sich nicht wundern, wenn sie eines Tages nur noch jaulen, knacken, knistern oder krächzen.“

 

Wir erfahren, wie ein „ordentlich eingeräumter Plattenschrank“ aussieht, „der sich der Harmonie des Zimmers unauffällig eingliedern sollte.“ Wie wichtig es ist, das Vinyl mit einem „Antielektrostatiktuch“ zu säubern, damit der Zimmerstaub sich nicht „wie lautloser grauer Schnee“ in die Rillen schmiegt, und dass dabei „aus Bequemlichkeit viel gesündigt“ wird. Wir bekommen auch moralische Unterstützung, wenn wir uns weigern, Platten auszuleihen: „Es wird zu häufig ’vergessen’, die Aufnahmen zurückzugeben, oder sie werden bei einer Party durch Fremde ’mißhandelt’.“ Empfohlen wird, nur solche Platten auszuleihen, „die keinen besonderen Wert darstellen, aber gut genug für eine lärmvolle Party sind.“ Vor dem Dilemma, ob man ausleihen oder nicht ausleihen soll, beziehungsweise, ob man sich als netter Kumpel oder pedantischer Egoist outet, stand jeder Sammler irgendwann einmal. Und so schlägt sich Herr Herchenröder – selbst ein begeisterter Sammler wie zu lesen ist – im Grunde vor fünfzig Jahren schon mit den gleichen schwerwiegenden Problemen herum, die auch heute noch jeden Sammler ins Schwitzen bringen. Und kommt zu ähnlichen Lösungen. Nur, er findet halt etwas andere Worte dafür. Schreibt jeden zweiten Satz mit erhobenem Zeigefinger. Der Knigge für Plattensammler.

 

Sagen wir’s so: Das Buch muss man nicht lesen, es steht nichts drin, was das Jagen nach Vinyl im Jahr 2012 erleichtern würde. Andererseits, natürlich muss man das Buch lesen, weil die ein halbes Jahrhundert alten Formulierungen, die aus einem Plattensammler einen guten Menschen machen wollen, einfach nicht zu toppen sind. Oder weil wir von Zeiten erfahren, in denen der Plattenladen „Schallplattenbar“ hieß, und nicht launige Männer herrschten damals hinterm Tresen, sondern einfühlsame Damen: „Die Bedienung übernehmen meistens Verkäuferinnen, bei denen sich nur selten der Geschäftsführer sehen läßt. Häufig tragen sie blaue oder rötliche Klubjacken oder Kittel, an deren Revers sich ab und zu ein Schildchen ’Hier bedient Sie Fräulein Jutta’ befindet.“ Nun waren das natürlich auch unschuldige Zeiten, in denen noch nicht nerdige Typen in den Laden einfielen und nach der indonesischen Motörhead-Promo-Single mit der spiegelverkehrten Matrizennummer fragten. Im Gegenteil, die Fräulein Juttas hatten es scheinbar nicht selten mit völlig Ahnungslosen zu tun: „Am liebsten sind den Verkäuferinen die Kunden, die wenigstens ungefähr wissen, was sie wollen.“

 

Jan Herchenröder: Wir sammeln Schallplatten. C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh, 1961. 192 Seiten, Hardcover. Als Taschenbuchausgabe erschienen im Gebrüder Weiß Verlag Lebendiges Wissen, Berlin, München, 1965. Beide Ausgaben sind antiquarisch leicht zu finden.

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Di

04

Sep

2012

Musikzimmer

Foto: Ragnar Schmuck; Quelle: groove.de
Foto: Ragnar Schmuck; Quelle: groove.de

Beim Amsterdamer DJ Madskillz muss eine Buddhastatue neben dem Plattenregal stehen, damit der Raum den Harmonieregeln des Feng-Shui entspricht. Der Berliner Marcel Dettmann nutzt sein Plattenregal auch als Schuhschrank und muss erst mal sein Fahrrad wegschieben, wenn er an bestimmte Alben will. Jesse Rose hat neben seinem Plattenspieler noch vier CD-Spieler aufgereiht. Bei DJ San Proper herrscht das reine Chaos, in der Wohnung und in der Plattensammlung. Wie’s bei DJs aus London, Berlin oder Amsterdam zu Hause aussieht, zeigt uns die Fotoserie „Musikzimmer“ des Fotografen Ragnar Schmuck im Groove Magazin. Sie führt an die heiligen Orte, an denen Musik gehört und gemacht wird.

 

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Fr

10

Aug

2012

40 Plattenläden weniger

„Technology Stole My Record Store“ steht an die Fassade von Record Time gepinselt, einem Plattenladen in Ferndale, Michigan, der jetzt zugemacht hat. Genauso wie Sam the Record Man, ein Plattenladen in Toronto, das Flagschiff einer Kette, zu der einmal 140 Läden gehörten, berühmt für seine gigantische Schallplatten-Neonreklame – geschlossen 2007. Vinylmania in der Carmine Street, ein paar Meter weg von der legendären Paradise Garage, galt als die erste Versorgungsstation für New Yorker House-DJs – 2006, nach 30 Jahren, endete seine Geschichte. Nicht weniger gefragt bei New Yorks DJs: Dancetracks im East Village – 2007 machte der Laden zu und wurde fortgeführt als Downlad-Dealer unter dem Namen Dancetracks Digital: „These are changing times within the music industry, and just as the shop was central to the early growth of the scene, Dancetracks Digital will continue to evolve and push the music forward.“ Tower Records, eine riesige Kette, die half, den kleinen Plattenläden das Wasser abzugraben, war 2006 selbst pleite. Virgin Megastore am New Yorker Times Square schloss 2009. Keine Ahnung, wann White’s Records in Detroit dicht machte, was mal in den Regalen zu finden war oder welche Gestalten da suchten und weshalb es so ein Ende nahm. Jedenfalls, ein trauriger Anblick White’s Records und all die anderen Plattenläden, die sich für immer verabschiedet haben. Wer sich’s antun möchte, bekommt auf buzzfeed.com 40 Sad Portraits of Closed Record Stores. Und wem das alles zu deprimierend ist: 40 Portraits of Independent Record Stores Still Open for Business.

 

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Mi

25

Jul

2012

Wenn Dick James draufsteht, wird’s teuer

Dick James, der Sänger – nie gehört? Seine Karriere begann in den 30er, 40er Jahren in Londoner Tanzbands, 1949 gründete er die Gesangsgruppe Stargazers, die zwei Nummer-1-Hits landete. 1953 schließlich, da war er 32, kam ihm die Erkenntnis, dass er „fett und glatzköpfig als Sänger keine große Zukunft“ haben würde und er suchte sich einen Job bei dem Musikverlag Sidney Bron Music Co. Mit dem Singen machte er trotzdem weiter, solo. Bis Ende der 50er nahm er bei Parlophone unter dem späteren Beatles-Produzenten George Martin 20 Singles auf, darunter seine 1956 veröffentlichte erfolgreichste Platte, den Titelsong für die TV-Serie „The Adventures Of Robin Hood“. Die Platte verkaufte sich eine halbe Million Mal und brachte Dick James eine Gage von 100 Pfund ein.

 

Dick James, der Musikverleger – könnte man schon eher kennen. 28 Hits, von denen fünf auf Nummer 1 stiegen, gelangen ihm bei Sidney Bron. Kann ich auch alleine, dachte er sich und machte am 18. September 1961 in London seine eigene Firma auf: Dick James Music Publishing Ltd. Das erste Jahr verlief ohne große Vorkommnisse. Oktober ’62 dann ein Anruf von George Martin. Brian Epstein, der die Beatles und einige andere Liverpooler Interpreten managte, sei auf der Suche nach einem Musikverlag, der sich für ihn ins Zeug legen würde. Treffen zwischen James und Epstein, man schätzte sich, beschloss zusammenzuarbeiten und in den nächsten sieben Monaten brachten sie sieben Songs auf den ersten Platz der Charts: von den Beatles, Gerry And The Pacemakers, Billy J. Kramer.

 

Dass Dick James mit Brian Epstein zusammenkam, war unverschämtes Glück. Aber er beherrschte auch die Tricks und Winkelzüge, die man scheinbar braucht, um was zu werden in diesem Geschäft. Keinen schlechten Deal machte er mit Northern Songs, dem Musikverlag, der sich eigens um die Rechte der Beatles-Songs kümmern sollte, von James, Epstein, John Lennon und Paul McCartney am 22. Februar 1963 gegründet, verwaltet von Dick James Music. In den kommenden Jahren wurde James reich und reicher und zu einem der mächtigsten britischen Musikverleger. Die Fab Four fühlten sich allerdings nicht immer gut beraten und er verscherzte es sich endgültig mit ihnen, als er 1969 seine Anteile an Northern Songs an den TV-Sender ATV verkaufte, ohne sie darüber zu informieren. Noch ein weiteres Mal schaffte es Dick James in die Popgeschichtsbücher: als Entdecker von Elton John. 1986, drei Monate nach einem Schadensersatzprozess, den Elton John gegen Dick James Music führte und gewann, starb Dick James.

 

Karriere hat Dick James aber auch bei Plattensammlern gemacht, denn sein Name verweist auf die erste Pressung von „Please Please Me“, des ersten Albums der Beatles. Schuld daran: George Martin, als er die Titelfolge der Platte notierte, um sie für den Druck des Labels an die Druckerei weiter zu geben. Martins Fehler war, dass er zusätzlich zu den bereits unter Dick James Music als Single veröffentlichten Songs „Please Please Me“ und „Ask Me Why“ vier weitere Lennon/McCartney-Nummern dem Musikverlag von Dick James zuschrieb. Korrekt gewesen wäre, sie den zwei Wochen zuvor gegründeten Northern Songs zuzuschreiben. Das Album „Please Please Me“ erschien also zuerst mit einem fehlerhaften Label, in der Mono-Version PMC 1202 am 22. März 1963, in der Stereo-Version PCS 3042 einige Wochen später. Ab der zweiten Pressung gehen die Credits auf dem Label dann richtigerweise an Northern Songs. April 1963 kamen kurioserweise auch noch Pressungen heraus, die auf der ersten Seite das Label mit Northern Songs und auf der zweiten Seite das mit Dick James hatten. Ganz leicht sind die beiden ersten Pressungen an dem alten Parlophone-Label – schwarz mit goldener Schrift – zu erkennen. Ab der dritten Pressung erschien „Please Please Me“ mit einem neu designten Label, schwarz mit gelber Schrift.

 

Die erste Pressung in der Stereo-Version gehört zu den gesuchtesten Beatles-Platten. Sie steht in einer Reihe mit „The Beatles & Frank Ifield On Stage“ mit dem Portraitcover oder „Yesterday And Today“ mit dem Butcher Cover. Wie gesucht, konnte man in den letzten Tagen auf dem englischen eBay verfolgen. Da fand zwischen dem 17. und dem 24. Juli nicht nur die zweite Pressung gleich in mehreren Exemplaren ihre Käufer, sondern auch die erste, in Stereo und in Mono. In dürftigem Zustand – Good Minus / Fair – brachte die zweite Pressung (Northern Songs) 174,99 Pfund (224,82 Euro), in Very Good Plus / Very Good Plus 360 Pfund (462,50 Euro). Für die Erstpressung (Dick James Music) in Mono musste schon das Dreifache hingeblättert werden: 983 Pfund (1262,89 Euro). Eingestuft mit Excellent Minus / Very Good Plus wurde sie angepriesen als „final upgrader“, weil’s zweifellos kaum möglich sei, die Platte in noch besserem Zustand aufzutreiben. Die Stereo-Version wurde vom gleichen Anbieter als „Holy Grail“ angekündigt, die Zustandsbeschreibung fiel etwas zurückhaltender aus: Very Good Minus / Very Good. Die Bieter hielt das nicht ab. Das letzte Gebot lag schließlich bei 2800 Pfund (3597,25 Euro).

 

Für 19,99 Pfund „Sofort-Kaufen“ konnte man übrigens die 78er „Robin Hood“ von Dick James. Wollte aber keiner.

 

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Do

12

Jul

2012

50 Jahre Stones – und ein paar Monate mehr

Am 12. Juli 1962 hatten die Rolling Stones – unter dem Namen Rollin’ Stones – im Londoner Marquee Club ihren ersten Auftritt. Heute vor 50 Jahren also: Congratulations!

 

Allerdings, waren das schon die echten Stones? Im Marquee spielten Jagger, Richards, Brian Jones und Ian Stewart, „der sechste Stone“, am Piano noch mit Dick Taylor am Bass und Tony Chapman am Schlagzeug. Jene Besetzung aber, in der die Stones von der ersten Platte bis zum Tod von Brian Jones zusammenspielten war erst komplett, nachdem im Dezember 1962 Bassist Bill Wyman und im folgenden Januar Drummer Charlie Watts eingestiegen waren. Gründungsdatum Januar 1963 wäre damit auch nicht verkehrt.

 

Noch ein Vorschlag: Ende 1961. Jagger, Richards und ein paar Kumpels nennen sich Little Boy Blue And The Blue Boys und sind verrückt nach Rock’n’Roll, Rhythm & Blues, Chicago Blues. Sie treten nie auf, machen keine Platte, aber es existieren Tonbandaufnahmen von den Proben und die sind auf Bootlegs erschienen. Wahrlich historische Aufnahmen von der Keimzelle der Rolling Stones.

 

Die Geschichte beginnt auf dem Bahnhof von Dartford, Heimatort von Jagger und Richards. Die beiden kennen sich aus der Grundschule, verlieren sich aus den Augen, warten im Oktober ’61 auf den gleichen Zug, Jagger hat Platten unterm Arm, Chuck Berry, Muddy Waters, man kommt ins Gespräch, Seelenverwandtschaft, ich spiele ein bisschen Gitarre, ich singe ein bisschen, lass uns was zusammen machen. Mit von der Partie: Dick Taylor, der später die Pretty Things gründete, Bass, Gitarre, Bob Beckwith, Gitarre, Alan Etherington, Schlagzeug. Geübt wird im Wohnzimmer bei Bob Beckwith, in der Nähe von Dartford, vielleicht auch mal bei Dick Taylor.

 

Rhythm & Blues war in dieser Zeit noch die Sache von ein paar Eingeweihten, in den Clubs regierte Traditional Jazz, Dixieland, Mr. Acker Bilk. Die R&B-Szene begann sich erst zu formieren. Schallplatten der amerikanischen Giganten waren in England noch nicht veröffentlicht. Wer wusste, wo man welche auftreiben konnte, war hoch angesehen. Jagger beispielsweise konnte Richards schwer damit beeindrucken, dass er per Mail-Order direkt bei Chess Records in Chicago bestellte.

 

Die Jungs von Little Boy Blue And The Blue Boys sind noch auf der Suche und die Schallplatten zeigen ihnen, wo’s langgeht. Richards seziert jeden Titel, analysiert jeden Ton, lernt wie ein Gitarrengriff funktioniert, wie man einen Sound hinkriegt. So gut das mit dem Sound möglich ist, wenn drei Gitarren an einem Verstärker hängen oder wenn das Schlagzeug aus einem Becken und einer einzigen Trommel besteht. Angeblich der Hauptgrund Bill Wyman bei den Stones aufzunehmen, war sein edler Vox-AC30-Verstärker.

 

Chuck Berry ist mit gleich fünf Nummern auf den überlieferten Aufnahmen vertreten, dazu Jimmy Reed, Billy Boy Arnold, es sind Auszüge aus dem Standardrepertoire, das bald alle R&B-Bands der frühen 60er drauf haben. Dass sie Anfänger sind wissen sie, sie tasten sich ran, roh, primitiv, ungehobelt, ehrfürchtig, aber entschlossen. Rhythm & Blues ist das Neue, das Coole.

 

Dabei läuft alles noch als netter Zeitvertreib. Jagger studiert an der London School of Economics, Richards besucht die Kunstschule, beide sind um die 18, denken nicht ernsthaft dran, dass sie mit Musik das große Ding landen. Wenn sie träumen, dann davon, mal auf irgendeiner Bühne zu stehen, aber eine Platte machen, Musiker werden: völlig abwegig.

 

Was die Aufnahmen so bemerkenswert macht, ist, dass die gleiche Szene zur gleichen Zeit in vielleicht hundert anderen britischen Wohnzimmern, Kellern, Garagen ablief. Dass die gleiche Szene hundert Mal zu nichts führte, aber hier in diesem einen Wohnzimmer gerade eine grandiose Geschichte ihren Anfang nimmt. Und die Jungs sind total ahnungslos. Im Gegensatz zu uns. Jedes Mal wenn sie sich verspielen, wenn der Einsatz nicht klappt, will man ihnen auf die Schulter hauen: He, macht nichts, wird schon, ihr schafft das.

 

Weil man weiß, wie die Story weitergeht, könnte man jetzt schlau behaupten, dass man ja wohl eindeutig höre, dass hier Genies zugange sind. Jagger ist keiner, der das Maul nicht aufbekommt, das kann man hören. Bei „I’m Left, You’re Right, She’s Gone“ klebt er noch an der Version von Elvis, aber bei „Beautiful Delilah“ oder Jimmy Reeds „Go On To School“ hat er schon alle Phrasierungen drauf, die wir von den ersten Stones-Platten kennen. In einem in seiner Biografie „Life“ abgedruckten Brief vom April ’63 feiert Richards seinen Kumpan als „... der größte R&B-Sänger auf dieser Atlantikseite, und das meine ich ernsthaft.“ Richards hat seine Chuck-Berry-Licks gut gelernt und müht sich redlich, sie an der richtigen Stelle loszuwerden, während das Schlagzeug öfters meilenweit neben dem Beat stolpert. Ganz klar, hier sind alle noch in der Ausbildung. Andererseits sollten wir nachsichtig sein, weil wir gar nicht wissen, wie oft jedes Stück vor der Aufnahme geübt wurde. Jagger bringt „Down The Road Apiece“ so vorsichtig und zahm, als sei er permanent bemüht, den auf ein Blatt Papier hingekritzelten Text des Songs zu entziffern.

 

Die Tonqualität der Aufnahmen hält sich in Grenzen. Musikalisch originell sind sie nicht. Ziel ist nicht, einen originären Sound zu schaffen, sondern möglichst exakt zu kopieren. Wer archaische, wilde Stones erwartet, kommt nicht auf seine Kosten. Man kann nicht einmal sagen, dass die Aufnahmen schwierig oder nur für viel Geld zu beschaffen sind. Trotzdem sind sie für Sammler von ungeheurem Wert. Es ist der Reiz des Proberaummitschnitts, der unsere Neugierde befriedigt. Das Tonband wird angeschaltet, weil die Musiker sich selbst anhören wollen, weil sie überprüfen wollen, wie authentisch sie klingen. Was sie aufnehmen, ist nichts Endgültiges, für niemand anderen bestimmt als für sie selbst, weil es voller Fehler, Schwächen ist. Es ist eigentlich verboten mitzuhören, an der Tür zu lauschen und deshalb umso verlockender.

 

Ihre letzten Spuren hinterlassen Little Boy Blue And The Blue Boys März, April 1962, als sie noch mal ein Demoband aufnehmen, mit dem sie Alexis Korner beeindrucken wollen, um an einen Auftritt im Ealing Club zu kommen. Jagger steigt einige Male bei Korners Blues Incorporated ein. Ab Mai gehen die Proben der ersten Stones-Formation los. Am 12. Juli sagt Alexis Korner einen gebuchten Gig im Marquee ab, die „Rollin’ Stones“ springen für ihn ein.

 

Das originale halbstündige Tonband mit 13 Stücken von Little Boy Blue And The Blue Boys wurde 1995 von Mick Jagger in einer Auktion bei Christie’s für 50.250 Pfund ersteigert. Eine Auswahl der Titel ist auf verschiedenen Bootleg-CDs erhältlich, eine komplette Sammlung ist bisher nicht erschienen. Einiges lässt sich über YouTube abrufen. (Titelliste und Infos zu den Veröffentlichungen bei Felix Aeppli: Werkkatalog, Solo Section, Jagger 1001A, Richards 3003.)

 

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So

01

Jul

2012

Genug Stoff

Der erste Eintrag in ein Blog zum Thema Schallplattensammeln muss so epochal sein wie „Janie Jones“ von The Clash oder „Blue Suede Shoes“ von Elvis, also wie der erste Song auf der ersten Seite der ersten Platte.

 

Erste Songs und erste Blog-Einträge geben den Ton vor und können nie ernst genug genommen werden. So weit die Theorie, mit der ich mich nun schon eine Weile herumquäle.

 

Tröstlich, zu wissen, dass ich nicht alleine so leide. Bei Nick Hornby lese ich, was sein „High-Fidelity“-Held Rob Fleming übers Erstellen eines Mixtapes berichtet: „... da gibt es jede Menge auszuradieren, neu zu überdenken und von vorne anzufangen“. Und speziell über die Wahl des ersten Titels: „Man muss mit einer Klassenummer anfangen“, verkündet er, um dann die Klassenummer, die er gerade ausgesucht hat, gleich wieder vom Anfang in die Mitte der zweiten Kassettenseite zu schieben.

 

Ich will jetzt nicht auflisten, was ich alles ausradiert habe, aber nicht wenige Einstiegsideen drehten sich um die Frage, worum’s in so einem Blog genau gehen soll. Keine besonders originelle oder gar epochale Einstiegsfrage, aber auch keine abwegige.

 

Wäre ich nicht notorisch entscheidungsschwach, könnte ich jetzt klipp und klar antworten. Könnte Buchbesprechungen, Interviews oder Videos ankündigen, die Top Five der rarsten ungarischen Reggae-Singles, Beobachtungen auf der Plattenbörse oder Fakten zum Vinyl-Revival und dass alles nicht so humorlos sein soll und musikalisch grenzenlos und dass sich so ein Blog im Grunde vergleichen lässt mit dem Entstehen einer Schallplattensammlung, bei der’s anfangs auch konfus in alle Himmelsrichtungen geht und sich erst nach und nach die Spezialgebiete herausbilden.

 

Also abwarten. Oder noch mal zu Rob Fleming, der erklärt, weshalb er sich in finstersten Gemütslagen zu seinem geliebten Vinyl flüchtet und der damit zwar nicht erklärt, wie das Blog funktioniert, aber dass es funktioniert – hier das Zitat:

 

„Plattensammeln ist nicht so wie Briefmarken oder Bierdeckel oder antike Fingerhüte sammeln. Da steckt eine ganze Welt drin, eine schönere, schmutzigere, gewalttätigere, friedlichere, farbenfrohere, schlüpfrigere, gemeinere und liebevollere Welt als die, in der ich lebe.“

 

Wenn das so stimmt, und natürlich stimmt das so, steckt im Plattensammeln nämlich auch mehr als genug Stoff für ein spannendes Blog.

 

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